Silhouetten von Paradiesvögeln auf einer Stange, einer sticht farbenprächtig heraus

Auf den ersten Blick passen manche Menschen nicht zu der Partei, in der sie sich engagieren. Etwa wegen ihrer politischen Haltung, ihrer Herkunft oder ihrer Religion. Dennoch werden sie Mitglied. Auch in der U35-Riege gibt es sie, die Exoten in den Parteien.

Clemens Traub ist 22 Jahre alt, aber ein Sozialdemokrat vom alten Schlag. Von Themen, die in den vergangenen Jahren vor allem bei Gleichaltrigen Aufschwung erlebt haben, lässt er sich nicht beeindrucken: Bei ihm kommt Grundrente vor Gendern, Altersarmut vor Artensterben. Er kritisiert seine Kommiliton*innen, die das anders sehen: „Linkssein hört für sie dort auf, wo es irgendwie nach Kleinbürgertum und Kleintierzuchtverein aussieht. Passt nicht in die Instagram-Story. Zu wenig Sexappeal.“, schreibt Traub in einem Online-Artikel. Gegen die Klimaschutzbewegung Fridays for Future hat er sogar eine Streitschrift verfasst. Damit ist der Mainzer Student jedenfalls in der jungen Riege der SPD und deren Jugendorganisation Jusos ein Exot.

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zum Video Clemens Traub: Fridays for Future muss inklusiver werden

Clemens Traub
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So wie sich Clemens Traub in der SPD fühlt, etwas anders als der Rest in der Partei eben, hat wohl jede Partei ihre Querdenker*innen, ihre Rebell*innen, ihre Außenseiter*innen. Sie tanzen mal aus der Reihe, sind aber wichtig: Denn sie können dazu beitragen, die Vielfalt der Gesellschaft widerzuspiegeln, Parteilinien zu hinterfragen und Minderheitsmeinungen Gehör zu verschaffen.

„Wer passt schon zu seiner Partei?“

Vorneweg muss geklärt werden: Gibt es überhaupt Exoten – oder nehmen wir nur Abweichungen von Klischees darüber, wie ein SPDler, eine aus der Union oder die von der FDP gefühlt so sind, wahr? Politikwissenschaftler Dennis Spies von der Universität Düsseldorf sagt, die Vorstellung vom typischen Parteimitglied sei unsere glorifizierte Vorstellung der Vergangenheit: „Wer passt schon zu seiner Partei? Sind jetzt nur Studenten, gut gebildet, bei den Grünen? Die Fabrikarbeiter in der Gewerkschaft, die sind alle bei der SPD? Das war niemals richtig und wenn es jemals irgendwann zutreffender war, dann sind die Zeiten vorbei.“ Vor diesem Hintergrund wirken auch augenscheinlich unpassende Parteimitgliedschaften weniger kurios.

Und doch stutzt man erst einmal, wenn man liest, dass es eine Bundesvereinigung der „Juden in der AfD“ (JAfD) gibt. Jüd*innen in einer Partei, die Rechtsextremist*innen und offenkundig ausländer*innenfeindliche Mitglieder beheimatet und nicht zuletzt deshalb in Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Für Artur Abramovych schließt sich das nicht aus. Er klingt stolz, wenn er von der Bundesvereinigung JAfD erzählt. Der 24-Jährige hat den Verein 2018 mitgegründet, ist stellvertretender Vorsitzender und habe „im August 2019 die erste größere Israel-Delegationsreise der AfD organisiert und geleitet.“

Jung, Migrationshintergrund, jüdisch – verirrt ins rechte Milieu?

Artur Abrmovych, AfD

Abramovych ist Jude – und überzeugter AfDler. Wie passt das zusammen? Was für viele wie das Paradoxon schlechthin klingen mag, ist für Abramovych und einige andere offenbar kein Widerspruch. Die JAfD zählen derzeit beschauliche 24 Mitglieder, aber auf Facebook fast 12.800 Follower*innen. Das sind deutlich mehr als bei der mitgliederstärkeren Gruppe „Christen in der AfD“, die laut eigenen Angaben 300 Mitglieder zählt, aber nur knapp 5.800 Follo-wer*innen hat. Das Thema genießt offenbar Aufmerksamkeit.

