Gewalt gegen Kinder in der Pandemie

Vanessa wurde als Kind von ihrem Vater geschlagen. Sie hat das hinter sich, was für viele Kinder und Jugendliche in Deutschland zum Alltag gehört. In der Corona-Pandemie hat sich die Situation nochmal verschlimmert. Wie kommen Kinder aus dem Teufelskreis der Gewalt heraus? Und was muss passieren, um sie besser zu schützen?

Trigger-Warnung: In diesem Artikel berichtet eine Betroffene von der Gewalt, die sie als Kind erfahren hat. Hilfsangebote für Betroffene und Eltern finden Sie am Ende des Artikels.

Vanessa hat das hinter sich, was viele Kinder und Jugendliche in Deutschland erleben: häusliche Gewalt. Die heute 19-Jährige aus Darmstadt wurde regelmäßig von ihrem Vater geschlagen. „Wir waren Schlagkinder“, erzählt sie. „Meistens wurde ich mit Gegenständen geschlagen, mein Bruder mit Fäusten, weil er sich halt wehren konnte.“

"Irgendwann ignoriert man die Schmerzen"

Ein „Schlagkind“ wurde sie, als der Vater das erste Mal körperlich wurde - mit einer Fernbedienung. Dieses Bild hat sie heute noch vor Augen als wäre es gestern gewesen, sagt sie, obwohl es schon vor zehn Jahren passiert ist. Ihr Vater habe sie mit voller Wucht im Gesicht erwischt. „Also klar, ich fand es scheiße, dass er mich geschlagen hat und ich finde, es geht doch überhaupt gar nicht“, sagt Vanessa, die eigentlich anders heißt. „Aber trotzdem war es mein Vater. Trotzdem war er immer für mich da, auch wenn er mich geschlagen hat. Er hat mich von der Schule abgeholt, war auch immer mit bei meinen Schulauftritten. Ich vermisse ihn ja auch.“

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Mehr Gewalt gegen Kinder in der Pandemie - was tun?

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Sie war damals noch in der Grundschule und eigentlich habe sie ihren Bruder beschützen wollen. Als sie sich zwischen Bruder und Vater stellte, war auch sie plötzlich Opfer, sagt Vanessa. Wenn sie über die Schläge redet, dann wirkt es so, als sei das ganz normal für sie gewesen. Sie klingt distanziert, wenn sie darüber spricht: „Ja, irgendwann mal, wenn man geschlagen worden ist, nimmt man das so hin, dann ignoriert man das, auch die Schmerzen ignoriert man dann. Klar, man weint unter der Decke oder so. Ja, aber äußerlich zeigt man halt keine Schwächen oder so, dann nur lieber Stärke.”

"Holt euch Hilfe!"

Die Schläge blieben nicht das Einzige, was Vanessa durchleiden musste. Nachdem ihr Vater gestorben war, sie war damals 12 Jahre alt, kam die Mutter mit einem neuen Mann zusammen. Sie war 16, als der sie sexuell belästigt und nach Nacktfotos fragt. Das war der Punkt, an dem Vanessa beschloss, sich zu befreien. Sie vertraute sich ihrem Lehrer an und dann ging alles ganz schnell: Das Jugendamt kam dazu, Vanessa wurde aus ihrer Familie und in Obhut genommen, wie es in der Fachsprache heißt.

Das alles ist lange vor Corona passiert. Doch jetzt, als wir sie treffen, sieht sie zum ersten Mal seit langem ihre Betreuerin vom Jugendamt wieder. In der Pandemie waren direkte Kontakte lange Zeit nicht möglich, vor allem während des ersten Lockdowns. Telefonieren ging zwar, aber das sei anders, sagt Vanessa, distanzierter. Sie spricht mit ihrer Betreuerin darüber, wo sie jetzt steht und wie das Jugendamt weiter unterstützen kann. Vanessa lebt inzwischen in einer WG und macht eine Ausbildung. Und sie will allen, die Ähnliches wie sie selbst erfahren, sagen: 'Mädels, wenn euch sowas passiert, holt euch Hilfe. Ihr müsst das nicht aushalten, dass ihr geschlagen oder sexuell belästigt werdet.' Sie selbst könne heute Hilfe annehmen, sie hat verschiedene Therapien gemacht und diese Erfahrung will sie gerne an andere Betroffene weitergeben.

