Heinz Bude
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Der Kasseler Soziologieprofessor Heinz Bude hat sich des Öfteren mit dem Auseinanderdriften der Gesellschaft befasst. Was hilft gegen die Angst vor dem Absturz?

hr2-kultur: Hätte gelebte Solidarität das Zeug der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken?

Heinz Bude: Es gibt die Solidarität, die dadurch entsteht, dass man auf das Kind der Nachbarin aufpasst, die gerade mal mit dem Zeitregime ins Problem geraten ist. Es gibt die Solidarität am Montag im Betrieb, wenn man einem Kollegen ohne große Worte mal unter die Arme greift. Was im Augenblick in der deutschen Gesellschaft gerade Thema ist, ist weniger die Gespaltenheit in den Lebenslagen, sondern die Gespaltenheit in der Stimmung der Gesellschaft.

Das ist ein Phänomen, das wir übrigens in fast allen westlichen Gesellschaften haben. Wir können nicht sagen, dass die Leute, die den sogenannten Rechtspopulisten hinterherlaufen, alle Leute sind, die nichts haben, die vor dem Nichts stehen. Das sind meistens Leute, die ökonomisch auf der Kippe stehen. Die Soziologen nennen das "prekären Wohlstand". Das ist auch eher in der Mitte der Gesellschaft. Es ist das Gefühl, das sich in der Gesellschaft ausbreitet, dass jeder für sich aufkommen muss. Und dass wenn es einem nicht so doll geht, dass man selber daran Schuld ist. Oder dass eine gute Gesellschaft eine Gesellschaft starker Einzelner ist. Dass dieses Modell als eine Bedrohung gesehen wird.

Sowohl Menschen mit kleinen Einkommen, als auch Menschen mit großem Einkommen, sehen das Gefälle zwischen den Einkommen als größte Gefahr. Bietet das ein neues Feld für Solidarität?

Wir haben in Berlin eine sehr trendige Markthalle. Da sind die Leute jetzt auf die Idee gekommen, den Aldi auszubürgern. Mit dem Argument, der habe keine biologisch korrekte Ware anzubieten. Das ist so ein Punkt, wo man sagt: Die Leute, die zu Aldi gehen, die gehören nicht hierher. Sie sind sicherlich nicht Leute, die wahnsinnig reich sind, die möglicherweise gerade so durchkommen. Aber möglicherweise ist das der Hauptpunkt: Die Art und Weise wie wir leben, da passt Du nicht hin. Die Milieus trennen sich. Dafür ist das Einkommen natürlich ein guter Indikator, allerdings nicht der alleinige. Das ist der Punkt, dass man das Gefühl hat, man greift sich nicht unter die Arme über Grenzen von Milieus hinweg – und das ist ja soziale Solidarität in der Gesellschaft.

Ausgleiche werden zum Teil über die Steuer geschaffen. Die einen bezahlen mehr, die anderen bezahlen weniger. Ist das nicht auch Solidarität?

Deswegen haben wir in Deutschland eine progressive Einkommenssteuer, die für viele auch ein Ärgernis ist. Das Problem ist nur, dass manche Leute sich mit der Art und Weise der Besteuerung ihrer Möglichkeiten sich von anderen wegentwickelt haben, insbesondere was die Vermögen betrifft, weniger was die Einkommen betrifft. Man hat das Gefühl, es gibt eine große Gruppe komfortabler Haushalte, die sich eigentlich ein gutes Leben gönnen können und die besonders ihren Kindern alle Möglichkeiten bereiten können. Und es gibt Haushalte, die sich eher in einer prekären Haushaltslage befinden und die das Gefühl haben: Wir kommen zwar hin in unserem Leben, aber es darf nichts passieren und vor allem können wir unseren Kindern nicht das angedeihen lassen, was anderen Haushalten möglich ist. Und jetzt kommt der kritische Punkt. Das passiert mittlerweile bei Haushalten, wo es die gleichen Bildungsvoraussetzungen und möglicherweise sogar die gleichen Herkunftsvoraussetzungen bei den Eltern gibt. Das bringt die Leute wirklich in Rage.

Ist die Angst vor dem Absturz das, was die Gesellschaft auseinandertreibt? Warum ist die Solidarität nicht mehr verbreitet?

Wir haben nicht mehr die Fabrikarbeiterschaft, die die Kerngruppe unserer Gesellschaft ist, die die Fabrik als Ort der Solidarität erlebt. Die meisten, die in Deutschland arbeiten, sind im Büro sozialisiert und nicht in der Fabrik. Im Büro ist es schon schwieriger mit der Solidarität. Erst recht wird es schwierig, wenn man Homeoffice betreibt.

Deshalb meine Idee: Der Begriff Solidarität, der für die Leute heute etwas Forderndes hat, muss durch das Ich, durch die Subjektivität der Einzelnen hindurch gewonnen werden. Man kann nicht irgendeine Moral, eine Kollektivität voraussetzen. Sondern die Idee der wechselseitigen Hilfe. Das muss eine Idee sein, die dem Einzelnen attraktiv erscheinen kann, weil sie sein Leben reicher macht. Die Idee, dass man nur für sich alleine ist, dass man eine Exit-Strategie verfolgt, versucht so schnell wie möglich so viel Geld zu verdienen, dass man auf Weltreise geht. Dass dies alles nicht mehr als attraktiv erscheint. Sondern die Eingelebtheit in einer Gesellschaft, wo man aufeinander schaut und sich auf Augenhöhe, wechselseitig unterstützt. Das ist die Idee der Solidarität, die mir vorschwebt.

Sendung: hr2-kultur Kulturcafé, 13.3.2019, 17:10 Uhr

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