Ein SPD-Mitglied und Teilnehmer des rheinland-pfälzischen SPD Parteirats trägt am 17.01.2018 in Mainz (Rheinland-Pfalz) eine SPD-Fliege.

Die einst großen Volksparteien CDU und SPD stecken in der Krise. Jetzt beraten die Führungsgremien in Klausuren, um Lösungen zu finden. Aber wie schätzen die Mitglieder vor Ort die Lage ihrer Parteien ein?

Die Landtagswahl war für die SPD in Hessen, aber besonders für die SPD in Kassel, ein Paukenschlag. Seit Gründung der Bundesrepublik hatte sie hier oft satte Mehrheiten. Über Jahrzente galt die nordhessische Großstadt als Hochburg der Sozialdemokraten. Jetzt sind die Grünen an der SPD vorbei gezogen und haben der SPD in Kassel auch eins von zwei Direktmandaten abgenommen. Die nordhessischen Sozialdemokraten sind alarmiert. Und sehen die Schuld für die Entwicklung vor allem in Berlin.

Es muss etwas passieren, da ist man sich in Kassel einig. Nur was? Kürzlich kam der Unterbezirksvorstand zusammen, um darüber zu beraten. Esther Kalveram und Jens Retting-Fendeborg gehören zu diesem Gremium. Ein Patentrezept haben auch sie nicht. "Auf jeden Fall, das hat in der Partei durchaus Tradition,  sich wirklich gut auseinanderzusetzen nach einer seher eingehenden Analyse - und keine Schnellschüsse", sagt Retting-Fendeborg. "Also zu sagen, Berlin: Wir müssen raus aus der Koalition, würde ich zum Beispiel für einen sehr großen Fehler halten." Esther Kalveram ergänzt: "Wir sind dafür da, Politik für die Bürger zu machen, und das werden wir weiter machen, aber man muss sich die Zeit auch nehmen, um zu analysieren“.

"Noch wahrgenommen werden"

Aus dem Süden Hessens, speziell aus Frankfurt, kommen inzwischen Forderungen an die Bundespartei, die ungeliebte Koalition mit der CDU zu kündigen. Oder – mal wieder – den Vorstand auszuwechseln. Dazu gibt es unter den Kasseler Genossen unterschiedliche Meinungen. "Ich denke, eine Personaldisskussion würde uns nicht viel nützen, denn das ist, glaube ich, mit ein Grund, was uns im Wahlkampf geschadet hat, dass wir uns relativ schnell von Personal in letzter Zeit ja immer wieder getrennt haben", sagt Retting-Fendeborg. Aber, so Kalveram: "Sagen, dass es jetzt gar keine Konsequenzen hat, kann auch Frau Nahles nicht. Ich denke, wir brauchen schon eine gewisse Erneuerung in der Partei - oder an der Fraktionsspitze".

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Ein weiter so, da ist sich die Kasseler SPD einig, kann es in dieser Situaiton jedenfalls nicht geben. Auch der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel ist ein Kasseler Sozialdemokrat. Er fordert ebenfalls Veränderungen: "Die SPD ist in der Wahrnehmung so sehr auf Trippelschritte jetzt geeicht und wagt es gar nicht, eine klare, längerfristige Vision, die auch aneckt, noch zu präsentieren. Und das finde ich einen schweren Fehler". Er sehe nur eine Chance für die SPD, wenn sie wieder ganz kantenscharf werde. "Mit 20 Prozent geht es nicht um die Frage, ob wir noch ein paar Wähler verprellen, sondern es geht um die Frage, ob wir noch wahrgenommen werden.“

Sendung: hr-iNFO, 05.11.2018, 06:10 Uhr

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