Löwenzahn

Es gibt ihn, den klassischen Weg in die Politik: Durch die Parteijugend, erste Verantwortung in der Kommunalpolitik und schließlich, mit Glück, in den Land- oder gar Bundestag. Auf dem Weg geben jedoch viele frustriert auf, verlassen mitunter ihre Partei. Woran liegt das?

Ein Blick zurück: Frankfurt, 18. Juni 2016. Bezirksparteitag der SPD Hessen-Süd. Der Antrag A6 kommt auf die Tagesordnung: Gefordert wird nicht weniger als die Abwahl von Parteichef Sigmar Gabriel. Den Antrag hat der SPD-Kreis Odenwald gestellt. Geschrieben hat ihn Joshua Seger. Seger ist damals 23 und Vorsitzender der Jusos im Odenwaldkreis, sitzt im Kreistag und ist Gemeindevertreter seines Heimatorts Reichelsheim. Seit Monaten regt ihn die Politik seiner Partei unter Gabriels Führung auf. Große Koalition reiht sich an Große Koalition. Seger erkennt keinen Wandel der Partei unter Gabriel.  

Sein Antrag sorgt für Aufmerksamkeit: Er probe den Aufstand, titelt „Die Welt”. Hoffnung auf Erfolg hatte Seger aber schon zuvor: In seinem Wahlkreis war der Antrag zuvor mit deutlicher Mehrheit durchgegangen. Doch auf dem Parteitag ist es vorbei mit der Euphorie. Der damalige Vorsitzende der SPD Hessen, Thorsten Schäfer-Gümbel, unterstellt Seger und den Jusos, den inhaltlichen Schwerpunkt des Parteitags hin zu Personaldebatten zu verändern und sich nur profilieren zu wollen. „Ich wurde regelrecht demontiert. Das ist eben das Problem: Ältere Parteimitglieder können junge Menschen, die noch kein Standing haben, einfach abfertigen.” Segers Antrag wird abgelehnt. Rund zwei Jahre später, im März 2018, wird der Nachwuchspolitiker aus dem Verhalten seiner Genossinnen und Genossen Konsequenzen ziehen.

Talent erkannt und doch gescheitert

Ist Joshua Seger bloß ein frustrierter Einzelfall? Oder ist das Alter das ausschlaggebende Kriterium, um in einer Partei ernst genommen zu werden? Zumindest behauptet der junge Politiker das. Rüdiger Holschuh widerspricht ihm. Der 52-jährige ist seit 2003 Vorsitzender des Kreistags Odenwald, saß zwischenzeitlich im Hessischen Landtag und hat den Parteitag miterlebt. Holschuh kennt Joshua Seger von zahlreichen Sitzungen im Odenwald. Er sieht in Seger ein „großes politisches Talent“, dem jedoch das Temperament zum Verhängnis wurde: „Joshua ist in Diskussionen seine Widersacher oft sehr harsch angegangen. Das hat ihm viele Sympathien verspielt und Gegenwind eingebracht, insbesondere bei den älteren Genossen.”

Während Seger also sein junges Alter und innerparteiliche Strukturen für sein Scheitern verantwortlich macht, sieht Holschuh die Gründe überwiegend in Segers Persönlichkeit. Vielleicht widersprechen sich die beiden Wahrnehmungen, vielleicht ergänzen sie sich. Fakt ist: Zwei Jahre nach besagtem Parteitag tritt der Nachwuchspolitiker aus der SPD aus.

Der klassische Weg in die Politik braucht Zeit und Geduld

Um als junger Mensch in der Politik Fuß zu fassen, braucht es ein Netzwerk und jahrelanges Engagement. Wie in anderen Branchen auch müssen sich die Jüngeren von unten nach oben hocharbeiten. In der Politik heißt das: Parteijugend, Kreisverband, Landesverband - das sei nach wie vor der klassische Weg, sagt Simone Abendschön. Sie ist Politikwissenschaftlerin an der Justus-Liebig-Universität Gießen und beschäftigt sich mit politischer Sozialisations- und Verhaltensforschung. 

