Sujetbild: Ein "Businessplan"-Ordner liegt auf einem Schreibtisch neben Stift und Geld.

Deutschland ist ein Land der Angestellten. Von der Politik fühlen sich viele Selbstständige daher nicht genügend wahrgenommen. Dabei waren sie während der Corona-Krise besonders betroffen.

Eigentlich wäre Marc Stähly mit seinem Beruf rundum zufrieden. Den Sprung in die Selbstständigkeit hat der 43 Jahre alte Tontechniker aus dem südhessischen Lampertheim nie bereut. Allerdings hatte er von Anfang mit Fallstricken zu kämpfen. "Als ich mich 2005 selbstständig gemacht habe, hat mir niemand gesagt, dass ich nur drei Monate Zeit habe, in die Arbeitslosigkeitsversicherung einzutreten, das habe ich erst viel später erfahren, dass ich das hätte tun müssen", sagt Stähly. "Danach habe ich keine Chance mehr da reinzukommen. Das ist de facto so."

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Selbstständig in Deutschland – Arbeit mit Risiken

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Auch der Vorwurf der Scheinselbstständigkeit schwebt stets über ihm wie ein Damoklesschwert. Es sind Schwierigkeiten wie diese, die Selbstständige wie ihn auf Dauer zermürben können. In den letzten Jahren ist ihre Zahl drastisch zurückgegangen. Gab es 2010 in Hessen noch 344.000 Selbständige, waren es 2020 nur noch 304.000,
also rund 40.000 weniger.

Corona trifft Selbstständige besonders hart

Es gibt immer noch viele Freiberufler. Auch im Handel und Gesundheitsbereich sind noch viele Selbstständige vertreten. Aber generell hätten immer weniger Menschen das Bedürfnis, sich selbstständig zu machen, beobachtet Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank Kfw. "Vor Corona hatten wir einen sehr gut laufenden Arbeitsmarkt und wenn es im Angestelltenverhältnis gute Angebote gibt, da greifen Menschen gerne zu und gründen seltener", bechreibt Köhler Geib einen weiteren Grund für dafür. Wer sich doch auf das Wagnis Selbstständigkeit einließ, wurde von der Corona-Krise mitunter hart getroffen.

Tontechniker Stähly erzählt, er habe immerhin noch das Glück, dass er als Selbstständiger in die Grundsicherung kam. Aber dadurch werden längst nicht alle seine Kosten gedeckt: "Meine Wohnung wird bezahlt, es wird was zum Lebensunterhalt bezahlt, Essen und Trinken, die Krankenversicherung wird bezahlt, das war es", so Stähly. Für viele andere Posten wie die Telefonrechnung und andere Versicherungen muss er weiter selbst aufkommen.

Partner müssen einspringen

Es gibt viele Selbstständige, die auch durch dieses Raster gefallen sind, berichtet Sandra Beckmann von fwd, einer Vereinigung der Selbstständigen in der Veranstaltungswirtschaft. Wenn derjenige in einer Lebensgemeinschaft war und der Partner vielleicht noch Einkommen hatte, wurde das komplett angerechnet", weiß Beckmann. "Unabhängig davon, ob der Haushalt vorher mit diesen zwei Einkommen gut ausgekommen ist, musste nun ein Einkommen alle Kosten abfedern."

Zwar brachte die Politik weitere Hilfen auf den Weg, aber dass die teilweise zurückgezahlt werden müssen, war vielen Betroffenen anfangs nicht klar, kritisiert Beckmann, die ebenfalls selbstständige Tontechnikerin ist. "In unserem Umsatzzweig ist das sehr dramatisch, weil wir seit 22 Monaten zum Schutz der Bevölkerung nicht arbeiten dürfen, das heißt, wir haben immer noch keine Umsätze."

Besserung in Sicht?

Ähnliche Probleme haben Selbstständige etwa in der Gastronomie, in der Hotellerie und auch in den künstlerischen Bereichen, sagt Alexander Rackwitz, Pressesprecher des hessischen Industrie- und Handelskammertages. Es gehe aber nicht allen Selbstständigen in der Corona-Pandemie schlecht: "Andere, etwa im Bereich der IT-Dienstleistungen oder neue Online-Shops, machen ein sehr gutes Geschäft", sagt Rackwitz.

Obwohl sich viele Selbstständige von der Politik gerade in der Corona-Krise benachteiligt fühlen, könne man das nicht so verallgemeinern, meint Kfw-Chefvolkswirtin Köhler-Geib.
Ihre Beobachtung ist im Gegenteil, "dass Gründungen auf der Prioritätenliste nach oben gerutscht sind."

Beispielsweise hat die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag in Aussicht gestellt,
dass Gründer finanziell gefördert werden sollen und eine Gründung sogar innerhalb von 24 Stunden - ohne viel Bürokratie - möglich sein soll.

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