Corona-Pandemie verschlechtert die Lage

Die Corona-Pandemie hat die Lage für Kinder und Jugendliche verschlechtert. 2020, im ersten Pandemie-Jahr, wurden rund 5000 Kinder und Jugendliche Opfer körperlicher Gewalt. Sie wurden mit dem Bügeleisen verbrannt, dem Gürtel oder anderen Gegenständen geschlagen. 152 Kinder sind bundesweit an dieser Gewalt gestorben. In Hessen wurden sechs Kinder vorsätzlich getötet oder ermordet – doppelt so viele wie im Vorjahr.

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„Wir sind einfach nur da, um zu helfen - Hilfe zur Selbsthilfe.“ Vivian Osterhoff, Jugendamts-Mitarbeiterin Vivian Osterhoff, Jugendamts-Mitarbeiterin
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Angebote zum Schutz von Kindern und Jugendlichen gibt es viele – vom Jugendamt etwa oder dem Kinderschutzbund, aber auch von vielen anderen Trägern. Das Problem sei oft, dass viele gar nicht auf die Idee kämen, sich beim Jugendamt Hilfe zu holen, sagt Vivian Osterhoff vom Jugendamt Wiesbaden, die auch Vanessa betreut. Oft schwingt die Angst mit, das Amt könne einem die Kinder wegnehmen. Deshalb kämpfen Sozialarbeiterinnen wie Vivian Osterhoff gegen den schlechten Ruf des Jugendamts. Kinder aus der Familie zu nehmen, also eine Inobhutnahme, sei immer nur das letzte Mittel, sagt sie. „Wir sind einfach nur da, um zu helfen – Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Osterhoff.

"Es ist nichts Schlimmes, sich Hilfe zu holen"

Das Ziel jeder Maßnahme ist letztlich immer, dass die Eltern lernen, selbstständig und verantwortungsvoll mit ihren Kindern umzugehen - auch um zu vermeiden, dass das Kind in eine Pflegfamilie kommt. Osterhoff wünscht sich, „dass das endlich alle verstehen, dass wir niemand Böses sind, sondern dass wir einfach nur unterstützen und helfen wollen. Und das ist auch nichts Schlimmes, sich Hilfe zu holen.“ Jeder kenne Probleme und Herausforderungen, die einem über den Kopf wachsen und mit denen man nicht alleine klarkomme. „Niemand ist perfekt, niemandem muss perfekt sein.“

Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln, geschieht das meist nicht, weil sie Sadisten sind. Bei fast der Hälfte der Kindeswohlgefährdungen im Jahr 2020 war Überforderung der Grund. Und hier können das Jugendamt und andere Einrichtungen unterstützen.

Jugendämter: Zu viele Klienten, zu wenig Zeit

Ein Problem für die Jugendämter ist jedoch oft, dass die Mitarbeiter zu viele Klienten und zu wenig Zeit haben. „Wir wollen jeder Familie das Bestmögliche anbieten“, sagt Vivian Osterhoff. Doch das würden sie nicht immer schaffen. „Das ist einfach ein Dilemma, in dem wir stecken.“ Das Problem hat sich durch die Corona-Pandemie noch einmal verschärft – auch, weil viele Familien durch Homeoffice und Homeschooling am Limit waren. Vivian Osterhoff etwa bearbeitet aktuell 53 Fälle, sie hatte auch schon 70, bei ihrem Kollegen sind es manchmal 100. Ein Richtwert sagt, es sollten nicht mehr als 35 sein, sonst bleibe zu wenig Zeit für eine ausreichende Unterstützung.

