Frau vor untergehender Sonne
Bild © picture-alliance/dpa

Wie müssten sich Politik und Gesellschaft verändern, damit die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt werden könnte? Unsere Wissenschaftsredakteure haben eine Vision entwickelt.

Dezember 2030. Wie seit Jahrzehnten üblich, findet gegen Ende des Jahres die Weltklimakonferenz statt, offizieller Gastgeber: Tallinn, Estland. Anders als noch vor zehn Jahren bevölkern die Scharen der Welt-Klimadiplomaten aber weder den Flughafen noch die Konferenz-Center der Stadt. Man konferiert und verhandelt verteilt auf verschiedene Städte und Kontinente per Datenbrille – und sieht den virtuellen Konferenzraum genauso echt und in 3D vor sich wie die Verhandlungspartner.

Die Esten in Tallinn koordinieren die Schaltungen. Zu Verhandlungen und Geschäftsabschlüssen per Flugzeug anzureisen – das gilt auch in der Industrie inzwischen als gestrig. Dank immer besserer digitaler Konferenz-Technik, aber auch weil den meisten Unternehmen die Flüge langsam aber sicher zu teuer geworden sind.

C02-Steuer in den meisten Ländern

Die meisten Länder haben nämlich inzwischen eine CO2-Steuer eingeführt. Wo immer fossile Brennstoffe eingesetzt werden, fällt sie an: bei der Kohleverstromung, bei der Nutzung von Heizöl, bis hin zum Flugbenzin. Andere Steuern werden dafür gesenkt, so dass vor allem ärmere Haushalte nicht zusätzlich belastet werden.

In Europa hatte Großbritannien 2013 als erstes eine umfassende CO2-Steuer eingeführt und seine Klima-Emissionen in der Folge deutlich senken können. Frankreich folgte 2018, musste sein CO2-Steuer-Konzept allerdings nach vehementen Protesten vor allem von Pendlern überarbeiten. Deutschland führte schließlich im Jahr 2022 eine umfassende Klima-Steuerreform durch. Inzwischen, im Jahr 2030, sind die CO2-Steuern EU-weit harmonisiert. Für Produkte aus Ländern ohne eigene Klimasteuer erhebt die EU spezielle Import-Zölle – das sind aber die wenigsten.

Große Autohersteller sind pleitegegangen

Der Treiber für mehr Klimaschutz in Deutschland war Anfang der 2020er Jahre vor allem auch die Industrie. Auf klimaschädliche Technologien zu setzen, gilt zunehmend als unternehmerisch riskant. Infolge der sogenannten Diesel-Skandale waren die großen Autohersteller pleitegegangen, wurden vorübergehend vom staatlichen sogenannten Rettungfonds Neue Mobilität übernommen, fusionierten mit Stadtwerken und regionalen Verkehrsverbünden und entwickelten neue, digital vernetzte Verkehrssysteme. Wo sich auf dem Land keine eigene Bahnlinie lohnt, bringen selbstfahrende Elektro-Taxis - per Handy-App bestellt - die Menschen zum nächsten Anschlusspunkt.

Auch die Finanzindustrie und ihre Kunden haben den Klimaschutz vorangetrieben. Wer 2030 seine Altersvorsorge oder eine langfristige Geldanlage plant, der pocht schon lange auf Klima-Sicherheit, will keine Aktien von Unternehmen im Portfolio, die ihr Geld mit fossilen Energien verdienen und deren Kurs abzustürzen droht, sobald neue, schärfere Klimaschutz-Maßnahmen verabschiedet werden. Kohle, Öl und Gas – das sind Risiko-Investments.

Discounter vermarkten mehr veganen Fleischersatz

Die Landwirtschaft in Deutschland produziert 2030 ebenfalls deutlich weniger CO2. Tierschutz-Initiativen haben für strengere Standards bei der Tierhaltung gesorgt. Selbst Discounter-Supermärkte werben mit tier- und klimafreundlichem Fleisch und vermarkten außerdem immer mehr veganen Fleischersatz. Insektensterben und das Verschwinden vieler Vogel- und Pflanzenarten haben zu einem Umdenken geführt: Es werden weniger Pflanzenschutz-Gifte versprüht, Dünger wird auch dank digitaler Steuerung gezielter und sparsamer eingesetzt. Das sorgt für gesündere Böden – und die speichern deutlich mehr CO2.

Weitere Informationen

Unsere Zukunftsvision 2030

Die nächsten zehn bis zwölf Jahre sind laut Wissenschaftlern des Weltklimarats entscheidend für eine Begrenzung der Erderwärmung auf die angestrebten zwei Grad. Das heißt: Wenn wir bis 2030 nicht weltweit umsteuern, wird die Erde sich um deutlich mehr als zwei Grad aufheizen. Die Vision unserer Wissenschaftsredakteure, wie ein solches Umsteuern aussehen müsste, basiert unter anderem auf aktuellen Forderungen und Berechnungen der Klimaschutz-Organisationen Germanwatch und BUND sowie des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung.

Ende der weiteren Informationen
Videobeitrag
Schriftzug "einfach wissen"

Video

zum Video Wie CO2 zum Problem fürs Klima wurde

Ende des Videobeitrags

Sendung: hr-iNFO, 14.12.2018, 6:10 Uhr

Jetzt im Programm