Crispr
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Fehler im DNA-Code können heute dank der Genschere CRISPR/Cas korrigiert werden. So könnten manche Krankheiten bald der Vergangenheit angehören. Aber wie weit darf der Mensch in die Evolution eingreifen? Ein Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen und Stand und Möglichkeiten der Forschung.

Undenkbar? Wirklich ein Tabu? Das war einmal. Seit ein paar Jahren verlockt eine neue Technik zu immer neuen Gedankenspielen: Wenn es möglich ist, im menschlichen Erbgut gezielt und einfach einzelne Gene auszuschalten oder zu verändern, warum sollte man diese Technik nicht nutzen, um zum Beispiel bestimmte Erbkrankheiten zu verhindern - und zwar von Anfang an?

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WHO-Expertenkomitee tagt in Genf

Am Montag und Dienstag haben sich Experten in Genf, um über die Modifikation menschlicher DNA zu sprechen. Ziel der WHO ist es, eine Empfehlung zu erarbeiten, wie das Thema in ethischer, sozialer, gesetzlicher und wirtschaftlicher Hinsicht zu behandeln ist.

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Warum sollte man dafür nicht menschliche Embryonen gentechnisch verändern, und zwar in einem so frühen Stadium, dass auch alle künftigen Ei- und Samenzellen dieser Embryonen – so sie zu gesunden Erwachsenen heranwachsen sollten – diese Gen-Veränderungen in sich tragen? Dass sie also von Generation zu Generation weitergegeben werden, quasi für immer in der Welt sind, dass die Keimbahn verändert ist.

Schließlich gibt es im Tierreich inzwischen ja einen ganzen CRISPR-Zoo, Mäuse, Schweine, Affen und viele andere Tierarten, die Forscherinnen und Forscher mit der Crispr/Cas–Technik genetisch verändert haben. Dabei handelt es sich sozusagen um molekulare Genscheren, die ursprünglich aus dem Waffenarsenal von Bakterien stammen und mit denen sich das Genom so zielsicher schneiden lässt, dass sich für die Technik der Ausdruck Genchirurgie oder Gen-Editieren eingebürgert hat - so als wäre unser Genom ein Text, den wir nach Wunsch redigieren oder umschreiben können.

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Stand in Deutschland

Das Embryonenschutzgesetz wurde 1990 verabschiedet und regelt, was bei künstlicher Befruchtung und der Forschung rund um die Humangenetik erlaubt ist. Der Lebensbeginn ist zum frühestmöglichen Zeitpunkt definiert: mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Ab dann sind die mikroskopisch kleinen Zellen unantastbares menschliches Leben. Das Gesetz verbietet Wissenschaftlern somit, embryonale Stammzellen zu erzeugen. Für die Bekämpfung von genetisch bedingten Krankheiten dürfen Wissenschaftler in Deutschland laut Stammzellengesetz embryonale Zellen aus dem Ausland anfordern. In Europa dürfen Forscher in Großbritannien, Belgien, Schweden, Finnland, Tschechien, Portugal und Spanien diese durch Klonen herstellen.

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Experimente in Deutschland nicht möglich

Auch mit menschlichen Embryonen wird in vielen Labors experimentiert, zum Beispiel in China und den USA. Allerdings war es bei diesen Experimenten bis jetzt nie das Ziel, die frühen menschlichen Embryonen zu lebensfähigen CRISPR-Säuglingen heranwachsen zu lassen, sie werden im Labor in diesem frühen Entwicklungsstadium zerstört. In Deutschland wären solche Experimente nicht möglich, sie verbietet das Embryonenschutzgesetz. Auch das ist freilich nicht in Stein gemeißelt, immer wieder fordern deutsche Wissenschaftler, neu über das Embryonenschutzgesetz zu diskutieren. Allerdings geht es ihnen dabei um Grundlagenforschung.

Dass Eingriffe in die menschliche Keimbahn – aus welchen Gründen auch immer – ein Tabu bleiben müssen, ist aber kein Konsens mehr. Vor gerade  mal zwei Jahren warnte Peter Dabrock, der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, dass Debatten darüber, zu welchem Zwecke Eingriffe mir CRISPR/Cas in die menschliche Keimbahn zulässig sein könnten, eine Türöffner-Funktion hatten. Solche Debatte sollten wir lieber bleiben lassen, meint Dabrock. Vor einem Jahr sah sich der deutsche Ethikrat dann zu einer Ad-hoc-Empfehlung genötigt mit dem Titel "Keimbahneingriffe am menschlichen Embryo: Deutscher Ethikrat fordert globalen politischen Diskurs und internationale Regulierung."

Folgen kann niemand vorhersagen

Davon sind wir weit entfernt. Um so mehr schreckte im November 2018 die Meldung auf, dass jetzt Fakten geschaffen worden seien, dass in China tatsächlich die ersten CRISPR-Kinder auf die Welt gekommen seien. Das Youtube-Video, in dem der Wissenschaftler hinter der Meldung von Geburt "seiner" CRISPR-Babys erzählt, ist auf alle Fälle atemberaubend. Da klingt alles ganz einfach und eindeutig: Gen verändert, Problem behoben. Dabei ist klar, dass die Vorgänge im menschlichen Genom von einer immer noch unvorstellbaren Komplexität sind, ein Gen kann viele verschiedene Aufgaben übernehmen. Die vielen Folgen, die auch der vermeintlich gezielteste Eingriff hat, kann heute niemand vorhersagen.

Sendung: hr-iNFO, 19.3.2019, 6:10 Uhr

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