Zwei Kinder sitzen zu Hause an einem Tisch und machen Schulaufgaben.

Die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie belasten vor allem Kinder psychisch. Das zeigt sich auch in hessischen Psychiatrien: Die Wartelisten seien lang, immer mehr Kinder am Limit. Gleichzeitig ist die Zahl der Behandlungen spürbar zurückgegangen.

Die Lage ist schwierig, erzählt eine Mutter aus dem Kreis Marburg-Biedenkopf, die gerne anonym bleiben möchte. Ihre Tochter ist wegen Verhaltensauffälligkeiten schon seit längerem in psychologischer Behandlung, nun wurde bei der Siebenjährigen zusätzlich noch ADHS diagnostiziert. Sie sei vorher schon sehr auffällig gewesen und jetzt durch den Lockdown sei das Aggressive und Laute schlimmer geworden, sagt die Mutter - "weil sie nicht sich mit Freunden treffen kann oder den Ausgleich in der Schule hat, wo sie mit Kindern zusammen ist. Das nimmt sie sehr mit."

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Zum Artikel Autistische Kinder in der Pandemie: "Bei Veränderungen rastet er richtig aus"

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Von der Erstdiagnostik direkt in die Ambulanz

Die Mutter glaubt zwar nicht, dass die Auffälligkeiten nur vom Lockdown kommen. Aber das Familienleben sei gerade besonders schwierig: fehlende Alltagsstrukturen, wachsende Lustlosigkeit, mehr Streit. "Schwierig, weil wenn sie ihren Willen nicht kriegt, dann kriegt mal der Hund oder der Bruder einen Schubser oder Schlag ab. Sie fängt dann an richtig laut zu schreien von wegen: 'Ich will das jetzt aber', richtig laut."

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Offener Brief: Mehr Solidarität für Kinder

Die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie belasten vor allem Kinder psychisch. Das belegt eine Studie von Medizinern aus Hamburg: Etwa jedes dritte Kind zeigt demnach Auffälligkeiten. Amelie von Ditfurth und Reta Pelz, Oberärztin und Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Offenburg, haben deshalb einen offenen Brief verfasst, in dem sie mehr Solidarität für Kinder fordern. [Der Brief zum Download] [PDF - 254kb]

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Die Familie wird von der Kinder- und Jugendlichentherapeutin Ria Matwich der der Marburger Vitos Klinik betreut. Sie stellt fest, dass es einigen betroffenen Familien zusehends schlechter gehe: "Es gibt die, die kommen und sagen, es geht schon gar nichts mehr." Man habe momentan relativ viele Aufnahmen direkt aus der Erstdiagnostik in der Ambulanz, wo man einfach feststelle, "die Kinder sind schon so krank, da geht jetzt nicht mehr viel anderes."

Unsichere Aussichten sehr belastend

Statt im eigenen Zuhause bleiben zu können, geht es also gleich in Klinik. Für psychisch vorerkrankte Kinder und Jugendliche seien die unsicheren Aussichten momentan sehr belastend, sagt die Psychologin. Manche seien auch seit Monaten komplett von der Außenwelt isoliert, weil die Eltern große Angst haben – und zum Teil selbst psychisch krank sind. Einige seien komplett abgetaucht und nur noch schwer erreichbar. Auch die körperliche und psychische Gewalt nehme ihrer Wahrnehmung nach zu.

Es gebe Eltern, die erzählen, dass ihnen "die Pferde durchgehen", wenn sie zum 15. Mal über die Homeschooling-Aufgabe streiten, dann habe man dem Kind "halt eine geknallt", sagt die Psychologin. Und das werde ihr von Eltern erzählt, die sie schon länger betreue oder wo gar nichts mehr gehe. "Aber dazwischen gibt es ja auch noch viele Familien, und da gehe ich ganz fest davon aus, dass mir nicht darüber berichtet wird, wie der aktuelle Stand zum Thema körperliche und seelische Gewalt ist."

"Ganz, ganz kurz vor einem Suizid"

Suizid ist bei Jugendlichen in Deutschland die zweithäufigste Todesursache. Statistisch gesehen lassen sich derzeit noch keine erhöhten Suizidraten für die Pandemie feststellen, doch im Einzugsgebiet der Klinik hätten sich im Sommer zwei Jugendliche das Leben genommen, erzählt Ria Matwich. So viele habe es in den acht Jahren davor gegeben – insgesamt. Versuche werden außerdem nicht statistisch erfasst.

"Ich habe das Gefühl, hier kommen ganz viele her mit ganz viel Druck, die ganz, ganz kurz vor einem Suizid stehen", sagt sie. "Und das ist auch was Neues: dass mir Leute sehr konkret schildern können, ich hab mich da schon informiert und das alles im Internet angeguckt und hab schon mal die Orte getestet. Das ist eine Qualität, die sonst nicht so häufig vorkommt. Vielleicht weil eine Art Vakkum entsteht, eine Leere, in die hinein dann nichts mehr passiert."

Corona-Delle bei Behandlungen

Auf der anderen Seite zeigt nun eine aktuelle Untersuchung der DAK Hessen eine Art Corona-Delle. Im Pandemiejahr ist die Zahl der Minderjährigen, die wegen psychischen Erkrankungen behandelt wurden, sogar um fast 20 Prozent zurückgegangen. Auch das Universitätsklinikums Gießen Marburg und die Uniklinik Frankfurt bestätigen einen Patientenrückgang aufgrund der Coronamaßnahmen. Die Wartelisten seien zudem gerade lang. Notfälle könne man jedoch weiterhin aufnehmen.

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Hilfe bei Suizid-Gedanken

Wenn Sie verzweifelt sind und in einer bedrückenden Lebenssituationen keinen Ausweg sehen: Suchen Sie sich Hilfe bei anderen Menschen. Das kann ein Gespräch mit Familienangehörigen oder Freunden sein. In seelische Krisen könne man immer wieder mal geraten, das sei nichts Unnormales, sagen Psychologen. Deshalb gibt es Hilfe und professionelle Beratungsangebote. Hier können Sie auch anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unter der Rufnummer 0800/1110111 erreichbar.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 17.2.2021, 6 bis 9 Uhr

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