Eine Frau hält einen türkischen und einen deutschen Pass ins Bild
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Unsere Korrespondentin macht sich aus verschiedenen Gründen für den Doppelpass stark: Aus eigener Lebenserfahrung heraus und nicht zuletzt deshalb, weil sie die oft rassistischen Untertöne der Debatte furchtbar findet.

Eins will ich gleich zu Anfang sagen: Ich bin beim Doppelpass persönlich betroffen. Meine kleine Tochter hat zwei Pässe: den deutschen und den amerikanischen, weil sie während meiner Korrespondentenzeit in den USA geboren wurde. Sie ist sehr stolz auf ihre "amerikanische Heimat", wie sie gerne sagt. Als Fünfjährige hat sie den Wahlsieg von Donald Trump tief betrauert, weil "für uns Amerikaner ist das ja noch viel schlimmer als für Euch". Was nicht heißt, dass sie Deutschland nicht auch als ihre Heimat betrachten würde.

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zum Artikel Wissenswert: Doppelte Staasbürgerschaft - wie ist die rechtliche Situation?

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Aus eigener Anschauung an diesem und anderen Beispielen bin ich der festen Überzeugung, dass es kein Problem ist, zwei Pässe zu besitzen und sich mit beiden Ländern zu identifizieren. In unserer modernen, globalisierten Welt passiert das immer häufiger. Aber um Menschen wie meine Tochter geht es den meisten Kritikern des Doppelpasses ja gar nicht. Es geht um "die anderen", die "fremden" Doppelstaatler: Türken vor allem, aber nicht nur. Diese ganze Debatte hat bei vielen Teilnehmern rassistische Untertöne, die ich furchtbar finde. Bei der AfD ist das alles sehr offen, wenn Abgeordnete zum Beispiel vom "entarteten Doppelpass" sprechen. Bei anderen Kritikern ist es subtiler, aber auch unschön.

Kein Integrationshemmnis, kein Allheilmittel

Wie heute in der Berichterstattung: Schlagzeile "Sechs von zehn Eingebürgerten behalten ihre alte Staatsbürgerschaft". Und die erste Unterzeile informiert uns: "Kein eingebürgerter Syrer, Afghane, Marokkaner oder Nigerianer hat 2017 den Pass seines Herkunftslandes abgegeben". Da muss doch kleben bleiben: Klar, die Flüchtlinge sind mal wieder das Problem. Nur wer genauer hinliest, bekommt mit, dass die große Mehrheit der Eingebürgerten, die ihren Pass nicht zurückgeben, EU-Bürger sind – also sozusagen "gute" Doppelstaatler. Keine Menschen aus dubiosen Herkunftsländern, vielleicht sogar noch Muslime – Himmel hilf.

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Die Mehrheit der in Deutschland eingebürgerten Ausländer gibt ihren alten Pass nicht ab: Im vergangenen Jahr behielten von den gut 112.000 in Deutschland Eingebürgerten 61,4 Prozent auch ihre alte Staatsbürgerschaft. Das bestätigte das Statistische Bundesamt am Freitag. [mehr]

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Für mich ist der Doppelpass keine Katastrophe, die es unbedingt zu verhindern gilt, weil er irgendjemandem irgendetwas wegnähme oder gesellschaftlich hochriskant wäre, weil er Integration verhindert. Der Doppelpass ist genauso wenig Integrationshemmnis wie er Allheilmittel bei derselben ist. Er ist einfach gelebte Realität - und das sollten wir endlich anerkennen.

Sendung: hr-iNFO, 10.8.18, 16.10 Uhr

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