Kramp-Karrenbauer bei ihrer Faschingsrede
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Ein Fastnachtswitz der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer sorgt für Empörung. Er sei beleidigend gewesen und ziemlich platt, heißt es. Aber was unterscheidet einen guten Witz von einem schlechten? Und wie denkt man sich sowas eigentlich aus?

Unser Moderator Uli Höhmann erklärt es. Er ist seit knapp 20 Jahren auch Comedy- und Satire-Autor.

Witze machen ist keine Kunst. Witze machen ist ein Handwerk, allenfalls noch ein Mundwerk. Wer sich einen Witz ausdenkt, der wartet nicht auf den Kuss der Muse, der lüftet einmal kurz sein Sprachzentrum durch und greift dann zu den Techniken, die er gelernt hat. Und diese sind vor allem: übertreten, übertragen, übertreiben.

Übertreten, übertragen, übertreiben

Übertreten heißt hier: übertreten von Grenzen, auf Konventionen pfeifen, Tabus brechen. Dazu gehören Witze über schwule, einbeinige Bischöfe, Witze wie "Was macht ein Leprakranker im Club? Tanzen bis die Fetzen fliegen." Und auch Annegret Kramp-Karrenbauers Witz über Toiletten fürs dritte Geschlecht funktioniert auf diese Art.

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Kritik an Kramp-Karrenbauers Fastnachts-Witz

Toiletten fürs dritte Geschlecht seien "für Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen" - für diesen Witz erntete die CDU-Vorsitzende viel Kritik. [mehr auf tagesschau.de]

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Übertragen bedeutet: Eigenschaften oder Sprache zu übertragen auf andere Bereiche. Ein Kochrezept im Stil des Vater-unser erzählen, eine Liebeserklärung im Jargon einer Baumarktwerbung – Respekt, wer sich's selber macht! - und übers Nudelnkochen reden wie ein Sportreporter: "Rigatoni durch die Mitte – ouh, da ist mächtig Dampf drin! Wenn das mal nicht gleich überschäumt!"

Je weiter die Bereiche auseinander liegen, umso größer ist die sogenannte Fallhöhe dazwischen und umso lustiger der Witz. Wie in dem Klassiker von Loriot mit Herrn Dr. Klöpner und Herrn Müller-Lüdenscheid. Zwei Vorstandsmanager reden wie eben zwei Vorstandsmanager reden, aber sie begegnen sich nicht bei einer Sitzung oder einem Arbeitsessen, sondern in der Badewanne eines Hotelzimmers. Zufällig. Und nackt.

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Die dritte komische Technik dürfte die bekannteste sein: Übertreibung. Die "Meine Schwester ist so dick"-Witze fallen darunter und leben davon, dass immer noch mal einer drauf gesetzt wird. Die Übertreibung wird so weit getrieben, dass der Zuhörer meint: Mehr geht jetzt nicht mehr. Aber natürlich hat der Witzeautor noch einen in petto.

Ein guter Witz bleibt in Erinnerung

Alle drei Methoden arbeiten obendrein mit sprachlichen Doppeldeutigkeiten wie in dem Witz "Kommt ein Kaminkehrer in die Kneipe, sagt der Wirt: Der geht aufs Haus."

Doppeldeutigkeiten sind dabei nichts anderes als Missverständnisse. Der Witz suggeriert erst nur eine Bedeutung und macht dann mit einer anderen weiter. Wir sind überrascht und lachen. Genau deshalb gibt es auch so unfassbar viele Witze und ganze Comedy-Serien und -Programme über Männer, Frauen und Paarbeziehungen. Diese sind randvoll mit Missverständnissen, die obendrein jeder kennt. Denn ein Witz baut immer auf Bekanntes auf, sonst funktioniert er nicht. "Sei Epsilon kleiner Null" – das kapieren nur Mathematiker.

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Ein guter Witz ist allerdings nicht unbedingt einer, der besonders vielen gefällt. Ein guter Witz ist vor allem einer, der in Erinnerung bleibt und das tut er, weil er auf mehreren  Humorebenen spielt, nicht nur eine Tabugrenze übertritt, sondern auch was überträgt und übertreibt. Aber wie immer im Humor ist das Geschmacksache. Und damit sind wir wieder beim Handwerk. Denn das haben Schreiner, Stricher und Schreiber von Witzen gemeinsam: Manche Kunden mögen es glatter, andere rustikaler und wieder andere wissen noch gar nicht, was ihnen gefällt.

Sendung: hr-iNFO, 4.3.2019, 16:10 Uhr

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