Hochhaussiedlung Aschenberg in Fulda

Vor 20 Jahren in der Nacht zum 1. Mai, gab es ganz oben auf dem Aschenberg im Hochhausviertel einen gewalttätigen Überfall durch "Russlanddeutsche". Was können wir heute aus dem Fall lernen?

Es war Walpurgisnacht, "Hexennacht", wie man sie in Fulda nannte. Patricia Hofmann und ihr Mann hatten die einzige Kneipe auf dem Aschenberg. "Gipfelstürmer" hieß sie. Sie erzählte damals dem hr den dramatischen Ablauf: Die Kneipe wurde von jungen Russlanddeutschen belagert, die draußen "randaliert" hatten. Sie hatte die Tür abgeschlossen, die Gäste, die nach Hause wollten, trauten sich nicht hinaus.

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Zum Artikel Die Hexennacht auf dem Aschenberg (Folge 1): Eine Reise ins Jahr 1999

Unser Politik-Redakteur Christoph Käppeler in Aschenberg
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"Ich habe dann meinen Mann angerufen", erzählte die Wirtin. "Der kam dann auch mit drei weiteren Bekannten und Freunden". Jetzt begleiteten mehrere Leute einen Gast nach Hause. Die Jugendlichen vor der Kneipe ließen sie in Ruhe. Die Gefahr schien gebannt, aber dann kam Patricia Hofmanns Vater zurück.

Er sagte: Du musst die Polizei holen, da unten sind so zwischen 15 und 20 Leute über uns hergefallen: Aus dem Gebüsch raus, aus dem Nichts heraus", erzählt sie. Ihr Mann wurde schwer verletzt, auch dessen Cousin.

"Sowas extremes ist noch nicht vorgefallen"

20 Jahre später erzählt eines der Opfer, Thomas (der seinen Nachnamen nicht nennen will), heute 58 Jahre alt: Er habe 10 - 20 Minuten bewusstlos in seiner Blutlache gelegen, bis er aufwachte, sich nach Hause schleppte und eine Bekannte anrief, die ihn ins Krankenhaus fuhr. "Ich habe heute noch Schwierigkeiten mit dem Kiefer, weil alles schief ist, sagt Thomas, "es war eine schlimme Nacht".

"Sowas extremes ist einfach noch nicht vorgefallen", meinte Patricia Hofmann damals, "dass die aus dem Hinterhalt gekommen sind, so formiert, so organisiert, und über so wenige hergefallen sind und auch damit gerechnet haben, dass das jemanden das Leben kosten könnte".

Neid und Ressentiments

Die Wirtin rief die Polizei, die aber erst viel später kam. Nach diesem Vorfall drohte die Stimmung in Fulda zu kippen; es gab Kritik an der Polizei, aber vor allem gab es Hass auf Russlanddeutsche. Neid und Ressentiments schienen vielen durch den brutalen Überfall bestätigt worden zu sein:

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Zum Artikel Die Hexennacht auf dem Aschenberg (Folge 2): Zwanzig Jahre später – Vom Brennpunkt zur Sonnenterrasse?

Bewohnerinnen von Aschenberg
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Russlanddeutsche Jugendliche weigern sich, Deutsch zu lernen, kaufen sich am Wochenende kistenweise billigen Wodka im Aldi, betrinken sich sinnlos und schlagen dann brutal und gnadenlos Menschen zusammen. So in etwa war das Bild vieler, das Ressentiment, das damals oft zu hören war.

"Man kann ja fast nicht mehr einkaufen gehen, ohne dass man irgendwie immer nur eine ausländische Sprache hört, man kann ja gar nicht mehr richtig deutsch sprechen, sind ja kaum mehr welche da!" sagte eine Frau. Wenn bei Festen in der Grundschule Eltern etwas organisierten, dann beteiligten sich die Aussiedler nie, beschwerte sich eine Mutter.

Mehr Polizei, mehr Repression

Aus Angst vor weiteren Überfällen wurde ein für Anfang Juni geplantes Bürgerfest auf dem Aschenberg abgesagt. Das Thema bewegte Bürgerversammlungen, Stadtverordnetensitzungen, die Medien in der Region. Fuldas Oberbürgermeister Alois Rhiel (CDU) warnte davor, alle Aussiedler pauschal zu diskreditieren: Es handele sich nur um eine kleine Minderheit.

Um den Bürgern auf dem Aschenberg ein besseres Sicherheitsgefühl zu geben, wurde dort ein eigener Polizeiposten eingerichtet. Aber: Mehr Polizei, mehr Repression gegen Gewalttäter: Das reichte nicht, stellten die politisch Verantwortlichen schnell fest.

