Zwei Pfeile mit den Worten Wohlstand und Armut

Die Unterschiede zwischen Menschen mit sehr hohem und sehr niedrigem Einkommen sind einer der Gründe für den Riss in unserer Gesellschaft. Wir klären wichtige Fragen, die derzeit rund um das Thema Einkommen und Vermögen diskutiert werden.

Geht die Einkommensschere weiter auseinander?

Die Einkommensschere zwischen Arm und Reich in Deutschland öffnet sich weiter und setzt den Trend der vergangenen Jahre fort. Auf der einen Seite nimmt der materielle Wohlstand immer weiter zu und auch das Einkommen der Personen in privaten Haushalten ist im Zeitraum zwischen 1991 und 2015 im Schnitt um 15 Prozent gestiegen. Gleichzeitig gibt es aber immer mehr Menschen, die als einkommensarm gelten. Für einen Einpersonenhaushalt gilt das, wenn jemand weniger als knapp 1000 Euro netto verdient.

Im Jahr 2015 waren mehr als 13 Millionen Bundesbürger von Einkommensarmut bedroht. Das waren sechs Prozent mehr als in den 90er Jahren. Dabei gibt es große regionale Unterschiede. So sind die Menschen in den Städten häufiger von Armut bedroht als auf dem Land - im Osten stärker als im Westen. Fazit: Die Realeinkommen sind seit 1991 gestiegen, aber mehr Menschen beziehen Niedrigeinkommen.

Geht die Vermögensschere weiter auseinander?

Die Vermögensschere öffnet sich nicht weiter, aber bleibt anhaltend weit auseinander. Das zeigen Erhebungen aus dem Jahr 2014. Besonders zwischen Ost- und West-Deutschland ist die Verteilung des Vermögens ungleich. Während im Westen ein Erwachsener im Schnitt knapp 95.000 Euro besitzt, hat ein Erwachsener im Osten etwa 40.000 Euro. Dieses Vermögen kann sich aus Immobilien, Betriebsvermögen, Aktien oder Sachvermögen, wie wertvolle Gemälde oder Schmuck, zusammensetzen.

Insgesamt besitzen die wohlhabendsten zehn Prozent der Haushalte zusammen etwa 60 Prozent des Gesamtvermögens in Deutschland. Wer ein Vermögen von mehr als 722.000 Euro besitzt, gehört in Deutschland zu den oberen fünf Prozent. Die unteren 20 Prozent besitzen gar kein Vermögen. Etwa neun Prozent aller Haushalte sind verschuldet. Am wenigsten Vermögen haben Alleinerziehende und Arbeitslose. Außerdem sinkt das Pro-Kopf Vermögen bei steigender Kinderzahl in einem Haushalt.

Warum verdienen Menschen in sozialen Berufen weniger als andere?

Die Höhe des Verdienstes richtet sich unter anderem danach, welchen Wert die Gesellschaft einer bestimmten Tätigkeit zumisst. Genauer gesagt: wie viel die Tätigkeit zum Erlös der Gesamtgesellschaft beiträgt. Das ist ein Erklärungsansatz von Klaus Müller, Professor für Pädagogische Aufgaben in der Pflege an der Frankfurt University of Applied Sciences. Hinzu kommt aber ein weiterer Faktor: Wie viel Gewinn wird mit einer Tätigkeit konkret erwirtschaftet? In der Finanzbranche oder der Autoindustrie werden hohe Beträge bewegt, das Risiko ist hoch, die Gewinne mitunter groß – es gibt etwas zu verteilen. Daher fällt es Gewerkschaften dort über die Jahre leichter, mehr für die Beschäftigten rauszuholen – auch über Prämien.

Im Gesundheitssektor ist das viel schwieriger. Hier wird häufig nur wenig oder überhaupt kein Gewinn erwirtschaftet. Die Löhne und Gehälter liegen deshalb auch deutlich niedriger, Prämien gibt es kaum. Dass soziale Berufe generell eher schlecht bezahlt sind, hat laut Professor Müller auch historische Gründe. Früher waren es oft die Frauen aus Familien des Bürgertums, die sich karitativ engagierten - und die waren eben nicht auf ein Einkommen angewiesen.

Welches Einkommen ist gerecht?

Neue Studien deutscher Wirtschaftsforscher belegen, dass ein Einkommen dann als fair empfunden wird, wenn Leistung und Entlohnung zusammenpassen. Was aber jemand als gerecht betrachtet, ist immer eine Frage der Wertung. Gerechtigkeit als solche lässt sich also nicht messen – im Gegensatz zur Ungleichheit, die sich in harten Zahlen auf der Gehaltsabrechnung ausdrückt.

Der Gini-Koeffizient, benannt nach dem gleichnamigen italienischen Statistiker, ist der bekannteste Indikator für Einkommensungleichheit. Er bewegt sich zwischen Null und Eins. Je geringer der Wert, desto gleichmäßiger ist das Nettoeinkommen verteilt. Nach Gini steht Deutschland international gar nicht schlecht da – nämlich bei 0,29 – und landet hinter den Niederlanden, Finnland und Norwegen, aber mit Frankreich und Großbritannien weit vor Italien und anderen südeuropäischen Staaten. Und auch weit vor den USA.

