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Zum Artikel Interview mit Michael Groß: Was tun gegen den Schwimmbad-Schwund?

Schwimmlegende Michael Groß

Immer mehr Schwimmbäder in Deutschland werden geschlossen. Und das hat Folgen: Je weniger Schwimmbäder es gibt, desto weniger Gelegenheiten gibt es, schwimmen zu lernen. Wie kann man dem Trend entgegenwirken? Ein Interview mit Schwimmlegende Michael Groß.

Schon jetzt sind laut Deutscher Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) mehr als die Hälfte aller zehnjährigen keine sicheren Schwimmer mehr. Eine Petition der DLRG zur Bäder-Rettung ist heute Thema im Sportausschuss des Bundestages. Rund 120.000 Menschen haben sie unterzeichnet.

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hr-iNFO: Herr Groß, Deutschland war mal eine große Schwimmnation, auch Franziska van Almsick war ein Star im Schwimmbad. Aber genau wie bei Ihnen, ist das alles ein paar Jahr her. Heute ist Schwimmen bei Kindern und Jugendlichen nicht mehr so angesagt, was ist passiert?

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Michael Groß, Spitzname Albatros, gilt als einer der erfolgreichsten Schwimmer aller Zeiten: Zu seinen Erfolgen zählen drei Olympiasiege, fünf WM Titel und zwölf Weltrekorde.

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Michael Groß: Da gibt es verschiedene Entwicklungen. Sie haben eine schon angesprochen: dass es Bäder gibt, die geschlossen werden. Ich selber habe als Frankfurter in Offenbach trainiert und von meinen Trainingsbädern sind zwei jetzt gar nicht mehr existent. Es gibt da jetzt für 140.000 Einwohner noch ein Schwimmbad. Und wenn man jetzt aufs Land geht, in die breite Fläche, da wird das Problem noch wesentlich schärfer.

Ein anderer Grund ist sicherlich, dass das Thema Schwimmen bei Jugendlichen nicht mehr so präsent ist. Das hat manchmal einen familiären Hintergrund, manchmal einen Migrationshintergrund. Man weiß zum Beispiel, dass in Südeuropa das Thema Schwimmen noch nie so angesagt war und Schwimmen können auch nicht so das Thema ist. Da gibt es verschiedenste Gründe, warum die Zahlen so dramatisch sind. Da geht es auch nicht so sehr um Leistungssport, weder mir persönlich noch der DLRG. Es geht darum, dass man sicher schwimmen kann. Denn wer weiß, wann man das braucht.

hr-iNFO: Dann braucht es aber auch Orte, an denen man Schwimmen lernen kann. Viele Bäder in Deutschland sind in den 1960er/19070er Jahren gebaut worden und sind jetzt marode. Und so ein Bad zu sanieren ist eine ziemlich teure Angelegenheit…

Groß: Letztlich haben wir es damit zu tun, dass sich unsere Bevölkerung ganz unterschiedlich entwickelt. Meine Heimatstadt Frankfurt wird weiter wachsen und investiert gerade schon sehr massiv in die Infrastruktur der Bäder.

Dann gibt es andere Regionen wie beispielsweise Nord- oder Osthessen, wo die Bevölkerung in den nächsten Jahren, Jahrzehnten abnehmen wird. Da wird es natürlich schwierig für die einzelne Kommune, überhaupt noch ein Bad zu betreiben, selbst wenn man wollte. Insofern muss man immer weitere Wege in Kauf nehmen, um Schwimmflächen zu erreichen. Da kann man nur vor Ort Lösungen finden mit etwa Bus-Anbindungen et cetera – damit zumindest in den Schulen das Schwimmen vermittelt wird. Und da ist dann beispielweise auch das Kultusministerium gefordert, was Lehrpläne oder die Ausbildung der Lehrkräfte anbelangt. Das ist schon eine Gemeinsame Anstrengung, dass man das hinbekommt.

hr-iNFO: Die DLRG fordert einen neuen „golden Plan“, ein milliardenschweres, geballtes Sportstätten-Aufbauprogramm. Das hat es schon einmal gegeben: in den 1960er-19770er Jahren. Brauchen wir das wirklich?

Groß: Da werden wir nicht drum rum kommen, weil Bäder wie alle Sportstätten kommunale Aufgabe sind. Aber bis auf wenige Ausnahmen sind die Kommunen damit schlicht überfordert. Insofern braucht es so eine Art goldenen Plan, der aber sicher anders aussehen wird als in der 60er-70er Jahren, wo es darum ging, erst mal komplett eine Infrastruktur aufzubauen. Jetzt geht es darum, selektiv und gezielt die Infrastruktur zu erhalten und zu verbessern.

hr-iNFO: Es werden ja auch durchaus neue Schwimmbäder gebaut. Das sind aber eher Spaßparks mit Wasserrutschen-Paradies und Sauna-Landschaft. Können solche Bäder eine Rolle dabei spielen, Kindern und Jugendlichen das Schwimmen beizubringen?

Groß: Man kann auch in einem Spaßbad schwimmen lernen. Man muss ja nicht gleich 25-Meter-Bahnen haben, um das zu ermöglichen. Sinnvoll ist aber schon, was die Stadt Frankfurt macht, parallel in Spaßbäder, wo auch die ganze Familie den Tag verbringen kann und in Sportbäder zu investieren. Das funktioniert aber nur kommunalübergreifend, wenn die einzelnen Kommunen nicht nur an sich denken. Dass eben die eine Kommune ein Sportbad hat, die nächste ein Spaßbad und man tauscht sich dann aus. Anders geht es heutzutage nicht mehr.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 15.01.2020, 6-9 Uhr

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