Mitarbeiter einer "Drive-Thru"-Impfstelle in Orlando, Florida, verabreichen Menschen eine Dosis mit dem Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson

Eine Corona-Impfung kann man in den USA inzwischen an jeder Ecke bekommen - und Geschenke gibt's oft obendrauf: Joints, Stipendien oder Glückslose. Und dennoch stockt die Impfquote. Das liegt auch daran, dass die Spritze längst zum parteipolitischen Propaganda-Instrument geworden ist.

Impfstoff gibt es hier im Überfluss. So viel, dass die USA allein vergangene Woche 22 Millionen Dosen an bedürftige Länder geschickt haben. Gefühlt an jeder Straßenecke kann man sich hier impfen lassen, im Museum, beim Frisör, im Drogeriemarkt. Sogar die Tiere in den großen Zoos haben mittlerweile ihre Dosis intus.

Pandemie der Ungeimpften

Wer einen extra Motivationsschub braucht, der geht dorthin, wo es noch ein Geschenk obendrauf gibt: Je nach Bundesstaat zum Beispiel Donuts, einen Joint, ein College-Stipendium, einen Geländewagen oder ein Glückslos, so wie in Kalifornien. Dort zieht der Gouverneur die Lottokugeln persönlich, und verteilt an jede Losnummer 50.000 Euro Impfprämie. 

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Eine Besucherin geht im Impfzentrum Tübingen durch einen leeren Gang zum Impfen. (dpa)
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Doch spätestens seit Anfang Juli ist klar: Die Impfkampagne stockt gefährlich, und der Wettlauf gegen die Delta-Mutante hat begonnen. Ihr Anteil liege in den Staaten mittlerweile bei 83 Prozent, gab die Chefin der Seuchenbehörde Rochelle Walensky bekannt. Binnen einer Woche sei die Quote der Neuerkrankten um 53 Prozent in die Höhe geschnellt. "Die Delta-Variante ist viel ansteckender als frühere Virusvarianten", sagt sie. "Es ist die ansteckendste Atemwegserkrankung, die ich in 20 Berufsjahren gesehen habe." Fast alle Toten und fast alle Schwerkranken hätten keinen Impfschutz gehabt. Covid ist längst eine Pandemie der Ungeimpfen.

Parteipolitisches Propaganda-Instrument

Die Situation sei dramatisch, sagt Walensky. Noch nicht einmal die Hälfte der Staaten haben die von Biden angepeilte Quote von 70 Prozent erreicht. Woran das liegt? Daran, dass die Spritze längst ein parteipolitisches Propaganda-Instrument ist. 

Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie beim republikanischen Sender Fox News. Die Vokabeln, mit denen Ängste vorm Impfen geschürt werden, sind darauf angelegt, tiefsitzende amerikanische Traumata zu triggern. Da ist die Rede von "Terror", "Taliban", "Apartheid". Biden wolle die Menschen mit dem Impfen der Freiheit berauben, wird behauptet. Dazu zeigen Bildmontagen einen kleinwüchsigen Präsidenten, der mit irrem Blick eine überdimensionierte Spritze in ein vor Schmerz schreiendes Baby rammt. 

Wie mächtig diese politisch verbrämten Verschwörungserzählungen sind, zeigt sich gerade am Beispiel Las Vegas in Nevada, das sich derzeit zum Delta-Hotspot entwickelt. Nur etwa 40 Prozent haben dort vollen Impfschutz - der Rest, so sagt der dortige Gesundheitsbeauftragte, misstraue der Biden-Regierung und der Impfung. "Den Kampf gegen Covid zu führen, ist schon schwer genug", sagt er, "aber nun sich gegenseitig zu bekriegen, ist furchtbar."

Coup des Weißen Hauses

Im Kampf gegen Corona läuft den USA die Zeit davon. Freie Joints und Lotteriegewinne helfen offenbar nicht mehr - es braucht eine andere Strategie. Und die scheint es zu geben. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, Kontakt mit Fox News aufgenommen habe - Details wurden nicht genannt. Dafür geschah plötzlich etwas, was in der Medienwelt einer Sensation gleicht. Einer der schärfsten Wortführer und Trump-Verehrer, Shawn Hannity, rät plötzlich zur Impfung. "Nehmen Sie Covid ernst", appelliert er. "Zu viele Menschen sind gestorben. Ich glaube an die Wissenschaft und an die Impfung."

Möglicherweise ist dem Weißen Haus damit ein Coup geglückt: Eine Art Pakt mit dem Impf-Gegner als einzig wirksames Mittel, die Menschen zum Impfen zu bewegen? Auf den plötzlichen Gesinnungswandel angesprochen, sagte Biden nur süffisant am Rande, er danke Fox News und den Republikanern, möglicherweise hätten sie ja eine "Erleuchtung" gehabt, wie man unter Katholiken sage. 

Es scheint tatsächlich Wirkung zu zeigen. In den besonders von der Delta-Variante gebeutelten Staaten Arkansas, Florida, Louisiana, Missouri und Nevada steigt seit kurzem die Impfquote. Vorher hatten sich dort namhafte Republikaner plötzlich fürs Impfen ausgesprochen - und Fox News hatte berichtet. 

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