Symbolfoto Flucht

Spätestens seit 2015 lesen wir immer wieder von Migranten, die ihre Heimatländer verlassen, um über das Mittelmeer nach Europa zu reisen. Die Mehrheit schafft es aber gar nicht erst auf ein Boot nach Europa. Auch Ali hat eine Reise von 5.000 Kilometern und drei Jahren hinter sich - zu Fuß.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Wissenswert: Was ist der UN-Flüchtlingspakt?

Podcast aktuell
Ende des Audiobeitrags

Ali sitzt in einem Hinterhof in der marokkanischen Hauptstadt Rabat und rappt. In seinen Songs erzählt er von seinem Afrika. Sie handeln von Verlust, Migration, Rassismus und korrupten Eliten. Ali sitzt in Jeans, schwarzem Shirt, Jacke und Turnschuhen auf einem alten Holzstuhl. Hier in Rabats Innenstadt wird gerade eine alte Villa im französischen Kolonialstil restauriert, sein Mitbewohner aus dem Senegal arbeitet schwarz auf der Baustelle. Im Hinterhof kann Ali offen reden. Der 30-Jährige ist illegal, ohne Papiere, in Marokko.

Vor gut drei Jahren hat Ali seine Heimat Togo verlassen, in einer Nacht- und Nebelaktion. Grund sei die regierende Partei, die seit Jahrzehnten Togo ausbeute. Dagegen ging die Opposition auf die Straße. "Wenn ich mich nicht täusche, war es der 19. August 2017, nach einem friedlichen Protestmarsch", erzählt Ali. "Ich bin gegangen, weil sie mich gesucht haben, um mir das Leben zur Hölle zu machen."

"Sie wollten mich auslöschen"

Der 19. August 2017 - das Datum, an dem sich Ali auf den Weg machte. Damals kam es in Togo zu sozialen Spannungen und Protesten. Ali hatte Angst, verhaftet zu werden, oder Schlimmeres. "Die haben mich gesucht, um mich auszulöschen, weil ich Teil der Opposition war", sagt er. "Viele meiner Freunde wurden festgenommen, manche landeten im Gefängnis, manche sind einfach verschwunden und das alles wollte ich vermeiden und habe die Chance genutzt, um abzuhauen."

Ali kommt aus Sokodé, einer Stadt (ca. 87.000 Einwohner) im Zentrum Togos. In dem kleinen westafrikanischen Staat leben rund acht Millionen Menschen - das Land ist in etwa so groß wie Baden-Württemberg und Hessen zusammen. Gut zwei Drittel der Menschen dort leben unterhalb der Armutsgrenze - so wie Ali. Er kommt aus einer armen Familie, sagt er. Seine Eltern konnten ihn nicht unterstützen, deswegen lebte er lange auf der Straße.

5000 Kilometer zu Fuß

Bis er in Marokko ankam, musste Ali rund 5000 Kilometer hinter sich bringen – den Großteil zu Fuß, erzählt er. Geld verschaffte er sich durch Gelegenheitsjobs, meistens auf Baustellen. Sein Weg: von Togo nach Burkina Faso und Niger – irgendwann landet er in Algier, der Hauptstadt Algeriens. Von hier aus plante Ali, nach Europa zu gehen. Doch das Leben in Algerien ist hart für schwarze Afrikaner, erzählt er: Ständig würden sie belästigt von Sicherheitskräften.

Eines Tages griffen sie Ali auf, als er einkaufen wollte: "Sie haben angefangen mich zu schubsen, dann haben sie mich festgenommen". Er bekam zunächst sein Telefon abgenommen und später auf dem Revier alles, was er noch dabei hatte. "Freunden von mir haben sie üble Frakturen verpasst, andere waren schwer verletzt. Sie sind brutal."

Ausgesetzt in der Wüste

Mit anderen Migranten und Geflüchteten wurde Ali in einem Bus transportiert. Erst dann erfuhr er, wohin es gehen sollte.  "In den Bussen waren wir immer eingesperrt", sagt er, "dann wussten wir: Es geht Richtung Sahara. Und unter uns waren Frauen, Schwangere, kleine Kinder…"

Nachts, erzählt Ali, hielten sie an -  mitten in der Wüste. Die algerischen Sicherheitsbehörden drängten sie aus den Bussen. Wer sich nicht fügte, sei mit Waffen bedroht worden, es fielen Luftschüsse. Wer nicht schon vorher von den Sicherheitskräften durchsucht worden war, bekam alles abgenommen: Wasser, Nahrung, Geld, Telefone zur Orientierung.

