Massive Mängel in der Pflege
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In Hessen arbeiten rund 50.000 Menschen in stationären Pflegeheimen. Allerdings ist nur ein kleiner Teil davon wirklich als Pflegefachkraft ausgebildet. Um genau diese geht es in der Personalmangel-Diskussion.

Ein Pflegeheim des Arbeitersamariterbundes in Karben bei Frankfurt: Violetta Kettemann ist hier leitende Pflegefachkraft und würde sofort ein Handvoll neue Kolleginnen und Kollegen einstellen. Aber der Arbeitsmarkt ist wie leergefegt. "Wir kompensieren das mit Zeitarbeitsfirmen, damit wir unser eigenes Personal nicht verschleißen", sagt sie.

Zeitarbeit im Pflegeheim - aus der Not heraus. Festangestellte Fachkräfte wären besser: Damit man feste Teams bilden kann, mit Leuten, die sich ergänzen, die die alten Bewohner gut kennen. Das erhöht die Qualität.

Eine Pflegekraft (l) begleitet am 22.02.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) die Bewohnerin eines Altenheims beim Gang über den Flur.
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Der ständige Mangel zieht sich durch die meisten der 860 Pflegeheime in Hessen. Gut 13.000 echte Pflege-Fachkräfte arbeiten in den hessischen Pflegeheimen. Nicht genug: 2.500 Pfleger fehlen in Hessen – ein Fachkräftemangel, der immer weiter zunehme und sich auch auf die ambulante Pflege beziehe, sagt Oliver Lauxen. Er ist Projektleiter des hessischen "Pflegemonitors", einem Projekt des Landes Hessen, das die Entwicklung am Pflegearbeitsmarkt wissenschaftlich begleitet. Es gebe junge Leute, die den Beruf ergreifen wollen, weil er sinnstiftend sei, sagt Lauxen: "Man kann nicht sagen, dass der Altenpflegeberuf ein unattraktiver Beruf ist. Wir haben eine starke Ausweitung der Ausbildungszahlen. Es wird aber auch mehr Personal gesucht. Und dann reicht das Mehr an Ausbildung einfach nicht aus."

Noch mehr Nachwuchs muss her, ist auch vom Frankfurter Verband zu hören, der mehrere Pflegeheime betreibt und auch selbst ausbildet. Aber mit jedem neuen Jahrgang werde es schwieriger. Dazu tragen auch die Berichte über die schlechten Arbeitsbedingungen bei. Der Blick in die Zukunft und die Zahlen lassen die Heimleitungen zusätzlich verzweifeln. Im Pflegemonitor des Landes Hessen steht nämlich: Durch die demographische Entwicklung werden bis 2035 nochmal 60 Prozent mehr Pflegefachkräfte gebraucht - die auch ordentlich bezahlt werden wollen. Also allein für Hessen nochmal 7.000 mehr an Fachpersonal.

Zitat
„Man muss natürlich auch in der Öffentlichkeit spüren, dass die Altenpflege Sorgen hat.“ Zitat von Annette Hergl, Verdi
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Bundesweit fehlen laut "Arbeitgeberverband Altenpflege" mindestens 30.000 Fachkräfte. Fragt man Gewerkschaften, fehlen noch mehr. Die 8000 neuen Pflegefachkräfte, die im Koalitionsvertrag stehen, sind für die meisten Akteure in der Pflege ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Politik verschiebt das Problem aber noch und verordnet Kosmetik.

Die Altenpflegerinnen und –pfleger selbst müssten endlich öffentlich Krach schlagen, sagt Annette Hergl. Sie ist bei Verdi verantwortlich für die Pflege. Nur rund zehn Prozent aller Pflegenden sind gewerkschaftlich organisiert. "Deswegen bewegt sich auch nichts. Man muss natürlich auch in der Öffentlichkeit spüren, dass die Altenpflege Sorgen hat. Es schwingt zwar mit, ist aber noch lange nicht richtig in der Öffentlichkeit angekommen."

Annette Hergl macht sich gerade auf, das zu ändern. Sie will in hessischen Pflegeheimen Betriebsräte gründen, Arbeitsrecht und Streikrecht erklären.

Sendung: hr-iNFO, 20.2.2018, 7:20 Uhr

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