Telegram App auf einem Smartphone

Telegram wird immer wieder mit Querdenkern in Verbindung gebracht und steht im Verdacht, ungefiltert Hass und Hetze zu verbreiten. Innenministerin Nancy Faeser will deshalb dagegen vorgehen. Aber wie gefährlich ist der Messenger-Dienst wirklich? Und wer nutzt ihn? Unser Reporter war auf Telegram unterwegs und hat sich die hessische Welt der Corona-Kritiker angeschaut.

Telegram ist eine Welt für sich. Normale Menschen treffen hier auf Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, Esoteriker, fundamentalistische Christen, aber auch auf Rechtsradikale und Reichsbürger. Diese Mischung beobachtet auch das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) kritisch.

"Ein Mix, der uns Sorge macht"

"Das, was letztendlich die Menschen formulieren, die gegen diese sogenannten Corona-Maßnahmen sind, das sehen wir mit großer Sorge", sagt LfV-Präsident Robert Schäfer. Das sei für "gewaltorientierte Akteure im höchsten Maße anschlussfähig. Das ist dann immer so - die einen reden und die anderen handeln im Zweifel. Und deshalb ist das schon ein Mix, der uns Sorge macht."

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„Die Hessen kennen Stellen im Wald, da wird euch niemand wiederfinden.“ Telegram-Gruppe "Herborn steht auf" Telegram-Gruppe "Herborn steht auf"
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Genau diesen Mix stelle ich während meiner Recherche auch fest. Besonders in den Organisationsgruppen für die Straßenproteste sind viele Menschen, die einfach demonstrieren wollen. Hier wird informiert, organisiert und es gibt klare Chat-Regeln. In der Gruppe „Hanau steht auf“ heißt es: keine Beleidigungen, kein Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus, keine Hetze. Ob die Chatregeln ernst gemeint oder nur Taktik sind, ist schwer einzuschätzen.

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Das Thema als Podcast: Das Internet als Schattenwelt - Die Diskussion über Telegram

Smartphone mit Logo der  Telegram-App (picture alliance / ZUMAPRESS.com)
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In der Gruppe „Herborn steht auf“ zum Beispiel, wo es diese Regeln jetzt auch gibt, hatte der Organisator kurz vor Weihnachten noch das gepostet: "Und an die Maulwürfe hier in diesen Kanälen, euch kann ich nur sagen, die Hessen kennen Stellen im Wald, da wird euch niemand wiederfinden. Bitte bedenken!" Aktuell liegt dieses Video bei der Staatsanwaltschaft Limburg, ob ermittelt wird steht noch nicht fest.

Zweifelhafte Inhalte

Außerdem tauchen in den Chats auch viele zweifelhafte Inhalte auf, so wie eine weitergeleitete Sprachnachricht in der Gruppe „LDK Steht auf“. Der Mann behauptet, eine Quelle habe ihm gesagt, es seien sehr, sehr viele positive Coronatests im Umlauf. "Und jetzt genau dranbleiben, der ein oder andere versteht jetzt nämlich nicht, was ich sagen will. Mit positive Tests ist gemeint, dass sie schon vom Werk aus positiv sind, bevor die überhaupt einen Menschen berührt haben."

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Bundesinnenministerin Faeser (SPD) zu Telegram: „Es kann nicht sein, dass man öffentlich zu Hass und Gewalt aufruft“

Nancy Faeser (dpa)
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So seien auch die explodierenden Corona-Zahlen zu erklären, um dann ein Argument für eine Impfpflicht zu haben. Aber nicht nur das, es gibt auch Sprachnachricht wie diese in der Gruppe "Hessen Defender": "Auch die amerikanische Ärztin Carrie Mardej hat den Johnson & Johnson Impfstoff untersucht und in ihm, wie auch Sandra Bosa, synthetische schwarze Scheiben und auch sich bewegende, parasitenähnliche Objekte gefunden. Im Pfizer Impfstoff konnte sie graphenähnliche schwarze Partikel ausmachen, die sich selbst zu längeren, kabelähnlichen Strukturen zusammenbauten." Im Moderna Impfstoff, so weiter, habe sie unter anderem „sich bewegende Objekte mit Fangarmen“ gefunden und fotografiert.

Sorge vor Motivation zu "schwersten Straftaten"

Diese Behauptungen sind mittlerweile mehrfach widerlegt worden, unter anderem in einem Faktencheck der Nachrichtenagentur Reuters. Neben solchen Fehlinformationen werden auch immer wieder Posts von rechtsextremen Gruppierungen wie zum Beispiel den "Freien Sachsen" geteilt. Außerdem sind vereinzelt Gewaltaufrufe zu finden wie dieser von Nutzer "Sascha Pie": "Auf nach Berlin und dem Spuk ein Ende setzen … Nur an  der Zentrale kann man sie sich holen."

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BKA-Chef Münch zu Telegram: „Ausmaß ist mittlerweile demokratiegefährdend."

