Windkraft
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Der Stromnetz-Ausbau gilt derzeit als eines der größten Probleme der Energiewende und Deutschland hängt dem Plan viele Kilometer weit hinterher. Doch ohne die Trassen kann der Ökostrom nicht an sein Ziel gelangen. Wie sollte man das Problem lösen?

Von dem Stand, bis zu dem das Stromnetz inzwischen ausgebaut sein sollte, hat man noch nicht einmal die Hälfte geschafft. Ökostrom von Windkraftanlagen auf der Nordsee oder in Ostdeutschland muss im Rest von Deutschland verteilt werden; dafür reichen die Stromautobahnen aber derzeit nicht aus. Gegen die Trassen gibt es aber an vielen Orten Widerstand von Anwohnern, Landwirten und Umweltschützern. Doch wenn Netzbetreiber regulierend in den Markt eingreifen müssen, weil am einen Ende Deutschlands zu viel Strom produziert wird und am anderen Ende zu wenig ankommt, entstehen hohe Kosten, die die Verbraucher zahlen: 2017 summierten sich diese Noteingriffe deutschlandweit auf 1,4 Milliarden Euro.

Müsste man den Bau von Windkraftanlagen daher vorerst stoppen, um nicht zu viel Strom zu produzieren? Dazu ein Pro und Contra:

"Baustopp für Windräder"

von Julia Hummelsiep

Der Strom staut sich im Netz von Nord nach Süd – abhelfen kann hier derzeit nur ein Baustopp für Windräder. Denn das Problem liegt nun mal genau dort: Von den notwendigen 7.700 zusätzlichen Kilometern Stromnetz sind bislang laut Bundesnetzagentur nur etwas mehr als zehn Prozent gebaut.

Haben wir also zu viel Strom aus den Windparks im Norden, sind die Netze überlastet. Die vielen alten Kohlekraftwerke im Netz lassen sich nicht auf die Schnelle an den Bedarf anpassen. Also müssen die Windmüller ihre Anlagen abschalten – um Stromausfälle zu verhindern.

Bevor neue Windanlagen gebaut werden, müssen andere Lösungen her: Etwa Möglichkeiten, überschüssigen Strom in Batteriesysteme zu leiten oder in Wasserstoff oder Wärme umzuwandeln. Solange das nicht passiert, gilt der Vorwurf der billigen Ausrede des trägen Netzausbaus nicht. Abgesehen davon ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien als einziges Ziel der Energiewende im Zeitplan, so dass kurzfristiger Baustopp, also ein Moratorium auf Zeit, ein auf die Bremse treten bei der Energiewende durchaus drin wäre.

Und noch etwas: 60,70-Meter-hohe Stromtrassen vor der Haustür sind ein massiver Eingriff in die Natur. Da müssen Einzelne Opfer bringen, die störenden Masten ertragen – und einen Sinn darin sehen. Dieser Sinn muss den Menschen vermittelt werden. Das braucht Zeit. Der Grünen-Politiker Robert Habeck meint, man müsse aus den Betroffenen Verbündete machen. Stimmt doch: Denn wenn die Politik die Bürger bei der Energiewende nur vor sich hertreibt, nützt das Niemandem – das zieht höchstens Stimmen für rückwärtsgewandte Parteien. Und das ist – auch im Sinne des Klimawandels – Quatsch.

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Hintergrund

Angesichts der Probleme beim Ausbau der Stromnetze ist Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) seit Dienstag auf einer dreitägigen Reise durch die Republik. Auf dem Plan stehen: Gespräche bei der Bundesnetzagentur in Bonn, die Besuche eines Gaskraftwerks in Köln und eines Konverters für Strom aus Windkraft auf See in Emden, die Besichtigung einer Erdkabel-Baustelle sowie Bürgergespräche.

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"Nicht bei der Energiewende auf die Bremse treten"

von Franka Welz

Ja, sind denn jetzt alle verrückt geworden? Weil wir das eine – den Ausbau der Stromnetze – nicht hinbekommen, soll das andere – die Operation Energiewende – ausgebremst werden? Kein Chirurg würde sagen: Der Tumor ist schwer zu erreichen, die Operation wird abgeblasen. Denn das ist die Energiewende: eine, beziehungsweise ein Teil einer Operation am offenen Planeten.

Die Energiewende ist kein Selbstzweck, sondern eine Maßnahme zum Klimaschutz. Und ja, sie steht und fällt mit dem Stromnetzausbau. Aber dass wir die Netze ausbauen müssen, wusste man schon vor zehn Jahren. Es ist aber relativ wenig passiert. Mit den ganz großen Trassen aus dem Norden in die Industriezentren des Südens wird jetzt erst so richtig angefangen. Wir haben also fünf bis zehn Jahre verloren.

Übrigens auch, weil die Deutschen zwar mehrheitlich immer wieder brav in Umfragen antworten, dass der Klimawandel ihre größte Sorge und ihnen Klimaschutz entsprechend superwichtig sei, aber nur vorausgesetzt, dadurch ändert sich für sie persönlich nichts. Aber so geht das nicht, schon gar nicht in Zeiten, in denen Wissenschaftler vor Heißzeiten warnen - also noch extremeren Versionen der jüngsten Hitzewelle. Und das regelmäßig. 

Anstatt also jetzt bei der Energiewende auf die Bremse zu treten, sollte die Politik endlich ehrlich mit den Menschen reden. Über die Bedeutung der Energiewende, über die technischen Details, über mögliche Alternativen zum Netzausbau – deutlich mehr Windkraftanlagen in den Industriezentren. Also, eine ehrliche und fundierte Debatte anstatt bestenfalls halb durchdachter Schnapsideen.

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Sendung: hr-iNFO, 14.8.18, 06:10 Uhr
 

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