Abgase
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Unter Lungenärzten ist ein Streit darüber entbrannt, wie schädlich Dieselabgase sind. Gut 100 Ärzte bezweifeln in einer Stellungnahme, dass die aktuellen Grenzwerte für Stickoxide sachgerecht sind. Wie ist die Debatte aus wissenschaftlicher Sicht einzuschätzen?

Jeder Grenzwert ist eine Vereinbarung letztlich darüber, wie sehr man die Gesundheit von Menschen aufs Spiel setzen will. Dass Stickoxide - speziell NO2 - schädlich sind, ist unstrittig. Wie sehr, das ist schwer zu sagen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt für solche Stoffe Empfehlungswerte heraus, aus denen dann politische Einheiten wie die EU zum Beispiel mithilfe ihrer eigenen wissenschaftlichen Gremien wiederum Grenzwerte ableiten. Die Datenlage ist dabei oft dünn, weil die Wirkungen sehr komplex sind.

Bei Luftbelastungen gibt es zum Beispiel Studien, wie viele Menschen in Gebieten mit hoher Belastung früher sterben als solche in Gebieten mit niedriger Belastung. Das könnten bei den Abgasen in Summe einige tausend Menschen in Deutschland sein, vielleicht 30.000 in der EU. Wenn die Belastung höher wird, steigt die Zahl, wenn saubere Autos fahren, sinkt sie. Eine Schwelle gibt es da nicht.

Keine Frage von Mehrheiten in der Ärzteschaft

Der Grenzwert ist deshalb eben kein Wert, ab dem ein Schaden eintritt und vorher nicht, sondern er ist eine festgelegte Grenze zum Schutz der Bevölkerung vor Gefahren. Wo man die jeweils zieht, dafür gibt es wissenschaftliche Standards, aber auch die basieren oft auf statistischen Beobachtungen und nicht auf exakten Laborexperimenten, wie sich das viele Menschen vorstellen. Das ist bei vielen umweltbelastenden Stoffen so, die nicht akut giftig sind, sondern die Gesundheit eben nur belasten.

Wenn man politisch wollte, könnte man den Grenzwert vielleicht auch erhöhen - dann hätten die Städte kein Problem mehr. Allerdings würde die Gesundheitsbelastung möglicherweise rapide steigen, der Schaden ließe sich erst im Nachhinein statistisch feststellen. Das Gleiche gilt übrigens für viele Grenzwerte, bei denen sich die Bevölkerung gegen ein Anheben wehren würde - etwa für die Belastung von Nahrungsmitteln durch Pestizide oder Umweltgifte.

Eine Debatte um Grenzwerte auf wissenschaftlicher Ebene ist ausgesprochen wichtig, aber sie ist keine Frage von Mehrheiten in der Ärzteschaft. Neue Studien bringen neue Ergebnisse und in einigen Jahren vielleicht auch neue Grenzwerte. Würden die jeweils unter politischem Druck verändert, würde das das gesamte System ad absurdum führen. Einfluss kann die Diskussion jetzt aber auf die Entscheidung zum Beispiel von Gerichten haben. Denn bei der Frage, ob Fahrverbote verhältnismäßig sind, kann dieser öffentliche Streit durchaus Folgen haben.

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Sendung: hr-iNFO, 23.01.2019, 16:10 Uhr

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