Flüchtlinge aus dem Kongo stehen in einer Warteschlange in Uganda
Kongolesische Flüchtlinge in Uganda Bild © picture-alliance/dpa

"Fluchtursachenbekämpfung" ist das Modewort in der deutschen Entwicklungspolitik. Doch trotz hoher Investitionen, ist der Erfolg mäßig. Woran liegt das?

Unsere Nordwestafrika-Korrespondentin hat versucht, an einigen Beispielen festzumachen, warum es so schwierig bleibt, Fluchtursachen zu bekämpfen.

Konflikte verschärfen sich: Beispiel Nigeria

Vor allem der Nordosten des Landes wird von Konflikten erschüttert – Millionen von Menschen befinden sich auf der Flucht. Sie wurden vertrieben durch die Terrormiliz Boko Haram, die immer noch Anschläge verübt. Viele Vertriebene haben Zuflucht in Städten  gefunden. Dort konkurrieren sie jetzt um knappe Ressourcen – deshalb steigen die Preise. Weil viele aus ihren Dörfern und damit auch von Feldern vertrieben wurden, bedeutet das: Die Menschen bauen nichts mehr an.

Gleichzeitig trocknet der Klimawandel das einst so fruchtbare Tschadbecken aus. Das bedroht die Existenz von Bauern und gefährdet die Lebensmittelversorgung im Land weiter. Schon jetzt leiden mehrere Millionen unter Nahrungsmangel – sowohl der nigerianische Staat als auch die Vereinten Nationen haben auf diese Krise zu spät reagiert.

Hinzu kommt, dass der Klimawandel einen blutigen Konflikt um Ressourcen schürt. Seit Monaten kommt es hundertfach zu Mord und Totschlag zwischen sesshaften christlichen Bauern und halbnomadischen, muslimischen Viehzüchtern. Eigentlich geht es um Wasser und um Land. Der Kampf um knappe Ressourcen droht jetzt aber zu einem religiösen Konflikt zwischen Christen und Muslimen heranzuwachsen.

Programme, die wenig bewirken: Beispiel Niger

Die Wüstenstadt Agadez in Niger, am Rand der Teneré-Wüste, ist bisher das Drehkreuz für den Transport von Hunderttausenden von Migranten. Hier blüht der Schleuser-Handel Richtung Libyen und Algerien. Die Bundesregierung und die Europäische Union investieren deshalb allein in den Wüstenstaat mehrere hundert Millionen. Sie versuchen, den Menschenschmuggel zu bekämpfen. Die Regierung von Niger hat dazu Migranten-Transporte verboten. Das Problem: die Schleuser nehmen jetzt andere Routen. Das und korrupte Polizisten und Soldaten haben die Preise für die Migranten kräftig steigen lassen.

Ein weiteres Problem: In Agadez leben viele vom Transport der Migranten. Dafür will die EU Alternativen schaffen. Boutali Tchiwerin, Regionalpolitiker in Agadez, bezweifelt aber, dass das gelingen kann: "Diese Angebote werden doch nicht Leute überzeugen, die bisher etwa 1500 Euro pro Woche mit dem Migranten-Transport verdient haben. Die werden doch jetzt nicht Plastikabfälle einsammeln oder Aufklärungskampagnen über die neue Gesetzeslage machen. Das ist die Wirklichkeit.“     

Zusammenarbeit mit schwierigen Staaten: Beispiel Tschad

Auch im Tschad heißt das Ziel für die Europäische Union vor allem: Migration und Terror bekämpfen. Deshalb arbeitet die EU eng mit Präsident Idriss Déby, seit 27 Jahren an der Macht, zusammen. Während das Regime in Europa hofiert wird, gilt es im eigenen Land als korrupt, unfähig und repressiv. Die EU will deutlich mehr als eine Milliarde Euro in die Entwicklungszusammenarbeit mit dem Tschad stecken - obwohl verschiedene Entwicklungsprogramme in der Vergangenheit kaum etwas gebracht haben.

Die EU setzt auf die Reformbereitschaft des Deby-Regimes. Für Oppositionsführer Saleh Kebzabo ein fataler Irrtum: "Die Bevölkerung des Tschad wird nicht unbegrenzt Opfer bleiben, ohne zu reagieren. Man darf doch nicht glauben, das geht immer so weiter und Präsident Deby regiert, ohne dass die Menschen reagieren. Wenn die grundlegenden Probleme nicht gelöst werden, dann kommt dieses Land nicht voran. Und dann wird es explodieren.“

Migration als Entwicklungsstrategie

Rück-Überweisungen von im Ausland lebenden Migranten sind ein wichtiger wirtschaftlicher Bestandteil vieler westafrikanischer Heimatländer. Für Familien bedeuten die Verwandten im Ausland oft eine Versicherung in Krisenzeiten, schnell können Futter fürs Vieh, ein Auto oder Schulbücher gekauft werden. Und: erfolgreiche Rückkehrer können oft nicht nur mehr Wohlstand, sondern auch Know-How mit in ihre alte Heimat bringen.

Bei all den Beispielen kommt außerdem hinzu: Fluchtursachen zu bekämpfen, verhindert keine Migration. Im Gegenteil, das zeigen Untersuchungen: Wem es besser geht, wer mehr Ressourcen und mehr Wissen hat – der entschließt sich eher dazu, zu gehen. Welche Wege er oder sie dann beschreiten wird, wird auch von der künftigen europäischen Politik abhängen.

Sendung: hr-iNFO, 28.6.2018, 16:10 Uhr

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