Berrin T. im Prozess in Staufen
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Der Staufener Missbrauchsfall sorgt für große Aufmerksamkeit: Über Jahre bot eine Mutter ihren Sohn im Darknet für Vergewaltigungen an. Wie außergewöhnlich sind Frauen und Mütter als Täter bei pädophilen Straftaten?

hr-iNFO: Ist eine Mutter, die ihr Kind an Männer für Vergewaltigungen und Missbrauch verkauft, etwas Außergewöhnliches?

Fegert: Der Fall ist in diesem Ausmaß auf jeden Fall etwas Außergewöhnliches. Seit wir die Gelegenheit hatten, für Frau Bergmann - die damalige erste Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs - Zeugnisse von Betroffenen zu erheben, haben wir mitbekommen, dass in ungefähr zehn Prozent der Fälle von Täterinnen berichtet wurde. Und weitere zehn Prozent berichteten über Mittäterinnen, also Konstellationen, wo Frauen zusammen mit einem Partner Kinder missbraucht haben. Es ist wie ein Tabu im Tabu. Aber es ist nicht so selten, wie man manchmal denkt.

hr-iNFO: Warum sind Frauen als Täterin so selten in diesem Bereich? Ist die emotionale Schwelle, ihren Kindern brutalstes Leid anzutun, höher als bei Männern?

Fegert: Wenn man die gesamte Häufigkeit nimmt von sexuellem Missbrauch, und die liegt nach wie vor auch in der jüngeren Generation bei zehn Prozent, haben zehn Prozent aller jungen Erwachsenen in ihrer Kindheit Missbrauch erlebt. Und wenn davon wiederum zehn Prozent Frauen Täterin sind, dann ist es ja nicht sehr selten.

Ich glaube, das ist eher eine Wahrnehmungsschwelle, die bei uns liegt, dass wir der Mutter so etwas nicht zutrauen. Und dass die Betroffenen sich auch noch mehr darüber schämen und sich nicht trauen, sich an uns zu wenden. Darüber wird einfach noch weniger gesprochen.

"Müssen uns trauen, danach zu fragen"

hr-iNFO: Es können Männer und Frauen Pädophilie entwickeln. Gibt es bei der Entstehung solcher krankhafter Neigungen Unterschiede?

Fegert: Die gibt es sicher und wir wissen einfach zu wenig über Frauen, die Kinder missbrauchen. Wenn Sie schauen: Es gibt Angebote für Männer, auch staatlich gefördert in Deutschland. Für Frauen gibt es in diesem Bereich quasi nichts.

Es gibt wenig Angebote für Betroffene, die von Frauen missbraucht wurden. Es gibt dazu einfach zu wenig Auseinandersetzungen. Vielleicht hat der Fall bei allem, was hier jetzt schrecklich und schlimm ist, auch etwas Gutes: Dass dieses Tabu stärker gebrochen wird und dass darüber mehr gesprochen und auch mehr geforscht wird.

hr-iNFO: Sie untersuchen als Wissenschaftler solche Fälle genauer. Haben Sie bei der Erforschung oft Probleme? Eben weil es ein Tabu ist in unserer Gesellschaft?

Fegert: Ich glaube, dass man heute gar nicht mehr so viele Probleme bei der Erforschung hat. Das war eine Zeitlang so, da galt das ganze Thema sexueller Missbrauch als Schmuddelthema und man konnte akademisch damit auch keinen Blumentopf gewinnen. Das hat sich schon geändert. Wir haben erkannt, dass es sich um ein großes Problem handelt. Was wir nicht erkannt haben, ist die Breite der Dimension. Wir sprechen über solche schockierenden Einzelfälle wie heute. Aber es sind wirklich zehn Prozent der Bevölkerung, die betroffen sind. Und hier müssen wir noch stärker die Entstehungsbedingungen anschauen.

Wir haben im Netz ein Jahr lang eine Untersuchung gemacht, in der wir heutige Heimkinder und im Internat untergebrachte Kinder nach Missbrauchserfahrungen gefragt haben, auch nach Täterschaft. Auch da waren unter den Jugendlichen weibliche Jugendliche, die schon Täterschaft, also eigene sexuelle Handlungen an anderen Jugendlichen, zu Protokoll gegeben haben. Ich glaube, wir müssen uns einfach trauen, danach zu fragen und dann auch Hilfen anbieten.

Sendung: hr-iNFO, 07.08.2018, 16:40 Uhr

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