"Gegen jeden Antisemitismus" steht an einer Toilettenwand der Universität Marburg.

Jeder vierte Deutsche hegt laut einer Studie des Jüdischen Weltkongresses antisemitische Gedanken. Mitarbeitern der Bildungsstätte Anne Frank sind entsprechende Äußerungen nicht fremd. Saba-Nur Cheema erklärt, was sie ihnen entgegensetzt.

Juden sind reich, reden zu viel über den Holocaust oder sind für die meisten Kriege auf der Welt verantwortlich: Das sind Beispiele für Antisemitismus, die laut einer aktuellen Studie des Jüdischen Weltkongresses jeder vierte Deutsche im Kopf hat oder sogar ausspricht. Für Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, ist das nichts Neues: Schon 2008 habe der Bundestag den Antisemitismusbericht herausgegeben, wonach 20 Prozent der hier lebenden Menschen latent antisemitisch seien.

Doch nur, weil Alltags-Antisemitismus nichts Neues ist, heißt das nicht, dass man nichts entgegensetzen muss. Aufklären und im Gespräch bleiben hilft. Saba-Nur Cheema, in der Bildungsstätte Anne Frank für den Bereich Pädagogik zuständig, versucht immer wieder, antisemitisches Gedankengut zu ergründen und aufzuklären - vor allem auch bei vielen Jugendlichen, "die so Sachen sagen wie: 'Ich hole mir meinen Kaffe auf keinen Fall bei Starbucks, weil das gehört einem Juden, die stecken hinter allem." Dort frage sie oft nach: "Welchen Einfluss hat das jetzt auf Dein Leben ganz konkret? Und dann noch: Du hast ein Vorurteil gegenüber Juden, woher kommt das eigentlich?" Da sei auch viel Unwissenheit dabei, sagt Cheema.

Konkrete Fragen

Aber nicht nur bei Jugendlichen spielt der Stand des Wissens eine große Rolle zur Meinungsbildung. Auch Erwachsene scheinen nicht ausreichend informiert und bedienen sich gängigen Klischees. Laut Studie meinen 41 Prozent der Befragten, dass Juden zu viel über den Holocaust reden. Das hört Saba-Nur Cheema häufiger: "Dieses Beispiel ist ein klassisches für diesen Schuld-Abwehr-Antisemitismus. Man hat keine Lust mehr, über den Holocaust zu reden. Inzwischen sind ja wir Deutschen die Opfer, weil wir ja immer wieder daran erinnert werden, was 'wir bzw. unsere Vorfahren' denn gemacht haben."

Für die Pädagogin ist das genau die Stelle, bei der ein Gespräch oder die Auseinandersetzung beginnen sollte. Und zwar mit konkreten Fragen: "Warum denkst Du denn, dass das so ist? Wo kriegst Du diese ganzen Gespräche über den Holocaust, über die Schoa mit und was stört Dich ganz konkret dabei? Und warum ist dein Gerechtigkeitsempfinden gestört?". Antisemitismus im öffentlichen Leben, zum Beispiel in der Schule - dafür sind nach Cheemas Ansicht die Pädagogen in der Verantwortung, damit umzugehen und aufzuklären.

"Personen nicht direkt beschuldigen"

Und wie sollte die Reaktion in der Familie oder unter Freunden ausfallen? "Was wir mitgeben, ist nicht direkt die Person zu beschuldigen als Antisemiten, weil das oft den Dialog verhindert und sich die Menschen schnell zurückziehen, weil sie eben nicht als Antisemiten gelten möchten", sagt Cheema. Über Juden hetzen oder sich auch nur im Kleinsten antisemitisch zu äußern, ist nichts Neues in der Geschichte der Menschheit. Erstaunlich ist nur, dass es gerade hier in Deutschland wieder unverhohlener stattfindet und es viele mitbekommen.

"Wenn wir erkennen, dass verstärkter antimuslimischer Rassismus oder verstärkter rechtsextremer Rassismus zu Tage kommt, spürt man das auch in der jüdischen Gemeinschaft, auch in Hessen, auch in Frankfurt", sagt der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank Meron Mendel. "Immerhin würde ich behaupten, wo es ein große, etablierte, jüdische Gemeinde gibt, gerade hier, die Situation deutlich besser ist als in Teilen von Deutschland, wo Juden nicht so präsent sind."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 24.10.2019, 15-18 Uhr

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