Schüler betreten eine Schule mit Hinweisschild auf die Corona-Regeln an der Tür. (dpa)

Seit sechs Wochen sind Schülerinnen und Schüler in Hessen wieder zurück im durchgehenden Präsenzunterricht. Wie geht es ihnen, den Lehrern und Eltern damit?

Ein bisschen Normalität ist eingekehrt. Die meisten Schüler sind glücklich, ihre Freunde und Lehrer zu sehen. Und auch Eltern sind entlastet, weil der Unterricht zu Hause wegfällt, bestätigt der Vorsitzende im Landeselternbeirat Volker Heitmann: "Das liegt unter anderem daran, dass die Inzidenzen niedrig sind, die Hospitalisierungsraten niedrig sind und inzwischen wieder die ganz normalen Probleme rund um die Schule und das normale Schulleben Vorrang hat. Wobei natürlich zu befürchten ist, dass das die Ruhe vor dem Sturm ist. Also nach den Herbstferien werden die Inzidenzen wahrscheinlich wieder anziehen und wie es dann weitergeht, weiß man zurzeit eben noch nicht."

Hoher Arbeitsaufwand trifft auf Lehrkräftemangel

Was von außen wie Normalität erscheint, stellt sich in der Schule anders dar, sagt Thilo Hartmann, der Landesvorsitzende der GEW Hessen. Die Lehrergewerkschaft hat sich seit Beginn des Schuljahres umgehört. "Die Stimmung ist schon sehr angespannt. Der Lehrkräftemangel macht sich bemerkbar. Aber auch der hohe, hohe Arbeitsaufwand, der zu leisten ist, wenn es gerade um die Pandemiebewältigung geht. Aber eben auch um das aufzufangen, was in den letzten anderthalb Jahren alles nicht passieren konnte. Das ist schon sehr, sehr anstrengend."

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Eine Schutzmaske liegt auf einer Federtasche in einer Schule. (dpa)
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Lernrückstände müssen aufgefangen, Hygienemaßnahmen druchgesetzt, die Digitalisierung vorangetrieben werden. Die Mehrarbeit trifft auf das alte Problem: Lehrkräftemangel. Während die Landesregierung von einer Überversorgung mit Lehrkräften spricht, gibt es an Hartmanns Schule in Dietzenbach, an der er bis vor kurzem Lehrer war, 350 Fehlstunden pro Woche. Das ist immens. "Momentan behelfen wir uns mit Lehramtsstudenten, aber eben auch mit Menschen aus anderen Professionen", sagt Hartmann. "Wir haben Grundschulen, in denen Frisösen eingesetzt sind im Unterricht. Die machen da bestimmt auch einen tollen Job, aber es sind eben keine pädagogischen Fachkräfte. Das heißt, was wir vom Land Hessen eigentlich jetzt bräuchten, wäre eine Einstellungsoffensive genau dieser Kräfte, auch wenn sie vielleicht nicht genau die Fächerkombination haben, die vielleicht an einer Schule gesucht wird."

Hilfe des Landes "nicht ausreichend"

Zwar hat die Landesregierung im Mai 150 Millionen Euro für das Aufholprogramm „Löwenstark“ bereitgestellt und den Schulen Geld für Lehrkräfte überwiesen. Doch die Hilfe läuft erst an. Schüler bekommen davon nichts mit, sagt Landesschulsprecherin Jessica Pilz: "Es ist auf jeden Fall nicht ausreichend bei der aktuellen Lerngrößengruppe, wenn eine Lehrkraft alleine in der Klasse steht und auf diese ganzen Wissensgefälle, die da jetzt entstanden sind, alleine eingehen muss. Das heißt, dafür gibt es auf keinen Fall genügend Lehrkräfte in Hessen."

Daneben geht die Digitalisierung voran. Die Landkreise haben schon einen Teil der Schulen mit WLAN-Verbindungen, elektronischen Tafeln und Endgeräten ausstatten können. Dennoch gibt es auch hier bürokratische Hürden. Beispiel dienstliche Endgeräte für Lehrer, erklärt GEW-Vorsitzender Hartmann: "Jetzt haben wir diese Geräte bekommen, allerdings mit Auflagen, die vor allem den Hintergrund haben, dass man zwar Geräte kauft, aber nicht den Support sicherstellt. So dass man in der Zwangslage ist, die Kosten hierfür möglichst gering zu halten. Und das geht eben am besten, wenn man Lehrkräften nicht erlaubt, irgendetwas auf diese Geräte aufzuspielen. Das sorgt aber dafür, dass viele Kolleginnen und Kollegen sagen, na, dann benutze ich doch lieber mein eigenes Gerät und die Geräte liegen an vielen Schulen rum, und werden nicht eingesetzt, weil sie nicht sinnvoll eingesetzt werden können."

"Grundsätzliche Vision fehlt"

Auch Eltern können diese Zustände nicht verstehen. Landeselternbeirat Heitmann fehlt eine grundsätzliche Vision. Auch beim Thema Luftreinigung rauft er sich die Haare. Manche Kreise haben Schulen mit Luftreinigern ausgestattet, der Wetterau-Kreis verweist auf Fenster. "Bei uns im Kreis haben wir rund 100 Schulen und für diese 100 Schulen ungefähr 134 Luftreinigungsgeräte. Das ist also gerade mal im Schnitt gut ein Gerät pro Schule, und das ist natürlich keine berauschende Ausstattung und aus Sicht der Eltern natürlich viel zu wenig", sagt Heitmann.

Wie sinnvoll Lüften ist, ist wissenschaftlich umstritten. Jeder Verantwortliche beruft sich auf die Aussage, die passt. Die Eltern aber geben ihre Kinder in die Obhut der Schule, und die Schülerinnen und Schüler müssen damit klarkommen, sagt Landesschulsprecherin Pilz: "Das große Problem, was wir momentan sehen, ist, dass wir uns alle wünschen, dass Präsenzunterricht weiter möglich bleibt, weil es die deutlich bessere Unterrichtsform ist, weil es an Konzepten für den Distanzunterricht mangelt. Wir haben aber die große Sorge, dass das über das Jahr nicht möglich sein wird, weil die Ausstattung mangelhaft ist. Und es hat sich eigentlich nicht viel verändert nach einem Jahr, und das ist erschreckend."

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