Dachdecker bei der Arbeit
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Wenn jemand wegen eines Unfalls oder einer Berufskrankheit nicht mehr arbeiten kann, springt die gesetzliche Unfallversicherung ein – theoretisch. In der Praxis gibt es aber oft Fälle, in denen die Geschädigten kein Geld bekommen. Wie kann man sich möglichst gut absichern?

Darüber haben wir mit Hermann-Josef Tenhagen gesprochen. Er ist Chefredakteur des Online-Verbrauchermagazins Finanztip.

hr-iNFO: Für welche Fälle reicht die gesetzliche Unfallversicherung aus, um im Berufsalltag abgesichert zu sein?

Tenhagen: Sie reicht aus, wenn Sie einen Unfall auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule oder Uni haben oder auf der Arbeit selbst – und wenn die Versicherung am Ende auch für die Spätfolgen zahlt. Da gibt es immer mal wieder Bestrebungen der zuständigen Kassen, mit dem Zahlen eher zurückhaltend zu sein.

hr-iNFO: Worauf sollte ich bei der Arbeit oder auch auf dem Weg dorthin achten, damit ich den Versicherungsschutz nicht verliere?

Tenhagen: Das Wichtige ist, dass man tatsächlich auf dem Weg zur Arbeit ist und keine Umwege macht, um beispielsweise noch zur Post zu gehen. Wenn man nicht auf dem Weg zur Arbeit ist, ist man nicht mehr geschützt.

hr-iNFO: Man kann auch in der Freizeit oder zu Hause einen Unfall haben, der arbeitsunfähig macht. Lohnt sich deswegen auch eine private Unfallversicherung ?

Tenhagen: Bevor ich eine private Unfallversicherung abschließe, würde ich immer eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen. Denn wenn man aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann, sind in über 90 Prozent Krankheiten dafür verantwortlich und nicht Unfälle.

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Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung werden nur 27 Prozent der angezeigten Fälle von beruflich bedingten Gesundheitsschäden anerkannt. Mehr Informationen finden Sie hier.

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Deswegen ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung besser als eine Unfallversicherung. Sie schützt auch, wenn man aus Krankheitsgründen seinen Job nicht mehr ausüben kann und sorgt für eine finanzielle Ausstattung.  

hr-iNFO: Wann sollte man eine solche private Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen und worauf sollte ich dabei achten?

Tenhagen: Das ist ein großes Projekt, sich da genau kundig zu machen. Wir sind bei Finanztip eher so, dass wir sagen: Du kannst ganz viel selbst machen, aber bei Berufsunfähigkeitsversicherungen wird man häufig einen Makler brauchen. Denn nur wenn man ganz jung und gesund ist, bekommt man ganz leicht einen solchen Vertrag.

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Das Problem mit der Unfallversicherung

Ursula D. wurde vor über 20 Jahren von einer Biene gestochen. Wegen einer allergischen Reaktion konnte sie ihrem Beruf nicht mehr nachgehen. Der Streit mit der Rentenversicherung dauert bis heute. Ein Fallbeispiel.

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Später wird es schwieriger, weil die Versicherer sich sehr zieren, wenn Leute schon etwas an Krankheiten mitgebracht haben. Und die fragen, wie oft man in den letzten fünf Jahren beim Arzt gewesen ist, bevor man einen solchen Vertrag abschließt – und zwar bei jedem. Und auch, wie oft man in den letzten zehn Jahren stationär behandelt worden ist. Wenn man dann die Unwahrheit erzählt oder etwas vergisst, kann es sein, dass hinterher der Versicherungsschutz gefährdet ist.

hr-iNFO: Nun hat beispielsweise ein Dachdecker normalerweise ein anderes Unfallrisiko als ein Sachbearbeiter im Büro. Woran kann ich festmachen, welche Absicherung ich wirklich brauche?

Tenhagen: Das kann man im Zweifel bei seiner Berufsgenossenschaft oder bei der Handwerkskammer fragen: Wie oft passiert es denn, dass ein Dachdecker sich in Ausübung seines Berufes so verletzt, dass er nicht mehr arbeiten kann? Und für dieses Risiko sollte man versuchen, eine Absicherung zu finden. Wenn das Risiko groß ist, dann ist es vernünftig, für Absicherung zu sorgen. Da gibt es natürlich die gesetzliche Unfallversicherung, weil wenn man auf dem Dach steht, ist das ja Arbeit. Jenseits davon kann aber auch zusätzliche private Absicherung durchaus helfen.

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Das Interview führte Werner Schlierike.

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Die Grundidee der gesetzlichen Unfallversicherung

Von Saskia Klingelschmitt

Die Unfallversicherung wurde in ihren Grundzügen schon zu Bismarcks Zeiten im Rahmen seiner Sozialgesetzgebung eingeführt. 1884 wurde vom Reichstag das Unfallversicherungsgesetz beschlossen. Damit wurden Unternehmer gezwungen, Berufsgenossenschaften zu gründen und an diese Beiträge für ihre Mitarbeiter zu zahlen. Die Genossenschaften hafteten im Gegenzug für Mitarbeiter, die Betriebsunfälle erlitten.

Grundlegend hat sich daran bis heute nichts geändert. Die gesetzliche Unfallversicherung ist im Sozialgesetzbuch klar geregelt:

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Aufgabe der Unfallversicherung ist es, nach Maßgabe der Vorschriften dieses Buches
1. mit allen geeigneten Mitteln Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten sowie arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren zu verhüten,
2. nach Eintritt von Arbeitsunfällen oder Berufskrankheiten die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Versicherten mit allen geeigneten Mitteln wiederherzustellen und sie oder ihre Hinterbliebenen durch Geldleistungen zu entschädigen.
(§1, SGB VII)

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Hat ein Arbeitnehmer einen Unfall auf dem Arbeitsweg oder am Arbeitsplatz, haften die Berufsgenossenschaften. Ist der Arbeitnehmer beziehungsweise der zuständige Betrieb  keiner Berufsgenossenschaft zugehörig, sind unter anderem die Unfallkassen des jeweiligen Bundeslandes in der Pflicht. Zum Beispiel, wenn es sich um Arbeitsunfälle in öffentlichen Verwaltungen handelt. Laut der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) lag die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle im vergangen Jahr bei über 870.000 in ganz Deutschland.

Unfälle, die nicht auf der Arbeit passiert sind, sondern beispielsweise im eigenen Garten oder im Fitnessstudio, können zusätzlich über eine private Unfallversicherung abgedeckt werden. Dabei ist die Versicherungssumme jedoch viel höher, allerdings gibt es die Leistungen dort schon ab einem Invaliditätsgrad von einem Prozent. Laut DGUV liegt dieser Prozentsatz bei der gesetzlichen Versicherung bei mindestens 20 Prozent. Private Unfallversicherungen sind darüber hinaus von ihrem Leistungsangebot umfänglicher als die gesetzlichen. So können beispielsweise auch Schmerzensgelder geltend gemacht werden.

Sendung: hr-iNFO, 29.6.2018, 6:10 Uhr

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