Holger Münch (dpa)
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Mittlerweile ist dieser Post gelöscht worden und das sei der richtige Weg, sagt Robert Schäfer vom Landesamt für Verfassungsschutz. Jeder müsse sich, auch in einem virtuellen Raum, klar von solchen Meinungen abgrenzen, denn sonst passiere folgendes: "Man glaubt sofort, man ist in einem Kreis Gleichgesinnter, dass diese Meinung richtig ist. Und dass derjenige, der es gepostet hat, der erste ist, der es auch kommuniziert und den anderen sozusagen aus der Seele spricht." So würden Spiralen in Gang gesetzt, die "anschlussfähig" würden und die am Ende auch zu Handlungen motivieren würden, so Schäfer. "Wir haben dann die Sorge, dass letztendlich auch schwerste Straftaten begangen werden können."

"Demokratie noch nie so gefährdet wie in der Gegenwart"

Dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass Gewalt- oder Umsturzfantasien aus den Chaträumen ins echte Leben getragen werden, zeigt sich immer wieder. Der Sturm auf den Reichstag im Sommer 2020, die Ausschreitungen der letzten Wochen und Monate bei Corona-Demos zum Beispiel in Sachsen oder die Bombendrohung gegen die Stadtverordnetenversammlung in Kassel am Montag. Und auch wenn die Straßenproteste in Hessen noch weitgehend ruhig verlaufen, ist der Verfassungsschutz alarmiert. "Da gibt es ja auch Menschen, Rainer Becker zum Beispiel vom Demokratiezentrum, der auch formuliert hat, dass die Demokratie noch nie so gefährdet war wie in der Gegenwart. Auch ich persönlich mache mir da große Sorgen."

Und ob der Staat in der Lage ist, die drohenden Gefahren überhaupt abzuwehren, dazu hat der Präsident des Verfassungsschutzes eine eindeutige Antwort: "Davon gehe ich aus."

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Was genau ist eigentlich Telegram?

(Und warum ist es bei Extremisten so beliebt?)

Von Juli Rutsch

Telegram ist ein Messenger-Dienst – so wie WhatsApp oder Signal. Aber Telegram ist mittlerweile viel mehr als das, sagt Tobias Keber, Medienrechtler an der Hochschule der Medien in Stuttgart: "Es lässt traditionell zu, was man auch schon von WhatsApp kennt, also sich mit einem Freund verabreden zum Kaffee. Und es lässt etwas über große Kanäle zu, was dann so ein bisschen nach Social Media aussieht."

Das heißt: Nutzer können dort zum Beispiel Postings absetzen und damit gleichzeitig Tausende Menschen erreichen - ähnlich wie bei Twitter. Oder in großen Gruppenchats mit bis zu 200.000 Nutzern kommunizieren - ähnlich wie bei Facebook. Oder sich eben einfach mit ihren Freunden austauschen – ähnlich wie bei WhatsApp. Telegram ist quasi ein Potpourri aus verschiedenen Social Media Plattformen. Und es lässt eine andere Art der Kommunikation zu, sagt Julian Jaursch von der Stiftung Neue Verantwortung: "Da gibt es geschlossene Gruppen und es gibt auch offene oder teilöffentliche Gruppen, wo manchmal auch sehr viele Menschen drin sind und das ist ein Merkmal, was sich bei Telegram in den vergangenen Jahren sehr stark ausgeprägt hat."

Um Telegram zu verstehen, muss man sich seine Geschichte anschauen. Entwickelt wurde die App von Pavel und Nikolai Durow - zwei russische Brüder, die bereits das beliebteste Social Media Netzwerk Russlands entwickelt hatten: vk.com. Darüber waren sie mit der russischen Regierung in Konflikt geraten. Im Exil haben sie dann Telegram gegründet. Ihre Antwort auf eine Plattform, die fern von staatlichen Behörden agiert und sich frei macht von Regulierungen. Das macht Telegram beliebt bei autoritären Staaten und Führern. Ein Dorn im Auge für deutsche Politiker, weil es so scheint, dass sich dort immer mehr Menschen radikalisieren. Christian Schwieter vom Think Tank ISD Germany hat schon vor Jahren auf die Gefahren hingewiesen: "Das heißt, auf Telegram kann man sich ganz schnell in solchen Radikalisierungsspiralen verlieren, auch wenn man eingangs gar nicht diese Inhalte aufgesucht hat."

Ist Telegram jetzt ein weiteres Kommunikationstool oder eher eine zunehmend gefährliche Schattenwelt mit Mordaufrufen, antisemitischen Inhalten und Verschwörungsideologien? Darauf hat niemand eine Antwort. Zumindest keine, die durch Zahlen belegt werden könnte, sagt Tobias Keber von der Hochschule der Medien: "Also das ist schon empirisch gar nicht so einfach, da etwas belastbares an Zahlen herauszukriegen und darum müsste man sich aber mal kümmern."

Julian Jaursch, der sich mit Regulierungen im Netz beschäftigt, sieht ebenfalls Handlungsbedarf, schätzt Telegram aber nicht per se als Plattform für Extremisten ein: "Also meine Vermutung ist, dass die allermeisten Menschen, die Telegram nutzen, es als persönliches Kommunikationsmittel nutzen. Aber ich würde nicht wetten, dass die allermeisten Leute auf Telegram extremistische Personen sind."

Ob und wie Telegram jetzt reguliert werden sollte, damit schlagen sich derzeit nicht nur Politiker und Behörden in Deutschland herum. Die Europäische Union plant ein neues Gesetz, um zunehmenden Hass und Hetze auf Social Media Plattformen einzuschränken.

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