Auf einem Stempelhalter hängt ein Stempel mit der Aufschrift "Bürokratie"

Viele Deutsche meinen, sie lebten im effizientesten Land der Welt. Das scheint sich in der Corona-Krise aber mehr und mehr als Selbsttäuschung zu erweisen. Was aber wäre, wenn Deutschland Innovations- statt Bürokratie-Meister wäre? Ein Gedankenexperiment.

Mal angenommen, Deutschland könnte Großprojekte ...

... dann würden die Kosten solcher Projekte von unabhängigen Kostenplanern realistisch berechnet werden. Planungsverfahren wären vereinfacht, Klagen würden schnell, aber gerecht von Gerichten entschieden. Für jeden Tag, den die Baufirmen früher fertig würden, bekämen sie eine schöne finanzielle Prämie; umgekehrt müssten sie für jeden Tag Verspätung Strafe bezahlen.

Dann wären der Flughafen BER Berlin-Brandenburg und die Elbphilharmonie in Hamburg und andere Projekte pünktlich fertig geworden und hätten nicht das mehrfache der geplanten Summe gekostet.

Mal angenommen, Deutschland könnte technische Visionen ....

... dann hätte 1982 Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) das Projekt seines Vorgängers Helmut Schmidt (SPD), den Ausbau des Glasfasernetzes, nicht gestoppt: Überall in Deutschland wären Glasfaserkabel verlegt worden. Heute gäbe es bis ins kleinste Dorf der Rhön superschnellstes Internet. So liegt Deutschland bei der Breitbandgeschwindigkeit im internationalen Vergleich auf einem peinlichen 34. Platz.

Mal angenommen, Deutschland könnte digital ...

... dann würden Behörden schon lange nicht mehr faxen, sondern mailen. Die aktuellen Corona-Zahlen wären im Nu aus den Regionen im Robert-Koch-Institut in Berlin und zusammengerechnet. Auch an Wochenenden. Und: Deutschland hätte eine Corona-App, mit der sich Infektionsketten datenschutzrechtlich einwandfrei seit langem nachvollziehen ließen.

Mal angenommen, Deutschland könnte moderne Schule ...

... dann hätten wir seit vielen Jahren schon an allen Schulen flächendeckend Computer und Tablets, digitalen Online-Unterricht und dafür hoch motivierte Lehrerinnen und Lehrer. Dann hätte man wegen Corona die Schulen beruhigt schließen können – denn Online-Unterricht wäre eine eingespielte Sache gewesen.

Mal angenommen, Deutschland hätte seine Pandemiepläne ernstgenommen ...

... dann hätte man Schutzmasken, Schutzanzüge und Desinfektionsmittel in genügender Menge gelagert. Einfach mal so, ganz pragmatisch. Die Pandemie war ja lange vorhergesagt.

Dann hätte man am Anfang der Corona-Pandemie, als sie – Überraschung! – dann wirklich kam, von allem genug gehabt: Masken für alte Menschen, Klinik- und Pflegepersonal und überhaupt.

Mal angenommen, Deutschland wäre föderal UND effizient ...

... dann würden die 16 Bundesländer in einer Pandemie dem Bund die Führung überlassen, ob Schulen, Restaurants und Fitnessclubs geschlossen werden. Die Länder würden dem Bund das freiwillig übertragen, weil Lockdowns dann schneller beschlossen und überall durchgeführt würden und dann hoffentlich die Infektionen schneller eingedämmt würden.

Jaja, das ist ja nur mal angenommen. Denn so viel unbürokratischen Pragmatismus kann man sich eigentlich kaum vorstellen.

Sendung: hr-iNFO, 16.3.2021, 6-9 Uhr

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