Was Ali beschreibt, hat 2018 Schlagzeilen gemacht, als Journalisten der Nachrichtenagentur AP enthüllten, dass die algerischen Behörden Migranten und Geflüchtete in der Wüste aussetzen. Bis heute bestreitet Algerien das Vorgehen.

Wer Glück hatte, erzählt Ali, so wie er, habe bis zum Morgengrauen eine Oase erreicht. Irgendwie schaffte es Ali, sich zu einer Kleinstadt in der Wüste durchzuschlagen. Im Grenzgebiet zum Niger flüchtete er vor Soldaten, aus Angst in die Heimat zurückgeschickt zu werden.

"Was wir erlebt haben, ist unmenschlich"

Ali schildert seine Flucht rückblickend sehr nüchtern, sein Blick wandert dabei über den Fußboden. Aber wenn er von Algerien und der Zeit in der Wüste erzählt, lächelt er bitter und seine Augen füllen sich mit Tränen. "Ich finde das… witzig…ich habe Probleme, mich auszudrücken, denn wenn ich alles rekapituliere, bin ich verwirrt", sagt er. "Ein Albtraum, denn das, was ich und die anderen erlebt haben, das ist ekelhaft, einfach ekelhaft, unmenschlich". Was ihm konkret widerfahren ist, möchte Ali nicht erzählen.

Hohe Mieten, überfüllte Unterkünfte

Alis Weg war in der Wüste im algerischen Grenzgebiet nicht zu Ende. Er schlug sich bis nach Marokko durch, im Nordwesten schaffte er es irgendwie über die streng überwachte Grenze in die Stadt Oujda. Marokko sei zurzeit das einzige Tor nach Europa, seitdem die Grenze zu Libyen faktisch dicht ist, so berichten sich Migranten und Flüchtlinge untereinander. Nach Libyen traut sich aber sowieso fast kein schwarzer Afrikaner mehr, sagt Ali - aus Angst vor Misshandlung und Sklaverei. 

Seit fünf Monaten lebt der junge Mann nun in der marokkanischen Hauptstadt Rabat. Im Viertel Takaddoum – dem "letzten Ghetto vor Europa", so heißt es hier. Takaddoum – das heißt auf Hocharabisch 'Fortschritt'. Viel Fortschritt gibt es hier aber nicht. Etwa 2.000 Menschen sollen hier leben, die meisten: Migranten aus der Subsahara. Viele leben hier zu mehreren in kleinen Zimmern, bei zu hohen Mieten – so wie Ali. Das Viertel gilt als gefährlich. In Marokko gehe es ihm aber besser als in Algerien, sagt er. Doch das Leben bleibe hart.

Neuanfang in Europa

In Marokko bleiben will Ali nicht. Sein Ziel bleibt Europa. Momentan fehlen ihm aber noch die Mittel. Angst, auf dem Mittelmeer zu sterben, hat er nicht: "Warum auch? Nach all den Ländern, die ich durchreist habe, bin ich immer noch bei Kräften, das hat mich geformt. Aktuell habe ich das Gefühl, ein Krieger zu sein."

Auf dem afrikanischen Kontinent sieht Ali keine Zukunft für sich. Hier habe er nichts und niemanden, das ihn halte. Der Kontakt zu seiner Mutter ist abgebrochen, als ihm in Algerien sein Telefon abgenommen wurde. Wie es ihr geht, weiß er nicht, sagt er traurig.

Doch Ali hat einen Traum. Er will in Europa an seiner Musikkarriere arbeiten. Stolz zeigt er Aufnahmen auf seinem neuen Handy. Ali möchte seine Geschichten erzählen - und endlich ohne Sorgen leben. Egal, wie lang sein Weg noch dauern mag, sagt er:  "Es gibt ein Sprichwort bei uns: Ein Mann, der das Herz eines Löwen in sich trägt, hat immer Hoffnung".

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 17.12.2019, 6 bis 9 Uhr

Jetzt im Programm