Michel Brandt auf zwei Bühnen: Als Politiker und als Schauspieler

Wer in ein Parlament will, muss sich in der eigenen Partei zuvor jahrelang hocharbeiten. Die Belohnung: viel Stress, offene Anfeindungen und keine Zeit für die Familie. Ist eine Karriere als Berufspolitiker*in für junge Menschen überhaupt noch attraktiv?

Es ist Anfang Juni, als mehr als 15.000 Menschen auf den Alexanderplatz in Berlin drängen. Wäre die Fußball-Europameisterschaft nicht abgesagt worden, man könnte meinen, die Menschen, die dort Schulter an Schulter stehen, hätten sich zum Public Viewing versammelt. 

Doch in diesen Tagen zieht es viele junge Menschen aus völlig anderen Gründen auf die Straße. Nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd protestiert sie gegen Rassismus und Polizeibrutalität. In Köln belagern mehr als 10.000 Demonstrant*innen das Rheinufer, in Frankfurt versammeln sich knapp 8.000 Menschen auf dem Römerberg. Massenbewegungen wie Fridays for Future und nun Black Lives Matter zeigen: Deutschlands Jugend ist alles andere als politikverdrossen. Sie zeigt sich, sie wehrt sich. 

Kaum ein Viertel der Parteimitglieder ist U-35 

Doch für die Mitgliedschaft in einer Partei oder gar eine Karriere in der Politik können sich wohl nur die wenigsten begeistern. In einer groß angelegten Parteienstudie des Berliner Politikwissenschaftlers Oskar Niedermayer für das Jahr 2018 fallen Grüne, Linke und FDP positiv auf: Dabei ist bei ihnen gerade einmal annähernd jedes vierte Parteimitglied 35 Jahre oder jünger – und von diesem Wert sind SPD, CDU und CSU weit entfernt.  

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Deutschlands Parteien haben ganz offensichtlich ein Nachwuchsproblem. Will denn niemand mehr Karriere in der Politik machen? 

Einer, der seinen Traumjob für die Politik aufgegeben hat, ist Michel Brandt. Er war Schauspieler am Badischen Staatstheater in Karlsruhe, bis er im Herbst 2017 mit gerade einmal 27 Jahren für die Linke in den Bundestag einzog. Brandt gehört zu den 8,5 Prozent der Bundestagsabgeordneten, die unter 35 sind.  

Seine politische Karriere sei alles andere als geplant gewesen, sagt er, und tatsächlich verläuft sie untypisch: Drei Jahre nach seinem Eintritt in die Linke kandidiert Brandt 2016 für den Landtag in Baden-Württemberg, ein Jahr später schafft er es über die Landesliste in den Bundestag. 

Zehn Jahre Ochsentour 

Brandts schneller Aufstieg ist ein Ausnahmefall, weiß auch Michael Edinger. Er ist Politikwissenschaftler an der Universität Jena und forscht zu den Karrierewegen von Politiker*innen. „In der Regel liegen weit mehr als zehn Jahre zwischen Parteieintritt und dem ersten Mandat“, sagt Edinger. Der Weg ins Parlament führe in den allermeisten Fällen nur über jahrelanges Hocharbeiten durch die Parteigremien. 

Diese „Ochsentour“ sei aber nicht nur von Nachteil, gibt der Politikwissenschaftler zu bedenken: Sie bringe geschulte Politiker*innen hervor, die gelernt hätten, „wie man Mehrheiten bildet und politische Prozesse gestaltet.“ Schwierig werde es dann, wenn Parteimitglieder allein wegen ihrer längeren Mitgliedschaft und internen Vernetzung offensichtlich kompetenteren Kandidat*innen vorgezogen würden. 

Oder wie es Ria Schröder ausdrückt: „Wenn man Einfluss dadurch bekommt, dass man möglichst lange auf einem Stuhl gesessen hat.“ Die 28-Jährige ist Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, möchte aber noch nicht alles auf die Karte Politik setzen. Nebenbei arbeitet sie als Juristin in einer Hamburger Kanzlei. Schröder schlägt vor, die Amtszeit für Abgeordnete zu begrenzen. „Ich glaube nicht, dass jemand mehr durchsetzen konnte, nur weil er 40 Jahre im Bundestag gesessen hat.“  

Mandat – und dann? 

Wer lange als Berufspolitiker*in arbeitet, steht darüber hinaus oft vor einem ganz banalen Problem: Mit wachsender zeitlicher Distanz wird der Weg in den alten Job immer schwieriger. Die Wiederwahl wird zum wichtigsten politischen Ziel. „Manche merken dann: Wenn ich das Amt jetzt verliere, sitze ich auf der Straße“, sagt Martin Kirsch, Landesschatzmeister bei den Grünen in Hessen. „Und dann kann es sein, dass Politik nicht mehr inhaltlich betrieben wird, sondern um Wählerstimmen zu sammeln.“  

Politikwissenschaftler Edinger kennt dieses Phänomen der Karrieresicherung. Er erklärt es mit den ungewissen Zukunftsaussichten für Berufspolitiker*innen und der generellen Sogwirkung, die ein Amt mit sich bringe: „Über die Jahre gewinnt man an Einfluss und Verantwortung. Vielen fällt es schwer, auf diese Privilegien wieder zu verzichten.“   

Für Martin Kirsch kommt eine Karriere als Berufspolitiker aus anderen Gründen nicht in Frage. „Ich weiß ganz genau, dass meine Familie und meine Kinder darunter leiden würden“, sagt der 36-Jährige. Kirsch arbeitet als Polizist in Gießen und wacht gleichzeitig über die Finanzen der hessischen Grünen. Vor der Geburt seiner Kinder sei er als Schatzmeister aktiver gewesen, sagt Kirsch. Inzwischen haben sich seine Prioritäten verschoben. 