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„Die JAfD ist weit davon entfernt, jeden einzelnen AfD-Politiker zu verteidigen.“ Zitat von Artur Abramovych
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Doch warum entscheiden sich junge Menschen wie Abramovych überhaupt dafür, sich in jener Partei zu engagieren, die ihnen augenscheinlich nicht wohlgesonnen ist? Denn Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber stellt in seiner politikwissenschaftlichen Analyse fest, dass die AfD immer wieder fremdenfeindlichen Stereotypen und pauschale Herabwürdigungen von Menschen mit Migrationshintergrund verbreite.

Politikwissenschaftler Dennis Spies forscht zu Russlanddeutschen in der AfD – und hat zumindest bezüglich dieser Gruppe eine Erklärung dafür: Die eigene Migrationsgeschichte, kulturelle Identität spielten noch immer eine Rolle bei der Unterstützung einer Partei. So wie in der AfD generell gebe es auch in der Gruppe der Russlanddeutschen in der AfD migrationskritische Einstellungen, sagt Spies.

Er stellte 2017 in einer Studie fest, dass viele Russlanddeutsche ihre Migrationsgeschichte als „Schablone“ nutzten, „um die Legitimität der neu hinzukommenden Einwanderer und vor allem der Flüchtlinge seit 2015 zu bewerten.“ Vergleiche werden angestellt: „‘Ich hatte es schwerer, warum haben die es so leicht?‘ Das ist durchaus so eine Argumentationslinie, die wir in unseren Interviews festgestellt haben, die dann auch dazu führt, dass die AfD unterstützt wird“, berichtet der Politikwissenschaftler.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Dennis Spies zur Migrationsgeschichte von Russlanddeutschen

Dennis Spies
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Kritisch gegenüber Migration sind auch die „Juden in der AfD“, aber nicht etwa aufgrund des Vergleichs mit einer eigenen Migrationsgeschichte, sondern wegen der Angst vor muslimischem Antisemitismus, wie in ihrer Grundsatzerklärung nachzulesen ist. Für Artur Abramovych sei die Unzufriedenheit mit der Migrations- und Israelpolitik der Großen Koalition ein Grund gewesen, sich für die AfD als Partei zu entscheiden. Zudem ist Abramovych zufolge besonders in linken Parteien „ein solcher Hass auf alles Nationaljüdische verbreitet“, dass die AfD „dem ganz ohne Zweifel vorzuziehen ist.“ Abramovych sagt aber auch: „Die JAfD ist weit davon entfernt, jeden einzelnen AfD-Politiker zu verteidigen.“

Bei Abramovych habe ein weiterer Faktor 2017 zum AfD-Beitritt beigetragen: „Konkret dazu bewegt, letztlich in die AfD einzutreten, haben mich rein persönliche Gründe, genauer gesagt eine beginnende Freundschaft mit dem seinerzeitigen Kreisvorsitzenden der AfD Freiburg. Damals war ich allerdings schon lange AfD-Anhänger“, sagt der Student der Neueren Deutschen Literatur. Das soziale Umfeld könne häufig den Impuls für einen Parteibeitritt geben, weiß Yvonne Lüdecke, die an der Universität Hannover zu Parteimitgliedern forscht: „Oft sind Freunde oder Familie schon Mitglieder, sodass innerhalb der Familie schon eine Sozialisation stattgefunden hat und man dann auch in dieser Partei bleibt.“

Im Spannungsfeld zwischen Feminismus und Konservatismus

Die CDU-Politikerin Jenna Behrends

Anders als bei Artur Abramovych waren es für die Berliner CDU-Bezirksverordnete Jenna Behrends persönliche Erfahrungen, die sie in die Politik trieben. Mit 23 Jahren bekam sie ihr erstes Kind. Mutterschutz, Kindergeld und Elternzeit ließen sie zunächst in dem Glauben, dem deutschen Staat sei es wichtig, dass es Familien gut ginge. Doch die Realität habe sie schnell eingeholt: Sie suchte, wie sie sagt, „ewig“ nach einer Hebamme und habe „keinen Kinderarzt gefunden, da unser Bezirk vermeintlich überversorgt war, aber doch niemand mehr da war, der neue Kinder aufnahm.“ Erfahrungen, die Behrends dazu bewegten, in der Politik aktiv zu werden. 2015 trat sie in die CDU ein.

