weiblicher Körper

Gibt es einen Orgasmus ohne Klitoris? Und wo ist eigentlich der G-Punkt? Männer wie Frauen wissen oft nur wenig über die weibliche Anatomie. Das liegt auch daran, dass sie selbst in Schulbüchern und Wissenschaft noch immer zu kurz kommt.

Ende der 90er Jahre lernt die australische Medizinstudentin Helen O'Connell für ihr Examen. In ihren Lehrbüchern ist die Anatomie der männlichen Geschlechtsorgane genauestens beschrieben und mit anschaulichen Bildern illustriert. Aber: Der innere Aufbau der weiblichen Geschlechtsorgane fehlt völlig. Bilder gibt es nur von den Teilen, die man sowieso von außen sieht.

Bloß ein kleines Knöpfchen

Bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Vor allem die Klitoris, das weibliche Lustorgan, wird auch in aktuellen Anatomiebüchern oft nur als kleines Knöpfchen angedeutet. Dabei liegt die eigentliche Klitoris innen. Sie setzt sich im Becken fort, mit Klitoriskörper, zwei geschwungenen Klitorisschenkeln und an Harnröhre und Vagina grenzende Schwellkörper.

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Zum Artikel "Das Interview" mit Dr. Ruth Westheimer (Sexualtherapeutin): "Vergesst den G-Punkt!"

Ruth Westheimer
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Doch das alles zeigen die Lehrbücher entweder gar nicht oder die Zeichnungen sind schlichtweg falsch. Um das zu ändern hat Helen O'Connell, die inzwischen Karriere als Urologin gemacht hat, in einer aufwändigen Studie detaillierte Darstellungen der inneren Klitoris erstellt. Trotzdem wird das Organ der weiblichen Lust noch viel zu oft ausgeblendet - nicht viel anders als vor 200 Jahren, als in der Medizin die Meinung vorherrschte, Frauen seien ohne Klitoris im Grunde besser dran.

Weibliche Lust: unerwünscht

Zur Zeit von Königin Victoria bestand die Rolle der Frau vor allem darin, möglichst schnell Kinder zu bekommen. Auf ihre Hochzeitsnacht wurde eine britische Lady üblicherweise mit dem Satz vorbereitet: still halten, Augen zu und an England denken. Als wichtigstes Organ des weiblichen Körpers galt die Gebärmutter. Die Klitoris als Sitz der weiblichen Lust sahen Mediziner bestenfalls als unbedeutend und oft sogar als überflüssig an.

1866 entwickelte der englische Gynäkologe Isaac Brown die Klitoridektomie: Das Entfernen der Klitoris als Therapie gegen weibliche Hysterie und Selbstbefriedigung. Ein Eingriff, der noch bis weit ins 20. Jahrhundert von manchen Medizinern empfohlen wurde. Heute hat sich der Blick auf weibliche Lust und den weiblichen Körper in vielen Bereichen gewandelt. Und trotzdem bleibt gerade die Klitoris eine Tabuzone, denn auch in Schulbüchern zur Sexualkunde wird oft nur erwähnt, dass es sie gibt. Und auch die Wissenschaft hat da noch so manchen blinden Fleck.

Noch viel zu entdecken zwischen Vulva und Vagina

Wie genau funktionieren die empfindlichen Sensoren in der Klitoris, die Vibrationen und Berührungen in Lustsignale umwandeln? Können auch Frauen beim Orgasmus ejakulieren?  Und was hat es mit dem geheimnisvollen G-Punkt auf sich? Das sind nur einige der bis heute unbeantworteten Fragen rund um die weibliche Sexualität. Obwohl es zwischen Vulva und Vagina noch so viel zu entdecken gibt bleibt die Forschung dazu sehr überschaubar.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 22.1.2021, 15 bis 18 Uhr

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