Nelson Mandela
Nelson Mandela Bild © picture-alliance/dpa

Nelson Mandela, der berühmteste Häftling der Welt, wird verehrt wie kaum ein anderer. Die Vorstellung von einem friedlichen Leben mit gleichen Möglichkeiten für alle Südafrikaner trieb ihn an. Ein Blick auf südafrikanisches Leben heute zeigt, was aus Mandelas Traum geworden ist.

An dem Tag, als Nelson Mandela 1990 aus dem Gefängnis entlassen wurde, wurde er gefragt, was ihn all die Jahre hat durchhalten lassen. Er sagte: weil er diese magische Regenbogen-Nation vor Augen hatte. Viele gute Nachrichten folgten aus Südafrika; in den vergangenen Jahren gab es aber eher negative. Von Mandelas Vision ist nicht viel geblieben. Südafrika bleibt ein geteiltes Land. Es klingt lustig und ist doch so bezeichnend, was Pete erzählt: "Ich gehe manchmal zum Fußball ins Stadion. Ich parke mein Auto und laufe dann zum Stadion. Neulich komme ich nach dem Spiel wieder zurück, es ist dunkel, und ich finde mein Auto nicht. Also frage ich eine der Frauen dort, ob sie helfen kann. Sie sagt: klar, da drüben steht Ihr Auto doch. Wie können Sie das wissen bei den vielen Menschen, frage ich. Na, weil Sie der einzige Weiße hier sind".

Es gibt natürlich Überschneidungen und Durchmischung. Aber insgesamt bleiben viele der Weißen unter sich und viele der Schwarzen auch – nicht zuletzt wegen der sozialen Unterschiede. Und doch sind in Talkshows im südafrikanischen Fernsehen Stimmen zu hören wie die von einer weißen Dame, die sagt, das Land sei viel schöner als es das vor 1994 war. Dennoch: Die Vision, die Mandela hinterlassen hat, bleibt brüchig. Auf einem Markt in Soweto sagt Tshepo ehrlich: "Ich bin nicht negativ, aber ich sage: Wir sollten nicht selbstzufrieden sein. Es ist nicht alles gut. Es gibt Ungleichheit und Korruption in diesem Land“.

"Die Realität ist die der Apartheid"

Offiziell ist Südafrika immer noch eines der Länder in der Welt, das die höchste Ungleichheit hat, die höchsten Einkommensunterschiede, eine große Schere zwischen Arm und Reich. Jeder Vierte in Südafrika hat keine Arbeit. Und mehr als zwei Drittel davon sind jünger als 34. Phindiwe, eine junge Designerin, lebt im schicken Johannesburger Stadtteil Sandton. Sie erzählt von den grundlegenden Problemen im Land: "Es gibt keine Straßen, kein fließendes Wasser, kein Internet". Als Beispiel zieht sie eine Schwangere in den Wehen heran. Wenn diese einen Krankenwagen rufe, dauere das entweder zu lange oder der Krankenwagen käme nicht, weil es keine Straßen gebe. "Frauen und Kinder sterben, weil sie nicht erreicht werden", sagt Phindiwe.

Regelmäßig protestieren ganze Siedlungen gegen die schlechte Versorgungslage. Sie blockieren Straßen und zünden Mülleimer an; nicht selten feuern Polizisten in schusssicheren Westen Gummigeschosse ab. Natürlich hat sich vieles entscheidend verbessert seit dem Ende der Apartheid - aber eben nicht für alle. Auch die Gewerkschaften kochen vor Wut. Wann immer Tarifverhandlungen anstehen, wird protestiert – teilweise gewaltsam. Stromausfälle sind derzeit oft die Folge. Der Journalist und Politikwissenschaftler Eusebius Mc Kaiser erklärt das plakativ: "Die Realität ist die der Apartheid. Wirtschaftlich und sozioökonomisch sind wir Schwarze vom demokratischen Südafrika ausgeschlossen".

"Die Schwarzen sind geduldig genug gewesen"

Die Regierung will das nun ändern, zumindest in Bezug auf Land und Boden. Die Weißen in Südafrika machen gut zehn Prozent der Bevölkerung aus – sie besitzen aber nach wie vor das meiste Land. Deshalb plant die Regierung eine Enteignung – ohne Ausgleich. Wenn man nun den Menschen zuhört, dann bekommt man ein mulmiges Bauchgefühl. Jan Faasen, ein Farmer, der schon in der achten Generation sein Land bewirtschaftet, sagt, er werde unter keinen Umständen sein Land hergeben: "Das sollte nicht passieren. Wir Farmer geben das Land nicht her. Manche Bauern haben Millionen Rand in ihre Farmen investiert – und jetzt will die Regierung das einfach haben. So läuft das nicht“.

Eine schwarze Aktivistin trägt ein T-Shirt, auf dem steht: "Land or Death" - Land oder Tod. Ihren Namen will sie nicht verraten, aber sie sagt: "Die Schwarzen sind geduldig genug gewesen. Unsere Leute haben so lange gewartet – und gar nichts passiert. Die Frage, ob es Krieg in diesem Land gibt oder nicht, ist unausweichlich. Er wird definitiv kommen, wir werden kämpfen". Das klingt einschüchternd. Der Politikwissenschaftler Frans Cronje arbeitet beim renommierten und unabhängigen Institut für Rassenbeziehungen. Er schätzt all das als Stimmungsmache ein und als Versuch, die Aufmerksamkeit von dem wegzulenken, was Südafrika Probleme bereite. "Die Idee ist sehr verführerisch, dass jemand anderes dir im Weg steht, um ein besseres Leben zu haben", sagt Cronje. "Wenn dieser jemand verschwinden würde, dann wäre dein Leben besser. Diese Idee ist sehr gefährlich." Die Zeichen stehen tatsächlich auf Konfrontation. Von einer Regenbogen-Nation, wie Nelson Mandela sie erträumte,  ist Südafrika vielleicht so weit entfernt wie noch nie.

Sendung: hr-iNFO, 17.7.18, 06:10 Uhr

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