Henryk Stöckl

Die Videos von Henryk Stöckl aus dem Vordertaunus werden auf YouTube tausendfach geklickt. Für Leute, die Zuwanderung ablehnen und von "linksgrüner Gesinnungsdiktatur" sprechen, ist der 25-Jährige ein Held. Für andere ist er ein rechtsextremer Hetzer.

An einem Tag im September ziehen in Wiesbaden knapp 100 Demonstranten vom Hauptbahnhof zum Landtag. Mittendrin ist Henryk Stöckl. Er tut das, was ihn bei Freund und Feind bekannt gemacht hat: Er filmt. In diesem Fall die Demo der Gruppe Wirsindvielmehr, die sich auf die französischen Gelbwesten beruft.

Stöckl beschreibt seine Rolle so: "Ich würde sagen, dass ich ein anderes Medium bin, nicht zum Mainstream gehöre, da ich das halt auch unzensiert wiedergebe. Ich meine, die Mainstreammedien zeigen immer nur einen kleinen Ausschnitt, und ich zeig' das halt einfach in voller Länge, sodass sich die Leute ein eigenes Bild machen können, was dort ist." Ja, er kommentiere das auch, aber versuche es neutral zu halten. "Von daher gebe ich da den Bürgern die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild machen zu können."

Drastische Sprache, dramatische Selbstinszenierung

Die Überzeugung, er sei um Neutralität bemüht, hat Stöckl exklusiv. Flemming Ipsen beschäftigt sich bei jugendschutz.net, einer gemeinsamen Einrichtung von Bund und Ländern, mit Rechtsextremismus. Er hält Henryk Stöckl aktuell für einen der wichtigsten Fake-News-Produzenten der Republik: "Er nimmt zum Beispiel Fälle mit nur lokaler Bedeutung und skandalisiert sie so sehr, dass sie dann auch in einen Kontext bundesweiter Bedeutung gestellt werden. Viele der Ereignisse, die er beschreibt, haben zwar einen wahren Kern, aber die füttert er dann an mit allerhand Falschbehauptungen. Er nutzt drastische Sprache, verängstigende Bilder. Er arbeitet sehr viel mit Suggestivfragen und einer dramatischen Selbstinszenierung."

Stöckl lotet Grenzen aus. Nach der Konfrontation mit einer jungen Muslimin in Hannover ermittelt die Polizei gegen ihn wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Ermittlungen gibt es auch wegen eines Videos, das angeblich heimlich eintreffende Flüchtlinge aus Afrika zeigt. Die Polizei stellte klar, dass in Wahrheit Mitarbeiter einer großen Firma auf dem Weg zur Arbeit zu sehen sind. Auf Stöckls Accounts ist das Video, das nicht von ihm stammt, bis heute zu finden.

Typisch, sagt Flemming Ipsen: "Wenn dann im Nachhinein Behauptungen klar als unwahr gekennzeichnet werden, lässt er sie trotzdem noch als vermeintliche Fakten stehen. Und zusammengenommen wird dann letztlich mit der thematischen Auswahl, die er dann eben auch betreibt, relativ offen Hass gegen Einzelpersonen oder auch Personengruppen geschürt und insgesamt Misstrauen in die demokratischen Strukturen genährt."

Dank an demonstrierende Rechtsextreme in Berlin 

Am Tag der Deutschen Einheit hat Stöckl eine Demonstration in Berlin begleitet. Dort wurden Reichskriegsflaggen und Fahnen des NPD-Nachwuchses geschwenkt, rechtsextreme Gruppen wie "Bruderschaft Deutschland" und "Soldiers of Odin" gaben sich offen zu erkennen. Ein Demo-Teilnehmer rief: "Ein Baum, ein Strick, ein Pressegenick!" Stöckl hat später ein Video online gestellt und sich bei allen bedankt, die dabei waren.

Dass Plattform-Betreiber neuerdings nicht mehr alles durchgehen lassen, was er hochlädt, nennt er Zensur: "Wenn man hier als konservativer Mensch seine Meinung öffentlich sagt, dann werden einem so viele Steine in den Weg gelegt. Mein YouTube-Kanal, wo ich sonst meine Live-Streams mache, wurde jetzt zensiert. Obwohl ich nur Bürger immer gefragt habe, was sie auf den Demonstrationen dazu denken. Selbst das darf ich nicht mehr auf YouTube mitteilen."

"Man sieht, dass diese Strategie verfängt"

Für die rechte Blase im Netz ist Henryk Stöckl eine Schlüsselfigur. Flemming Ipsen verweist auf dessen große Reichweite: "Seine Videos werden hunderttausendfach angeklickt und über rechtsextreme Kanäle weiterverbreitet. Es wird sehr viel mit seinen Medieninhalten interagiert, sie werden geteilt, geliked und kommentiert. Und wenn man sich dann die Kommentarspalten anschaut, dann sieht man eben, dass diese Strategie, dieses Repertoire, das er nutzt, tatsächlich auch verfängt."

Im Livestream zur Demonstration in Wiesbaden sagt Stöckl, die Zeiten des Nationalsozialismus würden langsam zurückkehren. Er meint die Gegendemonstranten. Im Hintergrund ist Sprechgesang zu hören. Eine Textpassage geht so: "Wo kommt noch mal Aids her, Zika und Anthrax, das sind alles Patente aus den Vereinigten Staaten, die in Israels Auftrag die Welt versklaven." Der, der das von sich gibt, trägt eine gelbe Weste. Der antisemitische Verschwörungs-Rap ist Teil der Kundgebung.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 17.10.2019, 15-18 Uhr

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