Eine zerknüllte Maske auf einer Straße in Stralsund (dpa)

Die USA haben die Maskenpflicht für Geimpfte weitgehend aufgehoben. Warum das für Deutschland derzeit noch kein Modell sei, erklären die beiden Wissenschaftler Martin Stürmer und Sebastian Hoehl.

"Ich habe das verfolgt. Die gehen ein sehr schnelles Tempo in den USA", sagt Dr. Sebastian Hoehl vom Institut für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Wenn sich zwei Geimpfte ohne Maske treffen, sei das Ansteckungsrisiko tatsächlich sehr gering. Dann müsste der Impfstoff ja zweimal versagen.

Übertragungen auf Geimpfte möglich

Allerdings sehe das Ganze schon wieder komplett anders aus, wenn Nicht-Geimpfte im Spiel seien. Das sehe man auch bei den Infektionen, die derzeit in Alten- und Pflegeheimen auftreten: "Das verdeutlicht nochmal ganz klar, dass es sehr wohl zu Übertragungen auch auf Geimpfte kommen kann und dass es auch zu Übertragungen von Geimpften ausgehend kommen kann. Und daher ist es eben ganz wichtig, wer trifft sich wie", sagt Hoehl.

Auch Dr. Martin Stürmer, Virologe und Laborchef in Frankfurt, musste die Stirn runzeln, sagt er. Natürlich hätten die USA eine sehr gute Impfquote und könnten bei fallenden Infektionszahlen etwas freier agieren. Aber ohne Maske in Innenräumen - das sei riskant: "Da sehe ich die größte Gefahr drin - auch wenn ein großer Teil der Bevölkerung geimpft ist, ist ja trotzdem im Innenraum immer eine Ansteckung möglich." Geimpfte seien nicht zu 100 Prozent davor gefeit, sich erneut anzustecken - und in Innenräumen sei das Risiko einer Ansteckung am größten. Damit riskiere man letztlich auch eine Selektion eines impfresistenten Stammes.

Gefahr der Entstehung von Mutanten

Denn bei jeder Weitergabe des Virus können durch Zufall Varianten entstehen, gegen die die Impfstoffe nicht mehr ausreichend wirken, sagt Martin Stürmer. Und diese Varianten, die Impfstoffen ausweichen, haben dann die Chance, sich bei Teilgeimpften oder vollständig Geimpften durch Selektion durchzusetzen: "Die hat vielleicht nicht ganz so viel Effizienz bei der Verbreitung, aber sie hat den Vorteil, dass sie sich bei Geimpften verbreiten kann, und dann wird so eine Variante das nutzen. Also, wir sollten tunlichst vermeiden, viele Virusmutanten zu generieren", sagt Stürmer.

Der Virologe betont, dass es bislang kein Signal gebe, dass die Impfstoffe bei den Varianten deutlich schlechter wirkten. Dieses Glück sollte man nicht herausfordern. Wie lang muss die Maske also auf der Nase bleiben? Bis wir Herdenimmunität erreicht haben? Und werden wir das überhaupt schaffen? Es werden sich nicht alle Erwachsenen impfen lassen und die Impfstoffe für Kinder und Jugendliche werden erst Schritt für Schritt kommen. Wir müssten auf jeden Fall bis zu dem Zeitpunkt warten, bis jeder die Chance hatte, sich impfen zu lassen, findet Martin Stürmer.

"Diskussion wird im Sommer massiv losgetreten werden"

Dann obliege es jedem selbst, ob er für sich persönlich sage, er möchte krank werden oder sich impfen lassen - und spätestens dann werde man wieder über die Rückkehr zu Normalität diskutieren können. Jetzt sei die Frage, ob man so lange wartet, bis die Impfstoffe für die Kinder und die Jugendlichen auch da seien oder ob man diese Diskussion schon vorher führe. "Ich fürchte tatsächlich, dass diese Diskussion im Sommer schon massiv losgetreten wird, inwieweit wir auch in Deutschland grundsätzlich zur Normalität zurückkehren können, inwieweit wir auf Masken verzichten, Großveranstaltungen wieder zulassen und und und. Ich befürchte, das wird schon recht bald wieder losgehen", sagt Stürmer.

Wenn Maske ab, dann allenfalls im Freien, so das Fazit des Virologen: "Wenn immer mehr Menschen geimpft sind, wenn wir immer mehr draußen sind, denke ich, dass man über eine Entbindung der Maskenpflicht im Freien durchaus nachdenken kann. Ich denke, das wäre auch ein gutes Signal an die Allgemeinheit." Aber er halte es für "sehr gefährlich, wenn wir das in geschlossenen Räumen jetzt schon aussetzen würden."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 21.5.2021, 15 bis 18 Uhr

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