Collage: Nach oben gehende Dax-Kurve und ein Schild, das eine Geschäftsschließung ankündigt

Existenzangst bei Händlern, Hoteliers und Gastronomen, Rekordzahlen an der Börse und bei der Industrie: Von einer allgemeinen Wirtschaftskrise aufgrund der Corona-Pandemie kann man schon längst nicht mehr sprechen. Es gibt klare Gewinner und Verlierer.

Krise? Welche Krise? Wenn man in den vergangenen Tagen den Börsennachrichten gelauscht hat, dann leben wir gerade in fantastischen Wirtschaftswunderzeiten. Und nicht nur an den Börsen geht es derzeit steil bergauf. Die Stimmung in der deutschen Industrie ist so gut wie nie zuvor. Das hat das Forschungsunternehmen IHS Markit Ende vergangener Woche gemessen. Der sogenannte Einkaufsmanagerindex ist demnach auf einem Allzeithoch.

Das glaubt man sofort, wenn man sich zum Beispiel bei den Autobauern umhört. BMW will wieder sechs bis acht Prozent Gewinn vom Umsatz machen. Und auch Daimler-Chef Ola Källenius hat gerade prächtige Zahlen vorgelegt. Das Jahr 2020 habe gezeigt, wozu dieses Unternehmen fähig sei, und im ersten Quartal 2021 habe man den positiven Trend fortsetzen können, so Källenius.

Export läuft wieder

Von Krise also keine Spur. Und die gute Stimmung in der Industrie zieht auch immer stärker die gesamte Wirtschaftsleistung nach oben. Die fünf Wirtschaftsweisen rechnen für 2021 mit plus 3,1 Prozent. Vor allem, weil der Export wieder läuft, sagt Monika Schnitzler vom Sachverständigenrat: „Das liegt daran, dass sich unsere wichtigsten Handelspartner schon deutlich wieder erholt haben. In China, so ist unsere Prognose, wird es in diesem Jahr ein Wachstum von 8,5 Prozent geben, in den USA von 6,3 Prozent. Das heißt, hier sehen wir schon einen deutlichen Anstieg und das sieht man auch schon im Welthandel. Der Welthandel ist schon wieder in seinem Vorkrisen-Niveau.“

Vorkrisenniveau - davon träumen in Deutschland viele Einzelhändler, Hoteliers, Veranstaltungstechniker, Reisebüros, und so weiter. Vermutlich ging die Entwicklung zwischen Industrie auf der einen Seite und Handel beziehungsweise Dienstleistungssektor auf der anderen noch nie so weit auseinander wie gerade jetzt. Steuerberater Hartmut Ruppricht aus Wetzlar kennt die Nöte seiner Mandanten. Und denen helfen die guten Industriezahlen überhaupt nichts. „Die ganzen darstellenden Künstler, die freiberuflichen Fotografen, Bühnentechniker, die sind alle nach wie vor betroffen vom Lockdown. Es finden keine Veranstaltungen statt, also ist diese Branche weiterhin nicht vorhanden wirtschaftlich.“

DEHOGA: Schätzungsweise 20 bis 25 Prozent Insolvenzen

Einige seiner Mandanten haben schon aufgegeben, sagt er. Die Arbeitsplätze sind weg. Und niemand weiß, ob und wann sie wiederkommen. Und bei den Hotels und Gaststätten sieht es keinen Deut besser aus, sagt der Geschäftsführer des Verbands DEHOGA in Hessen Julius Wagner: „Das, was wir erleben und auch erleben werden, das ist ein Sterben auf Raten. Die Wirtschaftshilfen kommen verschleppt und kommen in vielen Betrieben an, aber das reicht an vielen Stellen nicht aus, die Menschen haben kein Geld mehr. Es gibt keinen Unternehmerlohn, es muss an vielen Stellen überlegt werden, wie sie die Familie ernähren unter diesen Umständen und insofern schätzen wir, dass wir in diesem Jahr durchaus 20 bis 25 Prozent Insolvenzen haben werden.“

Rekordinsolvenzen drohen also, während die Industrie auf Rekordumsätze und Gewinne hofft. Menschen sind vor dem Virus wohl alle gleich. Bei der Wirtschaft – das zeigt sich gerade – sieht es völlig anders aus.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 8.4.2021, 6 bis 9 Uhr

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