Der Marktplatz in Seligenstadt

Seit Wochen haben in Seligenstadt Menschen für die Aufnahme von mehr Flüchtlingen demonstriert – und dagegen. Die Demos verliefen friedlich, der Streit konnte entschärft werden. Angenähert haben sich die Parteien aber nicht.

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Daniell Bastian, Bürgermeister von Seligenstadt
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Seligenstadt im Kreis Offenbach, eine Stadt wie viele in Hessen: Rund 20.000 Einwohner, hübsche Fachwerkfassaden, ein schmucker Marktplatz. Man kennt sich untereinander, zum Teil seit vielen Jahren. Und dann, plötzlich, steht man sich auf dem Marktplatz gegenüber. Jeden Mittwochabend. Gespalten bei einem Thema, das nicht nur in Seligenstadt die Menschen entzweit: die Flüchtlingspolitik.

Eine Gruppe von Bürgern setzt sich für die Aufnahme von Flüchtlingen ein, hielt vor dem Brunnen auf dem Marktplatz Mahnwachen ab. Eine Gegenbewegung findet hingegen: Seligenstadt ist bunt genug – und protestierte unter genau diesem Motto gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Zur selben Zeit, unter der Linde auf dem Marktplatz, zehn Wochen lang. Die Emotionen drohten hochzukochen, so wie in Kandel oder Chemnitz. Nun haben beide Gruppen ihre Aktionen beendet.

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Zur besseren Einordnung der Geschehnisse haben wir den Artikel um eine Demonstrations-Chronik ergänzt. Diese finden Sie am Ende des Artikels.

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Ein Bürgermeister zwischen den Stühlen

Der Marktplatz ist eine wahre Schönheit. Kleine bunte Fachwerkhäuser umkreisen den Platz, der bei Einheimischen wie Touristen beliebt ist. Genau hier steht auch das Seligenstädter Rathaus. Vom Balkon aus kann Bürgermeister Daniell Bastian den gesamten Platz überblicken. Während der vergangenen Monate blickte der FDP-Mann immer wieder besorgt hinab. Denn was als Mahnwache für die Aufnahme von Geflüchteten mit nur 20 Menschen begann, entwickelte sich im Sommer zu einer Demo mit zwei Lagern und bis zu 300 Menschen.

"Das war eine sehr ungewohnte Situation für alle Seligenstädter, dass auf einmal dieses Thema Flüchtlinge wieder so emotional im Brennpunkt steht. Und dass sich da jetzt zwei Gruppen so unversöhnlich gegenüberstehen", sagt der Bürgermeister im Gespräch mit hr-iNFO. Bastian ist selbst Seligenstädter, er kennt deshalb viele Menschen auf dem Marktplatz – sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite.

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Natürlich erwarteten beide Seiten, dass sich der Bürgermeister auf die ihrige stellt. "Das habe ich ganz bewusst nicht getan. Weil ich meine Position irgendwo in der Mitte sehe - und um nichts zu tun, das diesen Streit noch weiter eskalieren lässt", so Bastian. Das brachte ihm zwar Kritik ein, die Situation blieb aber bis zuletzt ruhig.

Rauer Ton bei Facebook

Deutlich rauer als auf dem Marktplatz ging es auf Facebook zu. Vor allem die Aktion "Seligenstadt ist bunt genug" setzte auf die Plattform, um ihre Inhalte zu verbreiten. Mit Erfolg: Die Seite hat bis heute rund 1.800 Abonnenten, mehr als drei Mal so viele wie der Account der Gegenpartei, der "Seebrücke Seligenstadt".

Dabei setzen die Akteure "Seligenstadt ist bunt genug" auf klassische Strategien: Mit Fake-Accounts werden Meinungen verstärkt, die Seite wird wie ein eigener Nachrichtenkanal genutzt. Eine Interviewanfrage von hr-iNFO lehnt der Veranstalter von "Seligenstadt ist bunt genug" ab. Er befürchte, nicht "fair" behandelt zu werden, so die Begründung.

Bei einem Gespräch vor einigen Wochen in Seligenstadt legt der Mann Wert auf die Feststellung, dass man mit rechts nicht zu tun haben. Fotos auf seinem persönlichen Facebook-Profil zeigen ihn allerdings als Teilnehmer einer kürzlich stattgefundenen Pegida-Demonstration und zusammen mit dem rechten Blogger Michael Stürzenberger. Und auch auf der Facebook-Seite "Seligenstadt ist bunt genug" gibt es zumindest Berührungspunkte zu Rechtsextremisten, die einzelne Inhalte teilen und wohlwollend kommentieren.

Ein Riss zieht sich durch Seligenstadt

Die Teilnehmer, die allwöchentlich auf dem Marktplatz in Seligenstadt anzutreffen sind, scheinen hingegen bürgerlich. Auffällig ist hier allein der hohe Anteil von Leuten aus der Rockerszene bei "Seligenstadt ist bunt genug". Einer der Mit-Initiatoren gilt als gut vernetzt mit den Hells Angels.

Dass die Lage in den vergangenen zehn Wochen nicht eskaliert ist, ist die gute Nachricht. Die evangelische Pfarrerin Leonie Krauß-Buck, eine Mit-Iniatorin der "Seebrücke Seligenstadt", spricht allerdings von einem Riss, der sich durch die Stadt zieht. "Seligenstadt ist keine Oase. Es war nur erschütternd zu sehen, welche von den Menschen, die man schon länger kannte, sich unter der Linde versammelt haben", sagt sie.

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Chronologie der Proteste

Am vergangenen Mittwoch fand auf dem Marktplatz die 65. und damit letzte "Mahnwache" der Seebrücke Seligenstadt statt. Zuvor vor hatte die Seebrücke seit Sommer 2018 jeden Mittwochabend die „Mahnwache“ abgehalten. Ziel war es, Seligenstadt zum sogenannten "Sicheren Hafen" für Flüchtlinge zu machen. Eine entsprechende Petition wurde Ende September beim Magistrat der Stadt und dem Bürgermeister eingereicht.

Gegen die Ziele der "Seebrücke" protestierte seit August dieses Jahres eine zweite Gruppe unter dem Slogan "Seligenstadt ist bunt genug". Auch diese Gruppe rief jeden Mittwochabend zur Demonstration auf dem Marktplatz auf, so dass sich über mehrere Wochen beide Gruppen gegenüber standen.

Anfang Oktober kündigte "Seligenstadt ist bunt genug" allerdings an, keine Versammlungen auf dem Marktplatz mehr durchzuführen.  Zur Begründung hieß es: Es sei absehbar, dass die von der Seebrücke formulierten Ziele in der Stadtverordnetenversammlung Seligenstadt keine Mehrheit bekommt.

Am vergangenen Montag lehnte die Stadtverordneten-Versammlung einen im Sinne der "Seebrücke" formulierten und von den Grünen eingebrachten Vorschlag ab. In dem Antrag wurde unter anderem auch die Aufnahme von Flüchtlingen über die bestehende Quote hinaus gefordert.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 31.10.2019, 15-18 Uhr

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