CSD Frankfurt
Mit Regenbogenfahne und Federboa für mehr Toleranz Bild © picture-alliance/dpa

Der Nachbar hört zu laut Musik und der Schwager wählt die falsche Partei: Es gibt immer wieder Situationen im Alltag, die uns ärgern. Was davon sollten wir tolerieren und wo sind die Grenzen? Wir haben eine Konfliktberaterin gefragt.

Wir haben Hörer gefragt, wo sie an ihre Toleranzgrenze stoßen und mit einer Konfliktberaterin über die Antworten gesprochen.

Wenn jeder Mensch gegen alles vorgehen würde, was ihm nicht passt, wäre es schlecht bestellt um den gesellschaftlichen Frieden. Toleranz - also das Erdulden von Dingen, die uns stören - ist deshalb wichtig für das Miteinander in einer Gesellschaft. Genau daran fehlt es aber, glauben viele Menschen in Deutschland: In einer vom hr beauftragten repräsentativen Umfrage haben zwei Drittel der Befragten gesagt, dass ein unterschiedliches Maß an Toleranz gegenüber der Meinung Andersdenkender ein Problem in Deutschland sei und zu Spaltung und Konflikt führe.

Doch wie tolerant müssen wir sein? Zur Freiheit des Einzelnen gehört es schließlich auch, dass man seine Interessen und Überzeugungen artikulieren und für sie kämpfen darf.

Wir haben Menschen in Hessen gefragt, wo es ihnen schwerfällt, tolerant zu sein. Die Ergebnisse bewertet Christa Kaletsch, Projektleiterin 'Zusammenleben neu gestalten' des Vereins Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik. In einer pluralen Gesellschaft sei es "wichtig, darauf Rücksicht zu nehmen, dass wir alle verschieden sind und wir uns in unserem Anderssein sein lassen können", sagt Kaletsch. Gerade im Alltag sei Toleranz aber manchmal abhängig von der Situation und der persönlichen Tagesform. Deshalb sei generell eine gewisse Entspanntheit und Gelassenheit hilfreich.

Wo Toleranz schwerfällt - Beispiele unserer Hörerinnen und Hörer

Fall 1: Der Müll

Elvira Rommel ärgert sich über ihren Nachbar. Er wirft ständig seinen Müll in ihre Mülltonne, sodass sie selbst manchmal keine Möglichkeit mehr hat, ihren Müll loszuwerden. Außerdem trennt er seinen Müll nicht, sondern wirft alles in ihre Plastiktonne. Sie versuche, tolerant zu sein, sagt Rommel. Aber obwohl sie den Nachbarn mehrfach gebeten hat, damit aufzuhören, ändert er sein Verhalten nicht.

Die Einschätzung der Expertin

"Ich finde es beeindruckend, dass sie immer wiederkehrend diese Gelassenheit an den Tag bringt", sagt Christa Kaletsch. Das zeuge von einer hohen Toleranzgrenze. Nachbarschaft sei etwas, wobei man sich in der Privatheit sehr nahe komme. "Sie kann der Situation ja nicht ausweichen."

Was bei diesem Fall aufällig ist: Es gehe immer um das gleiche Fehlverhalten - fast als ob der Nachbar eine Grenze austeste, so Kaletsch. "Manchmal ist das Problem, dass Menschen, die sehr konstruktiv sind, auf einen Gegenpart treffen, der nicht konstruktiv ist." Da empfehle es sich manchmal, doch die Strategie zu ändern und eventuell ein Warn-Schreiben an den Nachbarn aufzusetzen, um eine klare Grenze zu ziehen.

Fall 2: Der Trump-Fan

Thomas Traues Schwager ist Amerikaner, lebt in Texas und ist ein Anhänger von Donald Trump. Thomas Traue, der selbst kein Fan des US-Präsidenten ist, sagt, das bringe viele Spannungen in die Familie. Dennoch versucht er, tolerant zu sein, weil er dieses Verhalten auch seinen Kindern gegenüber vorleben will. Doch es fällt ihm schwer.

Die Einschätzung der Expertin

In der Familie sei es oft schwieriger, Emotionen in den Griff zu bekommen, sagt Christa Kaletsch. Aber: "Ich glaube, es ist wichtig, dass man die andere Person, wenn man mit ihr in Kontakt bleiben möchte, nicht auf diese politische Frage reduziert. Es sollte deutlich werden: Ich mag und schätze dich, aber in dieser einen Sache haben wir einen Dissens". Kaletsch empfiehlt, in solchen Konstellationen keine wiederkehrenden Diskussionen zu führen. Doch wenn es um Themen oder Aussagen gehe, die zum Beispiel gegen die Menschenwürde gingen, könne man auch mal hart in der Sache streiten, ansttat sie dem Familienfrieden zuliebe unter den Teppich zu kehren.

Fall 3: Am AfD-Stand

Ein Hörer erzählt, dass er auf offener Straße angefeindet und als "Nazi" bezeichnet wurde, nur weil er sich vor der Europawahl am Stand der AfD informiert habe.

Die Einschätzung der Expertin

"Ich glaube, es ist wichtig bei solchen Auseinandersetzungen auf der Straße, auch wenn man das Gefühl hat, dass man mit bestimmten Positionen absolut nicht einverstanden ist, nicht Rituale zu machen, die anderen Leuten Angst machen", sagt Christa Kaletsch. Es dürfe nicht sein, dass Menschen sich fürchten oder beschimpft würden, nur weil sich sich informieren wollen. "Ich bedauere, dass diesem Mann das passiert ist."

Fall 4: Die Supermarktkasse

Katja Hausner ist in einem Supermarkt einkaufen und stellt sich an der Kasse an. Vor ihr steht ein Mann und davor ein Paar, die Frau trägt ein Kopftuch. Die Kunden suchen offensichtlich nach einer Tüte für ihre Einkäufe, Katja Hausner reicht ihnen eine. Daraufhin sagt der Mann vor ihr: "Warum machen Sie denn sowas? Soll das Pack doch gucken, wie es klarkommt". Katja Hausner ist entsetzt und widerspricht dem Mann: "Die Menschen haben ihnen doch gar nichts getan".

Die Einschätzung der Expertin

"Ich glaube, die Aussage des Mannes ist Ausdruck dessen, dass wir an bestimmten Stellen keine Klarheit haben von Schlüsselakteuren, dass wir in einer pluralen Gesellschaft leben und dass in dieser Gesellschaft Menschen mit Kopftüchern oder Turban einkaufen gehen", sagt Christa Kaletsch. "Wenn Schlüsselakteure wie Bürgermeister oder auch Innenminister in Zweifel ziehen, ob alle selbstverständlich Zugehörige sein können, dann fühlen sich Menschen im Alltag in öffentlichen Räumen ermutigt, ihre rassistischen Haltungen zu zeigen."

Dass Katja Hausner etwas gesagt habe, findet Kaletsch wichtig: "Was ich gut finde an ihrer Reaktion ist, dass sie deutlich gemacht hat, dass eine solche Haltung in diesem öffentlichen Raum nicht akzeptabel ist, dass hier nicht eine Sagbarkeitsgrenze einfach verschoben werden kann". Wichtig sei aber, bei Gegenrede auf persönliche Beleidigungen zu verzichten und sich nicht auf lange Diskussionen einzulassen. Entscheidend sei, dass die angegriffenen Menschen merkten, dass man nicht bereit sei, das Fehlverhalten des Mannes zu akzeptieren.

Sendung: hr-iNFO, 19.6.19, 12:05 Uhr

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