Zwei Männer, die vor einer Regenbogen-Flagge Händchen halten
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Konversionstherapien basieren auf der Annahme, dass Homosexualität eine Krankheit oder eine psychische Störungen darstellt und 'geheilt' werden kann. Das will die hessische Landesregierung jetzt verbieten. Doch die Frage bleibt: Wie wird Homosexualität biologisch in uns angelegt?

Was weiß man über die Entstehung von sexueller Orientierung?

Immerhin so viel, dass man sagen kann: Homosexualität entsteht nicht durch Sozialisierung, nicht durch Erziehung und nicht durch 'Verführung'. Homosexualität ist keine psychische Störung, sie ist biologisch angelegt. Deshalb gibt es sie seit ewigen Zeiten. Und deshalb überrascht es nicht, dass sie auch bei anderen Lebewesen vorkommt - von Pinguinen bis zu unseren nächsten Verwandten, den Bonobo-Schimpansen. Salopp gesagt: Sie gehört zum Leben dazu.

Ist Homosexualität genetisch bedingt - gibt es das sogenannte "Homo-Gen"?

Nein – so schön einfach diese Erklärung wäre, man hat es nicht gefunden. Generell ist schwer zu sagen, was zum Ausbilden sexueller Orientierung führt. Das ist auch ein heikles Forschungsfeld, weil befürchtet wird, dass solches Grundlagenwissen auch gegen Homosexuelle eingesetzt werden könnte. Wenn man in die Studien schaut, sieht man: Für Homosexualität gibt es mehrere Erklärungen.

Die einen sagen: Sie ist schon vor der Geburt festgelegt. Andere sagen: Sie entsteht durch Identifikationsprozesse in der frühen Kindheit oder Abläufe in der Pubertät. Wieder andere sagen: Ursache sind Unterschiede in der Gehirnentwicklung während der Embryonalphase, bedingt durch das Einwirken von Hormonen oder von Antikörpern aus dem Immunsystem.

Ist eine dieser Hypothesen wahrscheinlicher als die anderen?

Momentan weisen sehr viele Indizien in Richtung Genetik, obwohl es das einzelne Homosexualitäts-Gen ganz offenbar nicht gibt. Aber die Gene spielen auf jeden Fall eine Rolle, möglicherweise auch im Wechselspiel mit anderen Einflüssen. Was in dem Zusammenhang spannend ist, sind die Epi-Marks, sogenannte epigenetische Steuerbefehle. Das sind individuelle Markierungen auf der Erbsubstanz. Sie übermitteln Infos, welche Gene, ein- oder ausgeschaltet werden sollen. Dazu gehören auch die, die an der Realisierung der Sexualität im Gehirn mitwirken. Jetzt kann es passieren, dass Epi-Marks von einem Elternteil an den Nachwuchs weitergegeben werden.

Eigentlich sollte das nicht passieren, eigentlich sollten sie gelöscht werden. Passiert das aber nicht, könnte zum Beispiel eine Mutter das sexuelle Interesse an Männern an ihren Sohn weitergeben. Diese Hypothese wird noch diskutiert. Wenn sie aber stimmt, könnte man auch erklären, warum sich Homosexualität in manchen Familien häuft: Weil dort eine Genvariante existiert, die das vollständige Löschen der Epi-Marks verhindert. Das würde auch erklären, warum Homosexualität nicht ausstirbt, obwohl die meisten Homosexuellen keinen eigenen Nachwuchs haben.

Lässt sich sexuelle Orientierung überhaupt beeinflussen?

Solche Einflüsse von außen sollte man tunlichst unterlassen. Und deshalb ist das Ansinnen der Landesregierung auch zu begrüßen, Konversionstherapien zu verbieten. Die medizinische, psychologische und psychiatrische Fachwelt lehnt solche 'Umpolungen' ziemlich einhellig ab. Vor allem weil sie die Betroffenen stark schädigen können. Von Depression über Drogenkonsum bis Selbstmord. In verschiedenen Teilen der Welt sind diese Therapien auch schon verboten. In Brasilien zum Beispiel, in Argentinien und Teilen der USA. Selbst der Vatikan hat 2018 klargestellt, dass Homosexualität keine Krankheit sei, und daher Konversionstherapien nicht befürwortet werden.

Sendung: hr-iNFO, 08.04.2019, 06:10 Uhr

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