Holocaust

Eigentlich sollte der diesjährige Gedenktag in Auschwitz den Kindern im KZ gewidmet sein. Nun muss wegen der Pandemie auch hier auf Online geschaltet werden. Eine Vorschau auf das künftige Holocaust-Gedenken ohne direkte Begegnungen?

Noch vergangenes Jahr, zum 75. Jahrestag der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, war Auschwitz ein Teil der internationalen Aufmerksamkeit sicher, kamen hochrangige Gäste aus aller Welt in das frühere deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager.

Auschwitz sei nicht vom Himmel gefallen, mahnte damals Ex-Häftling Marian Turski mit der Autorität eines Auschwitz-Überlebenden, es habe sich vielmehr Schritt für Schritt angebahnt: "Seid nicht gleichgültig, wenn Minderheiten diskriminiert werden. Seid dem elften Gebot treu: 'Sei nicht gleichgültig!' Denn wenn ihr es seid, werdet ihr kaum merken, wenn eines Tages auf Euch oder Eure Nachkommen ein neues Auschwitz vom Himmel fallen wird."

"Sie leiden unter der Einsamkeit"

Doch die Corona-Pandemie hat auch das Gedenken an den Holocaust fest im Griff. Erstmals seit 1947 musste die Gedenkstätte wochenlang schließen; inzwischen vermeldet sie, die zuletzt von jährlich zwei Millionen Menschen aus aller Welt besucht worden war, auch Finanzprobleme. Keine Begegnungen mehr gibt es dort und anderswo mit den letzten hochbetagten Zeitzeugen, und die Feiern 76 Jahre nach der Befreiung wurden ins Internet verlegt.

Für die Überlebenden ist das schwer, wie Andrzej Kacorzyk, Direktor des Internationalen Bildungszentrums bei Auschwitz, berichtet: "Auch während der Vorbereitungen zu diesem Jahrestag haben wir gesehen, wie sehr die Überlebenden den Kontakt brauchen. Wie sehr sie wieder auf den Tag gewartet haben. Für viele war es die einzigartige Gelegenheit, Kameraden von damals zu treffen. Wir stehen in Kontakt mit ihnen, aber leider leiden sie unter der Einsamkeit und das spürt man sehr."

Die Pflicht zu reden

Besonderes Augenmerk legt die nun zwangsläufig virtuelle Gedenkfeier dieses Jahr auf die über 200.000 in Auschwitz ermordeten Kinder – und die meisten der noch lebenden Zeitzeugen waren damals welche. So wie Bogdan Bartnikowski, der als zwölfjähriger fünf Monate lang in Auschwitz war, bevor er das Kriegsende in einem Außenlager des KZs Sachsenhausen bei Berlin erlebte.

"Es sind schwere Erinnerungen, aber es ist unsere Pflicht, darüber zu reden. Dass ich heute nicht da sein kann, bedaure ich sehr." Viele Überlebende wollten nie zurückkehren an diesen Ort, manche wollten nicht einmal mehr darüber sprechen. Er aber empfinde mittlerweile sogar Genugtuung darüber, dass es ihm gelang zu überleben. "Ich bin jetzt einer der Jüngsten von uns und doch schon 89, aber so lange ich lebe, werde ich mich mit Leuten treffen und von unserem Überleben berichten."

Kein Ersatz für einen Besuch

Nicht erst seit der Pandemie bereitet sich die Gedenkstätte darauf vor, auch in der digitalen Welt präsent zu sein. Ein aufwendig gemachter virtueller Rundgang wurde in der Pandemie nun doppelt so oft besucht wie zuvor. Das Team der Gedenkstätte ist in den sozialen Netzwerken sehr aktiv und sieht darin auch Chancen, etwa jenseits der großen Jahrestage durch bebilderte und geschilderte Einzelschicksale Interesse zu wecken, was durch personalisierte Ansätze auch gut gelinge.

Letztlich aber sei auch die beste Internet-Strategie nicht ebenbürtig mit der direkten Begegnung, mit dem Blick auf in Auschwitz ausgestellten Tonnen von Menschenhaar, all den Zahnbürsten und Schuhen der ausgeraubten und ausgeweideten Opfer, mit dem Blick auf die Ruinen der Krematorien in Birkenau.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 27.1.2021, 6 bis 9 Uhr

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