1945 und Ich - 75 Jahre Frieden in Hessen

Der 8. Mai gilt als offizielles Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf hessischem Boden endeten die Kampfhandlungen bereits am 10. April. Was geschah hier in den letzten Kriegstagen? Wie haben die Menschen in Hessen diese Zeit und die folgende Befreiung durch die Alliierten erlebt?

"Ich kann mich nur noch an eine Rundfunksendung erinnern von Goebbels", erzählt Fritz Neuschäfer, 91 Jahre alt, aus Frankenberg. "Da schrie der in den Apparat rein: Unsere Soldaten ziehen in den Kampf wie in einen Gottesdienst. - Quatsch!"

Zu dem Zeitpunkt war der Krieg in Hessen schon seit zehn Tagen aus, Hessen längst vom NS-Terror befreit. Besagte Rundfunkrede hielt Josef Goebbels am Abend des 19. April 1945 anlässlich Adolf Hitlers Geburtstag am nächsten Tag. Am 30. April 1945 nahm sich der "Führer" das Leben.

Das Ende der Kampfhandlungen in Hessen

Am 10. April, also etwa vier Wochen vor der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945, endete auf dem Gebiet des heutigen Hessens der Zweite Weltkrieg. Ein Krieg, der in der Schlussphase noch einmal seinen ganzen Schrecken offenbarte: 1945 starben noch 1,2 Millionen deutsche Soldaten im Kampf, dazu 200.000 in Gefangenschaft. Das sind mehr als in den Jahren 1942 und 1943 zusammen.

Dazu kommen 78.000 "Volkssturm"-Männer, viele von ihnen nicht einmal 18 Jahre alt. Der "Volkssturm" war eine militärische Formation in der Endphase des Zweiten Weltkrieges, der nach einem Aufruf der NSDAP an alle waffenfähigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren außerhalb der vorherigen Wehrpflicht gebildet wurde, um den "Heimatboden" des Deutschen Reiches zu verteidigen.

Blutige Schlacht bis zum Schluss

Die NS-Terrorherrschaft führte eine blutige Schlacht bis zum Schluss: 6.000 bis 7.000 Männer und Frauen wurden in der Endphase des Krieges noch durch Standgerichte hingerichtet, über 200.000 KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene starben auf Todesmärschen, tausende Gestapo-Häftlinge wurden noch kurz vor Kriegsende ermordet – viele davon auch in Hessen.

Allein hier gab es 1944 20 KZ-Außenlager und über 90 Lager für Zwangsarbeiter. In diesen Lagern erwarteten die Menschen voller Hoffnung das Vorrücken der US-Soldaten, der Befreier. Viele vergeblich.

Niederlage oder Befreiung?

Als Befreier sah die Mehrheit der Hessen die Amerikaner 1945 noch nicht. "Ich hatte so eine Feindeinstellung den Amerikanern gegenüber. Da hab ich immer gesagt, die haben doch erst vor vier Wochen Bomben über uns geworfen", erinnert sich Ilse Brillof aus Frankenberg, die bei Kriegsende 14 Jahre alt war. Die, die sich noch erinnern, waren damals Kinder. Die meisten von ihnen in der Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädel groß geworden.

Viele Hessen wussten zum Zeitpunkt des Kriegsendes noch nicht genau, was stärker war: das Gefühl der Niederlage oder der Befreiung. Aber alle waren erleichtert, dass der Krieg zu Ende war. "Es gibt nichts Schlimmeres als Krieg. Wahnsinn", sagt Walter Hofferbert aus Offenbach, der erst 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte.

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Recherche: 1945 + Ich: 75 Jahre Frieden in Hessen

Was hat der Zweite Weltkrieg mit mir heute zu tun? Wir wollen die junge Generation in Gespräch mit den letzten Zeitzeug*innen bringen. Was wissen die Jüngeren eigentlich vom Krieg, von den Großeltern und Eltern? Und warum ist es wichtig, dass wir uns dafür interessieren und versuchen zu verstehen, was das heißt: Krieg?

Archivaufnahmen und Zeitzeug*innenberichte helfen dabei.

In unserem Dossier finden Sie Interviews und Begegnungen zwischen Zeitzeug*innen und Schülern und Stundenten, die wir noch vor der Corona-Krise aufzeichnen konnten. Außerdem haben wir zum Teil unveröffentlichtes Archivmaterial aus den National Archives in Washington aufbereitet, das die Alliierten bei ihrer Ankunft in Hessen gedreht haben.

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