Das Logo der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW)
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Hat es den mutmaßlichen Giftgaseinsatz in Duma wirklich gegeben? Und wenn ja, wer ist dafür verantwortlich? Unsere Korrespondentin in Kairo trägt zusammen, was bekannt ist.

Assad und sein Verbündeter Russland verneinen, dass es einen Giftgaseinsatz überhaupt gegeben hat. Aus Moskau hieß es, russische Experten hätten vor Ort keine Giftgasspuren gefunden. Demgegenüber stehen die Fotos und Videos von Aktivsten vor Ort, die Leichen mit Schaum vor dem Mund und um Luft ringende Patienten in Krankenhäusern zeigen.

Verschiedene Nachrichtenagenturen und ein Recherchenetzwerk haben das Material auf Echtheit überprüft und die Weltgesundheitsorganisation WHO meldet: Ihren Informationen nach wurden rund 500 Menschen mit Symptomen behandelt, die typisch seien, wenn man giftigen Chemikalien ausgesetzt war.

Eine Inszenierung der Aufständischen?

Aber ist es erwiesen, dass der syrische Präsident Assad hinter dem Giftgaseinsatz steckt? Dafür gibt es Indizien. Das Recherchenetzwerk Bellingcat hat Videos und Fotos aus Duma ausgewertet und verglichen. Das Ergebnis: Es sei höchstwahrscheinlich, dass mindestens 34 Menschen durch einen Giftgasangriff in der Stadt getötet wurden, schreiben die Journalisten. Und: Der Hubschrauber, der die Fassbombe abwarf, sei auf einem Flughafen der syrischen Luftwaffe gestartet.

Assad und Russland behaupteten dagegen auch in der Vergangenheit immer wieder: Giftgasangriffe würden ausschließlich von den Aufständischen selbst durchgeführt oder inszeniert, um sie dann Assad in die Schuhe zu schieben. Auffällig ist: Assad und Russland nahestehende Medien hatten diesmal schon Tage vor dem Ereignis in Duma darüber berichtet, dass ein Giftgasangriff bevor stehen würde – ausgeführt von den Aufständischen. "Wir sagen Euch: Unsere Informationen weisen darauf hin, dass die Terroristen einen Terrorangriff vorbereiten, bei dem sie weiträumig Chlorgas einsetzen werden, um es dann der syrischen Armee in die Schuhe zu schieben", sagte der syrische UN-Botschafter Baschar al-Dschafari.

Die zwei Wahrheiten im Syrien-Krieg

Eine wahre Prognose oder vielmehr die Vorbereitung der Öffentlichkeit auf eine spätere Verteidigungslinie? Wie so oft im Syrienkrieg gibt es zwei Wahrheiten – die sich diametral gegenüberstehen. Zwischenzeitig hieß es von Assad- und Russland-Anhängern, der gesamte Giftgasangriff sei von Aufständischen in der Provinz Idlib im Norden Syrien inszeniert worden. Dagegen spricht allerdings, dass Bilder russische Ermittler an genau der Stelle zeigen, an der sich den Videos zufolge der Giftgaseinsatz abgespielt hat. Und diese russischen Ermittler waren vor Ort in Duma.

Aber welches Interesse sollte Assad an einem Giftgasangriff haben? Offenbar ging es darum, den letzten verbliebenen Aufständischen in Duma den entscheidenden Schlag zu verpassen. Kurzfristig war der syrische Präsident erfolgsgekrönt: Die sich bis dahin hartnäckig zeigende Gruppierung Dschaisch al Islam ließ sich unmittelbar nach dem mutmaßlichen Giftgaseinsatz auf einen Abzug ein. Damit kam Assad seinem Ziel, Ost-Ghouta wieder vollständig zu kontrollieren, einen wichtigen Schritt näher. Ein junger Mann, der von Ost-Ghouta in die Provinz Aleppo gebracht wurde, schildert es so: "Das Regime hat uns in die Enge getrieben, die Zivilsten beschossen und bombardiert. Wir haben all das überstanden. Aber dann griff das Regime zu Chemiewaffen. Das war der Moment, wo wir beschlossen haben, Ost-Ghouta zu verlassen“.

Auch bei vorherigen Giftgasangriffen hatte Assad stets jede Verantwortung von sich gewiesen. Experten der Vereinten Nationen und der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen konnten später jedoch in mehreren Fällen der Assad-Regierung einen Giftgaseinsatz nachweisen.

Untersuchungen zum Ob, aber nicht zum Wer

Wer wirklich hinter dem mutmaßlichen Chemiewaffenvorfall in Duma steckt, wird möglicherweise niemals zweifelsfrei bewiesen werden können. Die Experten der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen, OPCW, die derzeit in Syrien sind, sollen zwar herausfinden, ob es einen Giftgaseinsatz gab – nicht aber, von wem er durchgeführt wurde. Den Einsatz einer unabhängigen UN-Untersuchungskommission mit entsprechendem Mandat, den Täter zu ermitteln, war im UN-Sicherheitsrat von Russland verhindert worden.

Und nach wie vor ist fraglich, was die OPCW-Experten in Duma überhaupt noch herausfinden können: Der mutmaßliche Chemiewaffeneinsatz ist nun schon fast zwei Wochen her – und damit sinkt die Chance, vor Ort belastbare Spuren und Beweise zu finden, wenn sie nicht eh schon von der einen oder anderen Seite vernichtet wurden. Der mutmaßliche Giftgaseinsatz in Duma – er könnte für immer ein Streitpunkt bleiben.

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Sendung: hr-iNFO, 19.4.18, 16:10 Uhr

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