Annalena Baerbock (Grüne), Olaf Scholz (SPD) und Christian Lindner (FDP) bei einer Diskussionsrunde

Die Menschen wählen eher Persönlichkeiten als Partei-Programme. Das hat das Opaschowski-Institut für Zukunftsforschung in einer Umfrage herausgefunden. Eine Spurensuche in Hessen.

Der Wahlkampf zur Bundestagswahl ist voll im Gange – und wird derzeit schnell persönlich. Und Persönlichkeit ist auch das, was die Wähler wollen. Das ist zumindest das Ergebnis einer Umfrage des Hamburger Opaschowski-Instituts für Zukunftsforschung. Wahlprogramme sind längst nicht mehr ausschlaggebend für die Wahl, sagt Horst Opaschowski, Leiter des gleichnamigen Instituts für Zukunftsforschung.

Die Menschen konzentrieren sich demnach gerade sehr auf die einzelnen Politiker. Allerdings nicht auf ihr politisches Handeln, sondern auf ihr persönliches Verhalten. "Viele Politiker sind, so sagt die Bevölkerung, den Herausforderungen nicht mehr gewachsen, sie wirken wie Getriebene", erklärt Opaschowski. "Hinzu kommt, dass Ehrlichkeit gerade der wichtigste Wert, die wichtigste Tugend der Bundesbürger geworden ist. Und das erwarten sie natürlich auch von den Politikern." Das erkläre, warum die Sehnsucht nach glaubwürdigen Politikern immer größer wird.

"Dieser eine Mensch ist nicht die Partei"

Zwei Drittel der Befragten haben das bestätigt und bei der Umfrage angegeben, ihre Wahlentscheidung von der Persönlichkeit eines Politikers abhängig zu machen. Das Bild in der Gießener Innenstadt ist ein etwas anderes – hier steht das Wahlprogramm für die meisten im Vordergrund.

Michael Minge aus Gießen zum Beispiel schaut auch darauf, wofür eine Partei in der Vergangenheit stand: "Mir geht’s nicht nur um die Persönlichkeit, sondern überwiegend, wofür steht die Partei, was wird sie wahrscheinlich machen und vertritt sie die Dinge, die mir wichtig sind?", so Minge. Natürlich spiele Sympathie auch eine gewisse Rolle, aber "dieser eine Mensch ist nicht die Partei".

Das Zünglein an der Waage

Ähnlich sieht es Lehrerin Hannah Weber. Wofür eine Partei stehe, sei letztlich immer wichtiger als die Wirkung einzelner Personen. Ralf Düring, Bestatter aus Gießen, beobachtet jedoch die gleiche Tendenz wie die Hamburger Wissenschaftler. "Die Landtagswahlen, hat man gesehen, da wurden eigentlich immer die Personen gewählt, die Charisma haben, und nicht die Parteien und ihr Programm", ist er überzeugt.

Es sei aber schwer, sich nur am Parteiprogramm zu orientieren. "Bei vielen Parteien ist das Wahlprogramm sehr ähnlich, ich kann da keine Unterschiede feststellen, tut mir leid", bemängelt der Bestatter. In diesem Fall ist also die Persönlichkeit eher das Zünglein an der Waage – aber nicht der alleinige Grund.

Unterschiede zwischen Stad und Land

Ob jemand eher zur Partei oder zur Persönlichkeit tendiert, ist laut Studie übrigens nicht abhängig von Bildungsstand oder familiären Verhältnissen. Deutliche Unterschiede sieht man aber zwischen Stadt und Land, sagt Opaschowski.

Während in der Stadt die Politikerpersönlichkeit im Vordergrund stehe, geht es im ländlichen Raum dann doch eher um Inhalte: "Die ärztliche Praxis ist weit weg, die Lebensmittelversorgung ist nicht immer gewährleistet, die Internetverbindung ist katastrophal. Das sind alles Dinge, die zur Daseinsvorsorge gehören", erklärt der Instituts-Leiter. Und ob eine Partei solche Mängel beseitigen will, sei eben nicht abhängig von der Persönlichkeit eines Spitzenkandidaten – sondern stehe im Wahlprogramm.

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