Kinder Kita
Kinder in einer Kindertagesstätte. Bild © picture-alliance/dpa

Ab August können in Hessen alle Kinder ab drei Jahren bis zu sechs Stunden kostenlos in die Kita gehen. So will es die schwarz-grüne Landesregierung. Doch das Gesetz geht an der Realität vorbei, findet unsere Kommentatorin.

Ich halte das neue Gesetz für falsch. Es klingt zwar schön: kostenlose Kitas für alle und Bildungsgerechtigkeit von Anfang an. Aber meiner Meinung nach ist das Augenwischerei und Wahlkampfgetöse. Und es geht schlicht an der Realität vorbei, denn schon jetzt fehlt es in Hessen in der vorschulischen Bildung an allen Ecken und Enden.

Der Markt für Erzieherinnen und Erzieher ist leergefegt. Kitas in ganz Hessen suchen nach Fachkräften. Und das nicht ohne Grund, denn der Beruf ist in den letzten Jahren mit Füßen getreten worden. Die Arbeitsbelastung ist hoch, das Gehalt eher niedrig, die Ausbildung anspruchsvoll. Und die Erzieherinnen und Erzieher arbeiten oft am absoluten Limit, weil Personal fehlt.

Es gilt, die Situation zu stabilisieren

Das liegt auch daran, dass in den vergangenen Jahren bereits unzählige neue Krabbelstuben und Kitas aus dem Boden gestampft wurden. Es wurden Gruppen eröffnet und neue Erzieherinnen und Erzieher eingestellt, damit Eltern ihren Anspruch auf einen Platz für ihre unter dreijährigen Kinder einlösen können, den sie seit August 2013 haben.

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Wissenswert

Das Betreuungsangebot ist in Hessen in den vergangenen Jahren konstant ausgebaut worden – vor allem für Kinder unter drei Jahren. Aber es reicht nicht. Laut Institut der Deutschen Wirtschaft sucht jedes achte Elternpaar vergebens einen Platz für Kinder unter drei Jahren. In Hessen arbeiten aktuell fast 50.000 Fachkräfte in Kitas. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Nach einer Schätzung des Hessischen Städte- und Gemeindebunds fehlen aber landesweit mindestens 3500 Erzieherinnen und Erzieher. Die hessische Landesregierung stellt in den kommenden Jahren zusätzliche Mittel bereit, um die Qualität der Kitas weiter zu verbessern. Durch das neue Kita-Gesetz sollen Eltern im Schnitt in drei Jahren 5000 Euro sparen.

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Ich finde, dieser riesige Kraftakt reicht erst einmal. Jetzt gilt es, die Situation zu stabilisieren, statt neue Wahlkampfgeschenke zu verteilen. Das Argument, durch die Kostenbefreiung könnten sich auch Eltern mit geringem Einkommen einen Kitaplatz leisten, trägt meiner Meinung nach nicht. Denn schon jetzt sind in vielen Kitas die Beiträge nach Einkommen gestaffelt, so dass viele Eltern ohnehin keine oder nur geringe Beiträge bezahlen.

Ich finde, wir sollten das Geld lieber in das System Kita an sich stecken, statt kostenlose Plätze anzubieten. Also: Erzieherinnen und Erzieher richtig gut bezahlen, alle Krabbelstuben und Kitas - auch die, die nicht neu gebaut wurden - gut ausstatten und so Beruf und Ausbildung wieder attraktiv machen. Sonst haben wir nämlich irgendwann Zustände, in denen Quantität vor Qualität geht – und  die Kinder nur noch aufbewahrt werden, weil die Erzieherinnen und Erzieher nicht mehr hinterherkommen.

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Der Standpunkt gibt die Meinung der Autorin und nicht die der Redaktion wieder.

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Sendung: hr-iNFO, 26.4.18, 16:10 Uhr

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