Räume anbieten und Beschäftigung

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Christoph Schmidt, der damals beim Jugendamt der Stadt Fulda arbeitete, und heute für soziale Projekte der Stadt in verschiedenen Stadtteilen zuständig ist, erzählt, dass die Stadt damals gemerkt hatte, dass sie umsteuern musste. "Wir können uns als ambitionierte Jugendarbeiter nicht vorstellen, jedes Mal die Polizei zu rufen, wenn da die Ordnung auseinander gerät. Und so war es für uns ganz wichtig, irgendeine Form aufsuchende Arbeit zu beginnen, die möglichst in früheren Jahren schon ansetzt. Bei denen, die noch nicht dauerhaft gewohnt sind, Alkohol zu sich zu nehmen".

Und so wurde bald ein Streetworker gesucht und gefunden, der anfing, auf Cliquen von russlanddeutschen Jugendlichen zuzugehen. Ihnen Räume anbot, in denen sie sich beschäftigen konnte und der ihnen Jobs verschaffte: zum Beispiel Fahrräder reparieren, anstreichen, putzen.

"War klar, dass sich das irgendwann legen würde"

Lisa Mistretta, die Anfang der 70er Jahre mit ihren Eltern auf den Aschenberg zog, und sich auch 1999 schon im Bürgerzentrum auf dem Aschenberg sehr stark engagierte, zum Beispiel für einen eigenen Sportverein, ist heute noch dort aktiv. So leitet sie unter anderem das Bistro des Mehrgenerationenhauses. 

Rückblickend sagt sie: „Diese 14-, 15-Jährigen, gerade die Jungs, die sich beweisen wollen, die dann erst mal eine andere Kultur kennenlernen und dann, wenn sie in ihrem schlechten Deutsch mal was fragen und eine pampige Antwort kriegen, dass sie dann etwas aggressiv reagiert haben: Das war für mich ganz klar, dass sich das irgendwann legen würde".

Vieles ist geschehen in den letzten 20 Jahren

Und das ist das, was am Aschenberg anders ist als vor 20 Jahren: Solche Cliquen von jungen "Russlanddeutschen", die brutal und gewalttätig andere Menschen angreifen, gibt es nicht mehr. Im Laufe der Jahre haben sich viele integriert. Neue Jugendliche, die sich ausgegrenzt fühlen könnten, kommen kaum mehr aus den Ländern der früheren Sowjetunion.

In den letzten 20 Jahren ist vieles geschehen auf dem Aschenbergplateau, also dem Teil des Stadtteils Aschenberg, auf dem die weithin sichtbaren Hochhäuser stehen und der immer als "sozialer Brennpunkt" galt.

Das ist das Thema unserer hr-info Podcast-Serie “Die Hexennacht auf dem Aschenberg“: Ein Blick zurück auf eine andere Zeit, in der es mit einer bestimmten Gruppe große Integrationsprobleme gab.

Probleme damals und heute

"Die Probleme der Integration von Kindern und Jugendlichen aus dem Kreis der Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion stellen in allen Städten den aktuell größten Sprengstoff dar" – das hatte die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) 1999 beim Deutschen Städtetag in Saarbrücken gesagt.

20 Jahre später ist es nicht mehr das größte Problem. In unseren Podcast reisen wir erst einmal in diese Zeit zurück – um noch einmal die Emotionen und die Probleme dieser Zeit in ihrer Dramatik zu erfahren. Und dann kehren wir in die Gegenwart zurück, um im Rückblick zu fragen: Wie konnten Probleme von damals gelöst werden? Haben sich manche Probleme auch von selbst erledigt? Und welche neuen Probleme, mit Ausgrenzung anderer Gruppen, gibt es heute?

Ein Spiegel der Bundesrepublik

Für Nezam Kiniki, der seit neun Jahren als Streetworker auf dem Aschenberg arbeitet und der das, was 1999 in der "Hexennacht" passierte, nicht miterlebt hat, gibt es auch heute noch genug Arbeit. Aber er fühlt sich auch wohl in seinem Stadtteil, so wie er heute ist:

"Wenn man sich die Bevölkerungsstruktur anschaut: Sie ist sehr, sehr bunt gemischt. Wir haben, glaube ich, mehr als 70 Nationen hier auf dem Berg und das spiegelt sozusagen die Bundesrepublik wieder. Und ich glaube: Das ist das Interessante!"

Sendung: hr-iNFO, Politik-Sendung, 6.12.2019, 21.35 Uhr

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