Der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt stellt Anfang 2017 das staatliche Label für mehr Tierwohl vor.

Es ist neu und gilt seit 1. April: ein Haltungslabel für Fleischwaren. In den Filialen der großen Supermarktketten soll es dafür sorgen, dass Verbraucher mehr auf das Tierwohl achten können. Der Begriff wird gern und oft verwendet, doch was sagt er konkret aus?

Tierwohl: Über diesen Begriff kann leidenschaftlich diskutiert werden. Er taucht im Kontext von Tierschutz, Publizistik und Gesetzgebung auf. Er ist Thema wissenschaftlicher Forschung, politisches Schlagwort und Lieblingsvokabel manch einer PR-Kampagne. Doch …

Was bedeutet der Begriff Tierwohl eigentlich?

Vor allem soll der Begriff  ausdrücken, dass es einem Tier gut geht. Dass es körperlich gesund ist. Dass es sich emotional wohl fühlt. Dass es in der Lage ist, seine natürlichen Verhaltensweisen auszuleben. Am häufigsten wird der Begriff in Zusammenhang mit Tieren gebraucht, die in menschlicher Obhut leben. Also in Zusammenhang mit Nutztieren, Versuchstieren, Zirkus-, Heim- und Zootieren. Das überrascht wenig, denn das Halten von Tieren geht unweigerlich damit einher, dass die Erfüllung ihrer Bedürfnisse eingeschränkt werden. Diese Einschränkungen kann man aber so gering wie möglich halten.

Wovon hängt das Tierwohl in menschlicher Obhut ab?

Von sehr vielen Faktoren, die voraussetzen, dass der Tierhalter die biologischen Bedürfnisse seiner Pfleglinge kennt und die Anforderungen der Tierschutzgesetzgebung. Auf dieser Basis wird entschieden: Wie wird das Gehege eingerichtet, was wird gefüttert, welche Artgenossen braucht das Tier? Wie wird das Tier beschäftigt? Wie vermeidet man Schmerzen und Schäden am Individuum? Eine Faustregel sagt: Ein Tier wird dann gut gehalten, wenn es eine optimale Kondition hat, alt wird, sich fortpflanzt, gesund bleibt und keine Verhaltensstörungen zeigt.

Wie hieb- und stichfest ist der Begriff Tierwohl?

Einige Experten sagen, der Begriff sei zu schwammig. Er werde zu oft unreflektiert als Worthülse verwendet. Auf ein weiteres Problem wies der britische Zoologe Richard Dawkins hin: Wir Menschen beurteilten Tierwohl gern aufgrund wohlgemeinter, emotionaler Mutmaßungen. Versuche man aber, sich als Mensch in ein Tier hineinzuversetzen, läge man damit meist daneben. Ein Beispiel: Aufgrund unseres Freiheitsdrangs empfinden wir die größten Tiergehege meist als die besten. Dabei kommt es für Tiere oft weniger auf Quadratmeter an als darauf, dass Gehege passend eingerichtet sind.

Welche Tierwohl-Kriterien berücksichtigt das neue Label?

Beim Label "Haltungsform" - also das "Tierwohllabel", das jetzt in Supermärkten zu finden ist - dreht sich vieles um Platz. So signalisiert Labelstufe 1, "Stallhaltung": Das Tier hatte den Platz, den das Gesetz minimal vorschreibt. Mit jeder weiteren Labelstufe nimmt der Platz pro Tier zu. Was sagt die Kennzeichnung sonst aus? Bei Labelstufe 2, "Stallhaltung plus", kommen Beschäftigungsmöglichkeiten ins Spiel. Labelstufe 3 heißt "Außenklima", hier kriegen die Tiere Frischluft. Hinzu kommen für Schlachtkühe Ruhebereiche oder für Puten Picksteine und Stroh. In der Premiumstufe 4 steht Milchkühen der Weidegang im Sommer zu und bei der Hühnermast ist ein Auslauf vorgeschrieben. Summa summarum: Es geht wohl doch eher um Haltungsformen denn um Tierwohl.

Sendung: hr-iNFO, 01.4.2019, 7:20 Uhr

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