Fläschchen mit dem Impfstoff von AstraZeneca (REUTERS)

Weil es zu tödlichen Thrombose-Fällen bei Menschen kam, die sich mit AstraZeneca gegen das Coronavirus haben impfen lassen, haben einige EU-Länder die Verwendung des Impfstoffs vorerst gestoppt. Ein kausaler Zusammenhang konnte bislang aber nicht nachgewiesen werden.

Die Meldungen über den Impfstoff von AstraZeneca verbreiten Unsicherheit unter den Impfberechtigten, berichtet Anke Richter-Scheer. Sie ist Vorstandsmitglied des Hausärzteverbands Westfalen-Lippe in Nordrhein-Westfalen und ärztliche Leiterin eines Impfzentrums in der Region. "Als das im Radio kam, hatte ich auch prompt eine Impfwillige, die ganz aufgeregt war. Aber auch da konnte man mit Sachargumenten sehr gut argumentieren", erzählt sie. Und zum Argumentieren gehört auch zu wissen, was genau passiert ist.

Blutgerinnsel in Österreich, Dänemark und Italien

Zunächst hatte eine Person in Österreich eine Thrombose bekommen, also ein Blutgerinnsel, das ein Gefäß verstopft, und war gestorben – zehn Tage nach einer Impfung mit AstraZeneca. Zwei weitere Thrombose-Fälle nach der Impfung sind bekannt, ein Fall mit einer Lungenembolie – auch meist Folge eines Blutgerinnsels, das ein Lungengefäß verstopft.

Auch die dänische Gesundheitsbehörde berichtet über schwere Fälle von Blutgerinnseln bei Geimpften – es habe einen Todesfall gegeben, dänische Medien berichten, es handle sich dabei um eine 60-jährige Frau. Und auch aus Italien kommen Meldungen über zwei verstorbene Männer, die zuvor mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft wurden. "Wir nehmen die Meldungen sehr, sehr ernst und bewerten sie natürlich sofort", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dazu.

"Kein Hinweis auf kausale Verbindung"

Zuständig für eine solche Bewertung ist in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut in Langen. Das hatte am Donnerstagabend bereits reagiert und sieht "bislang keine Hinweise, dass der Todesfall in Dänemark mit der Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca in kausaler Verbindung steht".

Nach derzeitigem Kenntnisstand also sei die Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff nicht die Ursache für das Auftreten der Thrombosen. So sieht es auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA: Sie teilt mit, dass ihr im gesamten europäischen Wirtschaftsraum insgesamt 30 Fälle von Gerinnungsstörungen gemeldet wurden, die nach einer Impfung mit AstraZeneca aufgetreten sind – bei knapp fünf Millionen Impfungen damit insgesamt.

Statistisch im gewohnten Bereich

Deutschland verzeichnet elf unterschiedliche Fälle von Gerinnungsstörungen nach einer AstraZeneca-Impfung. Vier Menschen sind damit laut Paul-Ehrlich-Institut gestorben. Sowohl für die EMA als auch das Paul-Ehrlich-Institut liegt die Zahl der Thrombose-Fälle nach einer Impfung statistisch im gewohnten Bereich. Das heißt, die Rate der Thrombosekranken nach einer Impfung mit dem AstraZeneca-Mittel ist genauso hoch wie die Rate von Thrombosekranken in der Normalbevölkerung, also den Nicht-Geimpften. "Ich bedaure es, dass auf dieser Grundlage – Wissensstand Freitagvormittag – einige Länder in der Europäischen Union das Impfen mit AstraZeneca ausgesetzt haben", so Spahn.

Dänemark etwa hat die Impfungen mit AstraZeneca für 14 Tage komplett gestoppt, Norwegen und Island ebenfalls. Weitere Länder haben die Impfungen bestimmter Chargen ausgesetzt – darunter Italien, Estland, Litauen, Luxemburg, Rumänien und Lettland. Reine Vorsichtsmaßnahmen sind das nach Angaben der jeweiligen lokalen Behörden. Denn die Thrombosefälle sind in Österreich nach einer Impfung aus der gleichen Charge aufgetreten, auch in Dänemark soll die Verstorbene aus dieser Charge geimpft worden sein.

Nutzen höher als Risiko

In Italien ist es nach Angaben der dortigen Behörden eine andere Charge gewesen. Die Charge aus Österreich und Dänemark wird im Moment von der europäischen Arzneimittelbehörde auf Qualitätsmängel geprüft. Hinweise darauf gebe es bislang aber nicht. Eine Millionen Dosen sind laut EMA in der betreffenden Charge, sie wurde an 17 EU-Länder geliefert – darunter eben Dänemark, aber auch Frankreich, die Niederlande und Spanien, nicht aber Deutschland. Hierzulande wird uneingeschränkt weiter mit AstraZeneca geimpft. "Mit dem, was wir bisher wissen, ist der Nutzen nach allen Vorfällen, die bisher berichtet und auch untersucht wurden, bei weitem höher als das Risiko", sagt der Bundesgesundheitsminister.

Sowohl die EMA wie auch das Paul-Ehrlich-Institut empfehlen daher, dass mit AstraZeneca weiter geimpft wird, während die Ursachen der Thrombose-Fälle noch untersucht werden. Und diese Ansicht teilen zahlreiche Impfexperten in Deutschland, aber auch in ganz Europa. Viele von diesen Medizinern argumentieren mit den mehr als elf Millionen AstraZeneca-Impfungen in Großbritannien. Dort gebe es keine Meldungen über mehr Thrombose-Fälle als sonst.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 12.3.2021, 15-18 Uhr

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