Für Abgeordnete gibt es nach wie vor keine geregelte Elternzeit. 2018 sorgte ein Zwischenfall im thüringischen Landtag für Aufsehen, als die Grünen-Abgeordnete Madeleine Henfling aus dem Plenarsaal geschmissen wurde, weil sie ihren wenige Wochen alten, schlafenden Sohn mitgebracht hatte. Inzwischen werde etwas mehr Rücksicht auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf genommen, sagt Politikwissenschaftler Edinger. In Thüringen dürfen Abgeordnete seit Mai dieses Jahres ihre Babys mit zu den Sitzungen bringen, entschied das Landesverfassungsgericht. 

Zeitaufwand schreckt ab 

Eine weitere Hürde beim Eintritt in die Politik sei der hohe Zeitaufwand, sagt Edinger. Er halte Menschen aus sozial schwächeren Milieus davon ab, sich in Parteien zu engagieren. „Zeit kann man sich besser nehmen, wenn man in Berufen mit flexibler Arbeitszeit, also ohne Schichtdienst und Abend- und Wochenendverpflichtungen, arbeitet“, sagt der Politikwissenschaftler. 

Auch Menschen mit Migrationshintergrund müssten härter arbeiten als andere, um in der Politik Fuß zu fassen, sagt Tarek Baé. Der Journalist und Medienberater hat sich bewusst gegen eine Parteimitgliedschaft entschieden. Zum einen möchte er unabhängig bleiben, frei den Staat kritisieren können, ohne dem Fraktionsdruck einer Partei zu unterliegen. „Außerdem müsste ich einen Teil meiner Identität ablegen“, sagt er.  

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Tarek Baé
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Im aktuellen Bundestag haben acht Prozent der Abgeordneten ausländische Wurzeln – ein neuer, wenn auch niedriger Rekord. Oder, wie Tarek Baé sagt: „Mit offen muslimischen Kandidaten gewinnt man keinen Blumentopf.” Die Chancen für Menschen mit Migrationshintergrund verbesserten sich trotz fortbestehender Hürden nur langsam, sagt Edinger. Hingegen seien bestimmte Berufsgruppen immer seltener vertreten. Kaum ein*e Abgeordnete*r komme noch aus einem Arbeiter*innenberuf, die große Mehrheit habe mittlerweile einen akademischen Hintergrund. „Die Parlamente sind kein Spiegelbild unserer Gesellschaft“, fasst Edinger zusammen.  

Die Anerkennung sinkt, die Gewaltbereitschaft steigt 

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Wer sich trotzdem für die Karriere als Berufspolitiker*in entscheidet, steht von da an in der Öffentlichkeit. Michel Brandts Gesicht wird auf Plakate gedruckt, in seinem Wahlkreis in Karlsruhe tritt er als Redner auf, die Leute kennen ihn. Das hat nicht nur Vorteile: „Die Anerkennung für den Politikerberuf ist in den vergangenen Jahrzehnten drastisch gesunken“, sagt Politikwissenschaftler Edinger. Allein im vergangenen Jahr verzeichnete das Bundesinnenministerium 1674 Straftaten gegen Amts- und Mandatsträger*innen. Das sind 33 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch Brandt und sein Team wurden schon häufiger Opfer von Angriffen. 

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Michel Brandt
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Doch nicht nur sinkende Anerkennung des Berufs hält die Generation U-35 von der Politik fern, weiß Michael Edinger: „Junge Menschen wollen unabhängig sein. Ihnen fällt es leicht, sich für das Thema zu engagieren, das sie für besonders wichtig halten.“ Fridays for Future kämpft für Klimagerechtigkeit, Black Lives Matter gegen Rassismus. „In der Parteipolitik muss man sich aber dauerhaft mit einer großen Bandbreite an Themen beschäftigen“, sagt der Politikwissenschaftler. Das schrecke viele ab. 

Kein Job für die Ewigkeit 

Michel Brandt glaubt, dass es auch in Zukunft junge Menschen geben wird, die den Weg in die Berufspolitik einschlagen. Doch auch er kann sich nicht vorstellen, sein Leben lang Abgeordneter zu sein. In Sitzungswochen sind die Tage des 29-Jährigen 14 bis 16 Stunden lang. „Es gibt keinen geregelten Alltag, keine Wochenenden“, sagt er.  

„Man hat einen inneren Antrieb, weil man das, was man tut, für richtig und für wichtig hält.“ Brandt wisse, dass er als Bundestagsabgeordneter ein privilegiertes Leben führe. Doch 20 Jahre im Parlament sitzen, das möchte er nicht. Irgendwann will er von der politischen Bühne abtreten und auf eine andere zurückkehren. Auf die des Staatstheaters in Karlsruhe. 

Weitere Informationen

Die Autor*innen studieren am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Infos über das Projekt Jung. Macht. Politik. der Uni Mainz in Kooperation mit hr-iNFO gibt es hier. Fragen und Feedback? Gerne per Mail an jungmachtpolitik@hr.de!

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