Kreißsaal München
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Die Wehen kommen - und der Kreißsaal hat zu: Jede dritte Frau in Deutschland hat diese Erfahrung schon gemacht. Oft fehlt es an Hebammen. Für die werdenden Mütter beginnt dann eine schmerzhafte Odyssee.

Janina Henke ist entspannt, Schwangerschaft und Geburt ist für die Hebamme Alltag. Trotzdem kann die schlanke Frau immer noch nicht ganz glauben, was ihr im Sommer 2017 passiert ist, bei der Geburt ihres zweiten Kindes. Nachdem die Wehen über Stunden anhalten, entscheidet sie, dass sie für die Geburt ärztliche Hilfe will. Ihre Hebamme ruft in der nächstgelegenen Klinik an. Die Antwort: "Wenn das Kind bis um 12 Uhr nicht da ist, dann würden die einen Kaiserschnitt machen", erzählt Henke. "Weil danach keine Hebamme mehr da ist und der Kreißsaal schließt."

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Immer mehr Geburten im Rettungswagen

Einen Kaiserschnitt will Janina Henke auf gar keinen Fall. Sie ruft den Rettungswagen zu sich nach Trebur im Kreis Groß-Gerau. Die Sanitäter fragen eine Klinik in Darmstadt an. Auch dort: kein Platz mehr. Schließlich fahren sie Janina Henke nach Frankfurt – mehr als 30 Kilometer weit. "Zu dem Zeitpunkt hatte ich alle zwei Minuten Wehen und musste trotzdem angeschnallt im Rettungswagen liegen. Das war schon auch nicht so ohne", sagt Henke. Sie muss sich immer wieder vorstellen, wie diese Fahrt für eine Frau sein muss, die selbst nicht Hebamme ist – oder keine Hebamme dabei hat.

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„Wir haben in Nordhessen einige Fälle, wo Frauen 40 Minuten bis zur nächsten Klinik fahren müssen, um dann an der Klinik anzukommen und zu hören: Wir sind voll. Wir können hier nicht mehr von einer sicheren Versorgung sprechen.“ Zitat von Franziska Kliemt, Mother Hood e.V.
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Die Geburten in Rettungswagen würden zunehmen, sagt Franziska Kliemt vom Verein Mother Hood e.V., der sich für die Rechte von Schwangeren einsetzt. Sie kritisiert, dass Frauen immer weniger kalkulieren könnten, wie und wo die Geburt abläuft. "Wir haben in Nordhessen einige Fälle, wo Frauen 40 Minuten bis zur nächsten Klinik fahren müssen, um dann an der Klinik anzukommen und zu hören: Wir sind voll." Die Frauen müssten dann nochmal 40 Minuten bis zur nächsten Klinik fahren - das heißt insgesamt 80 Minuten. "Wir können hier nicht mehr von einer sicheren Versorgung sprechen", meint Kliemt.

"Eine gesellschaftliche Katastrophe"

Lange Anfahrtswege und wenig Planungssicherheit – das ist laut Kliemt längst nicht nur ein Problem des ländlichen Raums. Für sie wird das an einem Beispiel aus Frankfurt deutlich: Eine Frau, die als Risikoschwangerschaft galt, sei von zwei Kliniken abgewiesen worden – obwohl sie bei der einen sogar angemeldet war. Auch ein Rettungwagen hätte erst nicht gewusst, wohin. "Dann sind sie nach Wiesbaden mit der Frau gefahren. Da wurde festgestellt, dass die Gebärmutter bereits gerissen war und das Kind mit dem Kopf im Bauchraum der Frau war – also hochgefährlich. Das darf einfach nicht passeiren", so Kliemt.

Sie kennt Erfahrungen wie diese, weil Hebammen sie ihr schildern oder manchmal die Frauen selbst. Genaue Zahlen sind ihr nicht bekannt, weil viele Frauen nach einer für sie traumatischen Geburtserfahrung gar nicht darüber sprechen wollen. Aber sie hat den Eindruck, dass das Problem stärker wird: "Ich finde, es ist eine gesellschaftliche Katastrophe, dass wir Frauen, die Kinder gebären, die Türen schließen."

Dass der Moment der Geburt ein ganz besonderer ist, das betont auch die Hebamme Janina Henke. Gerade Entspannung und ein Sicherheitsgefühl vor der Geburt würden dabei helfen, Kinder auf natürliche Weise zur Welt zu bringen – und in einer guten Weise für die Mütter. "Es ist so ein Zeitraum, wo wahnsinnig viel passiert. Es ist eine sehr, sehr sensible Zeit und je mehr Stressoren mit reinspielen, umso mehr beeinflusst das auch die Frauen." Janina Henke versucht, die Frauen als Hebamme so gut wie möglich auf die Geburt vorzubereiten. Und darauf, bei der Geburt auch einen Plan B zu haben.

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