Eine Demonstration in Tunis am 13. Dezember 2020

Vor genau zehn Jahren verbrannte sich der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi – aus Protest gegen die Willkür des Staates. Sein Tod löste den sogenannten Arabischen Frühling aus. Doch der demokratische Weg bleibt in Tunesien steinig und frustrierend.

Als der Sarg aus dem Auto gehoben wird, gibt es im tunesischen Sidi Bouzid kein Halten mehr. Es ist der Sarg mit dem Leichnam von Mohamed Bouazizi. Tausende geballte Fäuste strecken sich in die Luft. "Das Blut von Mohammed wird nicht umsonst geflossen sein", rufen die aufgelösten Menschen Anfang Januar 2011. Einer seiner Freunde sagt damals: "Mohamed hat Obst und Gemüse verkauft, um davon Bücher bezahlen zu können. Er hat doch studiert – und er wollte seine Familie unterstützen."

Bouazizi wird nur 26 Jahre alt. In Sidi Bouzid, vier Autostunden südlich der Hauptstadt Tunis, hatte er sein Geld als Gemüsehändler verdient. Als die Polizei ihm seine Waren wegnimmt und ihn misshandelt, übergießt er sich vor dem Sitz der Regionalverwaltung mit Benzin – und zündet sich an. "Schluss mit der Armut! Schluss mit der Arbeitslosigkeit!", schreit er dabei.

Der Dampfkochtopf geht hoch

Die Selbstverbrennung Bouazizis löst dank der Informationsverbreitung durch soziale Medien in Tunesien Massendemonstrationen aus. Es kommt zur Revolution. Aktivisten aus der Zeit beschreiben Tunesien als Dampfkochtopf, der in die Luft fliegt, weil er zu lange unter zu großem Druck stand. Das Volk hat die Nase voll – es fliegen Steine, Flaschen und Molotowcocktails. Das Regime schlägt zurück. Mit Gummiknüppeln, Tränengas und scharfer Munition.

Als es sich in die Ecke gedrängt fühlt, versucht der autokratische Langzeit-Präsident Zine el-Abidine Ben Ali zu beschwichtigen. "Ja, ich habe euch verstanden. Ich habe alle verstanden: den Arbeitslosen, den Demonstranten, den Politiker und den, der mehr Freiheiten verlangt", behauptet er. Ben Ali hatte das Land zuvor zu einem Polizei- und Überwachungsstaat umgebaut. Folter, Brutalität und Intrigen gegen Journalisten und Oppositionelle gehörten zum System.

Vom Leuchtturm wollen viele nichts mehr hören

Zehn Tage nach dem Tod von Gemüsehändler Mohamed Bouazizis, flüchtet Ben Ali nach 23 Jahren an der Macht nach Saudi-Arabien. Zuvor hatte es zahlreiche Tote und Verletzte durch Sicherheitskräfte gegeben. Das kleine, rund zwölf Millionen Einwohner zählende Tunesien ist der Ausgangspunkt des sogenannten Arabischen Frühlings und das einzige Land, dem ein Regimewechsel und letztendlich ein anhaltender Demokratisierungsprozess gelingt. "Leuchtturm des Arabischen Frühlings", so wird Tunesien gerne in den Medien genannt. Die freie deutsche Journalistin Sarah Mersch sagt, vielen Menschen im Land hängt dieser Begriff schon aus den Ohren raus.

Mersch lebt seit rund zehn Jahren im Land, hat die Revolution hautnah miterlebt. Sie sagt, der politische Umbruch habe den Menschen vor allem Meinungsfreiheit gebracht. "Allein die Tatsache, dass die Leute im Café auf einmal über Politik diskutiert haben. Das war unvorstellbar. Das ist undenkbar gewesen vorher. Die Leute haben vorher ihr Telefon ausgestöpselt, wenn sie zu Hause über Politik geredet haben."

Issam hat die Hoffnung aufgegeben

Vieles hat sich zum Positiven geändert. Trotzdem sitzen der Frust und die Enttäuschung bei vielen tief. Vor allem in strukturschwachen Regionen. Wie in Sidi Bouzid, wo auch Mohamed Bouazizi herkam. Die Stadt in Zentral-Tunesien hat kein Meer für Tourismus oder schicke Hotels. Die Stadt ist umgeben von Bergen und ist der größte Gemüseproduzent im Land. Hier lebt auch der arbeitslose Issam.

Seit der Revolution habe sich hier gar nichts geändert, sagt er. Im Gegenteil: Das Leben sei teurer und schwieriger geworden. "Zehn Jahre Revolution: Warum gab es die denn? Wegen drei Forderungen: Arbeit, Freiheit, Würde. Wir haben nichts davon gesehen. 20.000 junge Ingenieure verlassen jährlich das Land, die Ärzte gehen auch alle. Die restlichen gehen illegal nach Italien, zu den Terroristen nach Syrien, Irak oder Libyen, und der Rest verkauft Haschisch", so Issam. In die Politiker in der Hauptstadt setzt er keine Hoffnungen mehr. Von denen kämen nur falsche Versprechungen.

Arbeitslosigkeit als Problem

Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit in Tunesien nach der Revolution höher als davor. In den vergangenen Monaten fanden in verschiedenen Orten des Landes Blockaden von Ölanlagen statt, Streiks und Demonstrationen. Es geht um Investitionen in die entlegenen Regionen des Landes und Arbeitsplätze. Junge, frustrierte Männer, ohne Aufgabe: Das kann ein Nährboden für Extremismus sein, warnen Experten.

In den ersten Jahren nach dem Arabischen Frühling hatte es eine Vielzahl islamistischer Anschläge in Tunesien gegeben. Zum Beispiel 2015 auf Besucher des Bardo-Museums in Tunis und Touristen im Urlaubsort Sousse. Seither hat sich die Sicherheitslage in Tunesien deutlich verbessert. Der Tourismus erholte sich – bis zur Corona-Pandemie.

Trotz Fortschritt noch viele Baustellen

Auch politisch ist Tunesien gelähmt: Soziale Reformen für die Bevölkerung kommen politisch nicht voran. Ständig wechseln Ministerpräsidenten, seit der Revolution neun Mal. Das Parlament bleibt auch nach den Wahlen im Herbst 2019 weiterhin zersplittert.

Selbst Tunesiens größtes Aushängeschild im Ausland, frustriert heute viele: Frauenrechte. Schon vor der Revolution hatten Tunesiens Frauen im Vergleich zu ihren Geschlechtsgenossinnen in der Region mehr Rechte. Seit den 1950ern sind Frauen per Verfassung gleichberechtigt, dürfen legal abtreiben, die Polygamie ist abgeschafft. Die neue Verfassung gilt als modernste in der sogenannten arabischen Welt.

Aber: Viele halten noch an einer traditionellen Rollenverteilung der Geschlechter fest. Die tunesische Gesellschaft gilt in großen Teilen als konservativ. Das trifft im Alltag vor allem Frauen und sexuelle Minderheiten im Land, auch wenn heute offener über Themen wie Sex oder Homosexualität geredet werden kann. Zu den Präsidentschaftswahlen 2019 wollte sogar erstmals ein offen homosexueller Kandidat antreten. Trotzdem: Sowohl politisch als auch gesellschaftlich haben die Tunesier noch viele Baustellen zehn Jahren nach der Revolution.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 17.12.2020, 6-9 Uhr

Jetzt im Programm