Weitere Informationen

hr-Doku: Misshandelt - Kinderschutz in der Pandemie

Die Doku zum Thema finden Sie in der ARD-Mediathek.

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Bei 60.600 Kindern und Jugendlichen in Deutschland haben Jugendämter im Jahr 2020 eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. Das ist der Höchststand seit Einführung der Statistik im Jahr 2012. Besonders im ersten Pandemiejahr sind die psychischen Misshandlungen bei Kindern und Jugendlichen besonders gestiegen – also beispielsweise durch Anschreien, Ignorieren, sich überhaupt nicht interessieren, unter Druck setzen . Die Hälfte der betroffenen Kinder war unter acht Jahren.

Alle sollten genau hinsehen

Und während die Fälle mehr wurden in der Pandemie, konnten persönliche Besuche lange nicht stattfinden. Beratung und Unterstützung gab es nur telefonisch. „Und das war für uns unheimlich schwer“, sagt Vivian Osterhoff. „Man sieht diesen Menschen einfach nicht.“ Ein weiteres Pandemie-Problem: Als Kitas und Schulen geschlossen waren, konnten Lehrerinnen und Erzieher eventuelle Kindeswohlgefährdungen nicht mehr erkennen. Vor der Pandemie waren sie für 60 Prozent der Meldungen ans Jugendamt verantwortlich.

Wie kann so etwas in Zukunft verhindert werden? Grundsätzlich seien alle aufgerufen, genau hinzusehen, wenn sie glauben, dass Kinder und Jugendliche gefährdet sind, sagt Miriam Zeleke, hessische Beauftragte für Kinderrechte. Zudem hätten die Erfahrungen in der Pandemie zu einem „Empowerment“ derjenigen geführt, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, und dazu beigetragen, „Wege zu finden, um mit Familien in Kontakt zu treten.“ Es habe zum Beispiel Verabredungen zum Fenstergespräch oder Spaziergänge gegeben. Das setze aber alles voraus, „dass eine pädagogische Fachkraft einen Draht zu einer Familie finden konnte - und dazu braucht es natürlich Ressource, Zeit und das Wissen der pädagogischen Fachkraft.“

Wichtig sei auch eine verstärkte Unterstützung der Eltern, indem man vermehrt Beratungsangebote schafft und dafür sorgt, dass es entstigmatisiert wird, diese in Anspruch zu nehmen.

Politik müsste Rechte von Kindern noch mehr im Blick haben

Als Fazit bleibt: Die Gesellschaft insgesamt muss mehr hinschauen, um Kinder und Jugendliche besser schützen zu können. Als Nachbarn, als Mitglied im Sportverein, als Fahrgast …. Und auch wenn es die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen gibt und Kinderrechte in der Hessischen Verfassung verankert sind: Die Politik muss die Rechte von Kindern und Jugendliche auf ein gewaltfreies Leben noch mehr im Blick haben. Dabei sollte es jedoch ein wenig mehr Unabhängigkeit geben: Die Beauftragte des Landes Hessen für Kinderrechte ist derzeit dem Sozialministerium unterstellt. Das zu entkoppeln, könnte Sinn machen.

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Hilfsangebote

Hilfetelefone
Kostenlos und anonym

  • Kinder- und Jugendtelefon der „Nummer gegen Kummer“: 116 111
  • Elterntelefon der „Nummer gegen Kummer“: 0800 1110550
  • Telefonseelsorge: 0800 1110111
  • Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“: 0800 2255530

Weitere Hilfsangebote

  • Zora, Anlauf- und Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen (Wiesbaden)

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  • Trauma-Ambulanz Frankfurt

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  • Hilfe bei sexuellem Kindesmissbrauch

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  • Kinderschutzambulanz der Frankfurter Uniklinik

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  • Kinderschutzbund

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  • Deutsche Kinderhilfe: Die Kindervertreter

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  • Weißer Ring

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