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Luxus-Autos und unverhältnismäßige Gehälter: Bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Frankfurt reiht sich zurzeit Skandal an Skandal. Doch ist die AWO – wie ihr Name auch sagt – nicht eigentlich für Wohltätigkeit da?

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Am 13. Dezember 1919 ruft Marie Juchacz in Berlin den Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD aus – sie saß für die SPD in der Nationalversammlung der Weimarer Republik und führte jahrelang den Vorsitz des AWO-Ausschusses. Für Bruno Nikles, Professor für Sozialplanung Uni Duisburg-Essen, ist das ein Meilenstein in der Geschichte.

"Zunächst einmal ist die Tatsache, dass der Spitzenverband von einer Frau gegründet wurde, die es geschafft hatte, ihre Genossinnen und Genossen davon zu überzeugen, dass auch Sozialdemokratie in dem sich entwickelnden Sozialstaat der Weimarer Republik eine Position einnehmen musste. Das Zweite war, dass ihr das nur gelang, indem sie eine Parteiorganisation gründete. Die Arbeiterwohlfahrt war also Teil der Sozialdemokratie", sagt Nikles.

Die Sozialgesetzgebung modern weiterentwickeln

Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, erster Reichspräsident der Weimarer Republik, bezeichnete die Arbeiterwohlfahrt als Selbsthilfe der Arbeiterschaft und prägte damit den Grundsatz der AWO: Hilfe zur Selbsthilfe. Nach dem Ersten Weltkrieg ging es dabei um Hilfe für die Menschen, die durch den Krieg in Not geraten waren – die AWO half mit Nähstuben, Mittagstischen, Selbsthilfewerkstätten und Beratungsstellen. Die Nazis verboten die AWO.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gründete sich die Hilfsorganisation neu – im Mai 1947 in Kassel. "Damals kamen 65 Delegierte aus der britischen und amerikanischen Besatzungszone zusammen und aus Berlin, die gesagt haben: Wir brauchen wieder diese Organisation, um Hilfe zu organisieren und auch eben die Sozialgesetzgebung modern weiterzuentwickeln", sagt Michael Schmidt, heute Geschäftsführer der AWO in Nordhessen.

Zunächst Hilfe für Kriegsgeschädigte

Dieses Mal war die AWO unabhängig von einer Partei. Dennoch hielten die alten Kontakte in Gewerkschaften und die SPD. Bis heute ist die Arbeiterwohlfahrt daher ein SPD-naher Verband – in seinen Gremien finden sich zahlreiche SPD-Mitglieder. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bot die AWO zunächst Hilfe für Kriegsgeschädigte.

Daran erinnert sich im Interview mit dem Hessischen Rundfunk vor einigen Jahren Heinz Dörr vom AWO Ortsverein Gießen. "Es war vor allen Dingen die Hilfe für die Ausgebombten, für die Flüchtlinge, die nach Gießen kamen, für die sogenannten Heimatvertriebenen, aber auch für die aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Soldaten", so Dörr.

"Das Herz muss sprechen"

Heute zählt zu den Aufgaben vor allem die Altenpflege, Integrationsarbeit, und die Kinder- und Jugendhilfe. Bundesweit gliedert sich die AWO in 30 Bezirks- und Landesverbände – unterteilt in knapp 3500 Ortsvereine. Hier arbeiten gut 230.000 Hauptamtliche und mehr als 70.000 Mitarbeitende im Ehrenamt. Uschi Krollmann aus Nordhessen hat sich 50 Jahre lang in der AWO engagiert. Sie erklärt das Symbol im Schriftzug der AWO – das Herz: "Das ist schon der Grundsatz unserer Arbeit, dass das Herz sprechen muss."

Sprechen soll es zu den Menschen, die die mehr als 18.000 Einrichtungen, Diensten und Leistungen der AWO nutzen. Darunter sind unter anderem Heime und Tagesstätten für Kinder, Jugendliche und ältere Menschen, Beratungsstellen für alle Lebenslagen, ambulante Pflegedienste und Werkstätten für Arbeitslose.

Private und öffentliche Zuwendungen

Nach eigenen Angaben hat sich der gemeinnützige Verband im vergangenen Jahr zu mehr als 80 Prozent aus privaten und öffentlichen Zuwendungen finanziert – also Geld aus der öffentlichen Hand wie etwa Städten und Kommunen erhalten, aber auch Geld von Privatpersonen, die im aktuellen Verbandsbericht von 2018 ausdrücklich nicht als Spenden ausgewiesen sind.

Ausgegeben hat die AWO das Geld im vergangenen Jahr zu gut zwei Dritteln für Hilfsprogramme. 12 Prozent für Personal und insgesamt 20 Prozent für nicht näher definierte Kosten für den Gesamtverband, Fortbildungen und sonstige Aufwendungen. Der Gesamtumsatz in der AWO im Jahr 2018 belief sich auf knapp 41 Millionen Euro.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 4.12.2019, 15-18 Uhr

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