Gini zufolge ist die Ungleichheit beim Nettoeinkommen der Deutschen nicht besonders groß – und hat sich seit 2005 kaum verändert. Kritiker sagen aber: Dieser Indikator messe nur einen Mittelwert – und nicht die Verteilung an den Extremen.  Gini sage demnach nichts über die Einkommen der Reichsten und der Ärmsten. Was es schwer macht zu beurteilen, wie gerecht es in einer Gesellschaft zugeht.

Viele favorisieren daher die Palma-Ratio. Benannt nach dem chilenischen Ökonomen Gabriel Palma, will dieser Indikator die Ungleichheit präziser zeigen. Er misst das Verhältnis der reichsten zehn Prozent und der ärmsten 40 Prozent einer Bevölkerung am Bruttonationaleinkommen. Auch nach diesem Indikator liegt Deutschland relativ stabil im europäischen und weltweiten Mittelfeld. 

Was ist die Grundsicherung?

Mit der Grundsicherung – in der Regel auch Hartz IV genannt  - soll das Existenzminimum sichergestellt werden. Seit dem 1. Januar 2019 liegt der Satz bei 424 Euro – u.a. für Lebensmittel und Kleidung. Hinzu kommt noch Geld für Miete und Heizung – das variiert je nach Wohnort, Größe der Wohnung und der Anzahl der Personen im Haushalt. Allerdings wird Vermögen, Bargeld und so weiter genau geprüft und gegebenenfalls mit den Ansprüchen verrechnet.

Für Rentner gibt es die Grundsicherung im Alter, wenn ihre Rente oder ihr Vermögen den Lebensunterhalt nicht decken. Auch die Grundsicherung im Alter besteht für Alleinstehende aus dem Regelsatz in Höhe von 424 Euro und den Kosten für Miete, Heizung und Nebenkosten und gegebenenfalls noch Mehrbedarf beispielsweise wegen einer Gehbehinderung. Die Deutsche Rentenversicherung hat eine Faustregel: Wer in der Rente weniger als 838 Euro pro Monat zur Verfügung hat, sollte prüfen lassen, ob Ansprüche auf Grundsicherung bestehen. Auch bei der Grundsicherung im Alter wird genau geprüft, ob jemand bedürftig ist: Bargeld über 5000 Euro beispielsweise muss erst verbraucht werden, bestehende Rentenansprüche oder sonstige Einkünfte werden verrechnet.

Was ist die Grundrente?

Mit der Grundrente soll sichergestellt werden, dass Menschen, die 35 Jahre oder länger gearbeitet und in die Rentenversicherung eingezahlt haben, am Ende nicht von ein paar hundert Euro leben müssen. Arbeitsminister Hubertus Heil will Renten von 400, 500, oder 600 Euro auf rund 900 Euro aufstocken. Und das ohne jede Prüfung, ob die Betroffenen das nötig haben – zum Beispiel, ob es etwa Mieteinnahmen oder einen Partner mit einer höheren Rente gibt. Nach Aussagen des Arbeitsministers könnten drei bis vier Millionen Rentner von dieser Grundrente profitieren.

Die Arbeitsleistung soll anerkannt werden, deshalb will Heil keine Bedürftigkeitsprüfung – seine Kritiker dagegen schon. Bislang müssen Rentner, die zu wenig Geld bekommen, Grundsicherung im Alter beantragen – eine Sozialleistung, die an die finanziellen Gegebenheiten des Antragstellers gebunden ist. Man muss finanziell gesehen die Hosen herunter lassen - das will Heil mit seiner Grundrente verhindern.

Gibt es bereits Erfahrungen mit dem Grundeinkommen?

Für Aufsehen gesorgt hat Finnland 2017: Die Regierung hat 2000 Arbeitslose zufällig ausgewählt und ihnen monatlich 560 Euro ausgezahlt. Ohne Bedingungen. Unbürokratisch. Mit der Möglichkeit hinzuzuverdienen. Das Projekt ist schon wieder beendet. Fazit: Die Menschen sind zufriedener, gesünder, weniger gestresst. Doch das bedingungslose Grundeinkommen hatte keinen Beschäftigungseffekt. Nur 560 Euro, noch dazu nur an Arbeitslose ausgezahlt, das war das Problem des finnischen Experiments, sagen Kritiker, die Befürworter eines Grundeinkommens. Einen politischen Effekt gibt es trotzdem: Finnland will die Vergabe von Sozialleistungen unbürokratischer machen.

Ein Grundeinkommen müsste ohnehin höher sein, sagen Experten. In Deutschland verlost der Verein 'Mein Grundeinkommen' regelmäßig 1000 Euro monatlich für ein Jahr. Das Geld wird durch Spenden erzielt. Erhalten können das Geld auch Menschen mitten im Berufsleben. Bisher sind rund 300 in den Genuss gekommen. Weniger Sorgen, mehr Lust zur persönlichen Entfaltung - das ist ein Effekt. Aber die Anzahl der Empfänger ist zu gering, um Aussagen zu treffen über die gesellschaftliche Wirkung. Anfang des Jahres sollte ein weiteres Projekt starten - in der Schweiz. 1300 Einwohner des Dorfes Rheinau sollten Grundeinkommen erhalten. Allerdings ist das Vorhaben schon vor dem Start gescheitert. Es kam nicht genug Geld zusammen.

Sendung: hr-iNFO, 13.3.2019, 06:10 Uhr

Jetzt im Programm