Zu einer Exotin in der CDU machen Behrends aber nicht nur ihre kritischen Töne gegenüber der Familienpolitik, die ihre eigene Partei in den letzten vier Legislaturperioden als Regierungspartei mit zu verantworten hat. Auch ihre Reaktion auf den YouTuber Rezo, der die CDU vergangenes Jahr in einem seiner Videos äußerst kritisch anging, hatte für Aufsehen gesorgt. Behrends antwortet dem YouTuber in einem Videokommentar und bemängelte fehlende Lösungsansätze.

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„Der kann doch nicht einfach sagen, was er alles scheiße findet und das dann so stehen lassen. ‘Ihr fickt unseren Planeten’ reicht mir nicht als politisches Statement.“ Zitat von Jenna Behrends
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Vor allem aber die von Behrends losgetretene Sexismus-Debatte in der CDU scheint das Bild einer parteipolitischen Querdenkerin zu manifestieren: 2016 verfasste sie einen offenen Brief, in dem sie ihren Parteikollegen Frank Henkel beschuldigte, sich ihr gegenüber sexistisch verhalten zu haben. Jenna Behrends, die junge Mutter und damalige Jura-Studentin, gegen die alten Herren in der CDU. Irgendwie konfrontativ – und doch sagt sie: „Ich polarisiere nicht gerne. Aber ich fürchte, dass manche Änderungen nur so funktionieren.“ Für sie ist die CDU keineswegs die falsche Wahl, sondern eine Partei „in der es sich sehr lohnt, sich zu engagieren.“ Und Behrends ergänzt: „Ja, ich bezeichne mich selbst als konservativ, auch wenn das manchmal Menschen überrascht.“

Genauso überrascht dürften manche Menschen sein, wenn sich Clemens Traub, der junge Sozialdemokrat, dem politisch linken Spektrum zuordnet. Zwar kritisiert er sowohl Fridays for Future, die Gestaltung des Kampfes gegen Rechtsextremismus als auch das generelle Auftreten der politischen Linken in Deutschland permanent. Wirklich ausgefallen wirkt das aber höchstens, weil er sich dadurch stark von seinen (Alters-)Ge-noss*innen abgrenzt. Kann er mit seinen klassisch-sozialdemokratischen Positionen überhaupt als Exot gelten – oder ist es bei dem 22-Jährigen vielmehr die Kombination aus jung und eher konservativen Positionen, die ihn zu einem Außenseiter mit buntem Gefieder in den Reihen der SPD macht? Eine Frage, die wohl offenbleiben muss.

Meinungsvielfalt besonders wichtig

Aufbrechen, aufmischen und auffordern: Mehr Vielfalt in Parteien und die Repräsentation aller gesellschaftlichen Gruppen. Individualität in Parteien nicht zum Ausschlusskriterium machen, sondern als Chance nutzen. So sieht es zumindest Jenna Behrends - vielleicht ein Plädoyer für die Zukunft:

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„Jeder, jede von uns ist individueller Mandatsträger und hat eigene Positionen. Die können zum Teil von der offiziellen Parteilinie abweichen und - das ist ja gerade das Spannende - wenn sie gerade nicht offizielle Parteilinie sind, können sie offizielle Parteilinie werden.“ Zitat von Jenna Behrends
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Die Beispiele zeigen: Viele junge Politiker*innen halten den Status als Paradiesvögel aus. Aber werden die Exoten irgendwann an ihren Ansichten in der Partei scheitern? Oder aber einmal als Vordenker*innen gelten? Vielleicht werden sie in Zukunft auch dazu beitragen, die Parteilinien zu überdenken und Minderheitsmeinungen Gehör zu verschaffen. Für Clemens Traub ist jedenfalls klar: „Je mehr eine Partei diese Vielfalt akzeptiert und sogar schätzt, desto besser und erfolgreicher kann eine Partei letztendlich sein.“

Weitere Informationen

Jung. Macht. Politik.

Die Autor*innen studieren am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Infos über das Projekt Jung. Macht. Politik. der Uni Mainz in Kooperation mit hr-iNFO gibt es hier. Fragen und Feedback? Gerne per Mail an jungmachtpolitik@hr.de!

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