Die Frankfurter Skyline bei Nacht

Die Corona-Pandemie hat die Wirtschaft vor große Herausforderungen gestellt. Es ist aber nicht das einzige Problem, das bewältigt werden muss, warnen Experten.

Corona, Corona und immer wieder Corona – die Wirtschaftsexperten kennen derzeit kaum ein anderes Wort. Die Pandemie überschattet alles – und lässt in Wirtschaft und Börse manches unter den Tisch fallen. Das kritisiert zumindest Andreas Scheuerle, Volkswirt der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka: "Die Herausforderungen sind vielfältig. Wir haben langfristige Hausaufgaben, die so‘n bisschen in den Hintergrund gerückt sind, aber gelöst werden müssen, dringend gelöst werden müssen."

Der Handelsstreit dürfte weitergehen

Die Aufforderung an Banker, Börsianer und Berliner Politiker: Hausaufgabenhefte raus. Nach dem Großrisiko C wie Corona kommt für viele Börsianer schon D wie Demokraten in den USA an die Reihe. Mit einem Präsidenten Joe Biden dürfte sich der Handelsstreit mit China nämlich keineswegs erledigt haben, sondern inhaltlich genauso weitergehen. In anderem Ton vielleicht, aber in der Sache unverändert. Das könnte für die deutsche Wirtschaft noch schwerwiegende Folgen haben.

"Das würde insbesondere Europa vor die ganz schwierige Entscheidung stellen, wie man sich im Kräftemessen zwischen zwei globalen Großmächten positionieren will. Denn Europa hat ja gute Handelsbeziehungen sowohl mit USA als auch mit China. Und da wäre das Wachstumsmodell, das wir bisher gefahren haben, ernsthaft infrage gestellt", so Axel Angermann vom milliardenschweren Bad Homburger Vermögensverwalter Feri.

Politische Unsicherheit nimmt zu

Ein weiteres verdecktes Risiko: dass nach Wahlen in den USA jetzt auch Wahlen in Europa dran sind. Und dass nach der letzten Amtszeit von Angela Merkel der Kontinent auf ein politisches Vakuum zusteuern könnte. Kopflos durch die Krise. Das befürchtet Felix Hüfner von der Schweizer Großbank UBS: "Man sieht in Europa, dass die politische Unsicherheit wieder zunehmen wird, mehr Unsicherheit in Italien, auch die französischen Wahlen werden zunehmend in den Fokus geraten. Also das ist ein Faktor, der uns eigentlich in den vergangenen zwei Jahren relativ wenig beeinflusst hat."

Zudem könnte sich auch das Krisen-Mantra der deutschen Politiker verändern. Statt "so viele Coronahilfen wie irgend möglich" könnte der Leitsatz künftig "so viel wie gerade noch nötig" heißen. "Was passiert mit der Fiskalpolitik im Jahr 2022 – wird man da die Fiskalausgaben möglicherweise wieder zurückfahren? Das ist ein mögliches Risiko und das spielt natürlich eine Rolle", warnt Hüfner.

Das deutsche Wirtschaftsmodell wird in Frage gestellt

Auch in den Unternehmen könnte im zweiten Corona-Jahr vieles anders werden. Viele dürften beispielsweise ihre internationalen Lieferketten überdenken. Weniger Produktion in Asien und Co. - das klingt nur auf den ersten Blick gut, sagt Angermann vom Vermögensverwalter Feri: "Allerdings wird natürlich gerade das Wirtschaftsmodell Deutschlands dadurch infrage gestellt, weil ja gerade Deutschland, die Industrie ja vom globalen Handel, ganz stark von der internationalen Arbeitsteilung lebt."

Dass die Globalisierung also ein bisschen zurückgeschraubt wird - daran glauben viele Experten. Und schrauben werden auch viele Unternehmen müssen, nämlich an ihren Geschäftsmodellen. Autobauer müssen auf einmal E-Mobil-Experten werden, Stahlkocher ihren Werkstoff umweltverträglich machen. Und mancher Beinahe-Pleitier wird sich fragen, ob seine Geschäftsidee vielleicht schon vor Corona nicht mehr funktioniert hat. Für die deutsche Wirtschaft könnte 2021 zum Jahr der verdeckten Risiken und unangenehmen Wahrheiten werden.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 14.01.2021, 15-18 Uhr

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