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Diesen „klassischen Weg“ ist Wiebke Knell gegangen. Die 38-Jährige sitzt heute für die FDP im Hessischen Landtag. Ihr Alter kam ihr zu Beginn ihrer politischen Karriere zugute. Die FDP schmückte sich mit der jungen Politikerin und schenkte ihr viel Aufmerksamkeit: „Man war was Besonderes. Ich wurde damals als jüngste Kandidatin mit Anfang 20 oft mit auf die Bühne gestellt.”

2017 zog sie als Nachrückerin in den Hessischen Landtag ein, weil Nicola Beer in den Bundestag gewählt wurde. Dafür musste Knell aber Rückschläge in Kauf nehmen: „Ich hatte Momente, wo ich klein gehalten wurde. Dann haben Leute, die mich sonst unterstützt haben, gesagt: Du kannst jetzt nicht auf dem vorderen Platz gegen jemand anderen antreten, das geht nicht. Dann unterstützen wir dich nicht mehr.” 

Grüne experimentieren mit Quote

Schwierigkeiten für Jüngere, Ältere zu verdrängen und Fuß zu fassen? Ein Indiz dafür, dass die Parteien sich zumindest Gedanken darum machen, wie man Mitglieder schneller zu verantwortungsvollen Positionen verhelfen kann, könnte ein Experiment der Grünen sein: Die „Neuenquote”. In Niedersachsen und Berlin soll sie dafür sorgen, dass jeder dritte Wahllistenplatz für Landtag und Bundestag mit neuen Gesichtern besetzt wird, die vorher noch kein Abgeordnetenmandat hatten.

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Simone Abendschön sieht die Quotenregelung kritisch und bezweifelt eine flächendeckende Umsetzbarkeit. Die Politikwissenschaftlerin sieht die Parteien in der Pflicht, auch ohne Quote mehr junge Menschen in die Parlamente zu bringen. 

Zitat
„„Theoretisch hört sich das gut an, aber es ist schwer das auch abzudecken. Wenn wir uns angucken, wie schwierig das bei der Frauenquote schon ist, dann weiß ich nicht, inwieweit sowas auch politisch umsetzbar wäre. Wichtig ist aber, dass man bei der Repräsentation und Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten auch die entsprechenden Gruppen berücksichtigt.”“ Zitat von Simone Abendschön
Zitat Ende

In Hessen sind die Grünen bei der Altersstruktur klarer Vorreiter. Ihr jüngster Abgeordneter im Landtag ist 22 Jahre alt, während bei der FDP Wiebke Knell mit 38 die “junge” Hoffnungsträgerin ist.

Keine strukturelle Benachteiligung in Parteien

Joshua Segers und Wiebke Knells Karrieren verliefen gegensätzlich. Liegt das schlicht an den unterschiedlichen Persönlichkeiten – oder sind sie Anzeichen für strukturelle Probleme in Parteien? In der Forschung lassen sich keine eindeutigen Belege für eine strukturelle Benachteiligung junger Politiker*innen in Parteien finden. Laut Simone Abendschön würden zwar ältere Menschen den jüngeren oft mit Skepsis begegnen, jedoch könne kein allgemeiner Trend daraus abgeleitet werden. 

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Manche suchen sich angesichts der Hürden früh ein anderes Einsatzgebiet: Joshua Seger, der Ex-Juso aus dem Odenwald, bringt seine politischen Vorstellungen inzwischen als Gewerkschafter ein: in der Jugendorganisation der IG Metall. Für die Liberale Wiebke Knell hat sich ihre Hartnäckigkeit dagegen parteipolitisch ausgezahlt: Nach fünf Anläufen hat sie es in den Hessischen Landtag geschafft. Mittlerweile ist sie in der Spitze ihrer Fraktion angekommen.

Weitere Informationen

Die Autor*innen studieren am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Infos über das Projekt Jung. Macht. Politik. der Uni Mainz in Kooperation mit hr-iNFO gibt es hier. Fragen und Feedback? Gerne per Mail an jungmachtpolitik@hr.de!

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