Samy Deluxe rappt auf dem Benefizkonzert „Peace x Peace“ 2017 in Berlin

Rap ist der neue Punk – zumindest als Kanal für politische Botschaften. Warum hinter Rap so viel mehr stecken kann als oberflächliche Reviermarkierung.

18 deutsche Rapper*innen haben sich wenige Wochen nach dem Anschlag von Hanau zusammengeschlossen und einen Benefiz-Song veröffentlicht – ein über acht Minuten langes Statement gegen Rassismus, Diskriminierung und geistige Brandstiftung. „Menschen bezahlen mit dem Leben aufgrund ihrer Herkunft, ich kann es nicht fassen. Im Jahre 2020 ist Rechtsextremismus noch immer ‘ne Plage“, rappt Azzi Memo zu Beginn des Songs. Der 26-Jährige ist selbst in Hanau aufgewachsen und Initiator der Zusammenarbeit.

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Quelle: Youtube/ Azzlackz
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Musik ist laut Christian Grüny, Musikphilosoph am Max-Planck-Institut in Frankfurt, ein wirkungsvolles Mittel, um Menschen zu erreichen. Vor allem Musik mit Energie und Bewegung könne gut politische Statements transportieren. Aber wie politisch ist das Musikgenre, das derzeit wie kaum ein anderes in den deutschen Charts vertreten ist? Rapper wie Haftbefehl, Apache 207 und Co. werden auf YouTube und Spotify millionenfach abgerufen. Niemand hat bisher mehr Nummer-1-Platzierungen in den deutschen Charts eingefahren als Capital Bra (insgesamt 20). In der Welt von männlichen Rappern wie Haftbefehl oder Kollegah scheinen allerdings Muskeln, Tattoos, Autos und Geld die Themen zu sein, die einen ganz nach vorne bringen – nicht politische Statements. Alles Macho, oder was?

Nicht wirklich. Für Ayla Güler Saied hat Rap immer eine politische Dimension. Auch, wenn die erstmal nicht explizit zum Vorschein komme. Die Soziologin beschreibt in ihrem Buch „Rap in Deutschland“, weshalb Rap oft auch heute noch als Musik des Widerstands gesehen wird, als Ausdrucksmittel der schwarzen Minderheit in den USA. Auch in Deutschland sei durch Rap und Hiphop eine Gruppe sichtbar geworden, die von Gesellschaft und Politik nach wie vor oft ins Abseits gestellt werde: migrantische Jugendliche.

Rapper*innen antworten auf gesellschaftliche Ereignisse

Wie 2020 haben Künstler*innen bereits in den 1990er-Jahren mit Rap-Songs auf Ereignisse wie die rassistischen Anschläge in Mölln, Solingen und Hoyerswerda geantwortet. Antworten, die auch in diesem Jahrtausend offenbar noch notwendig sind: Den gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA – Auslöser für die weltweiten #BlackLivesMatter-Proteste – verarbeitet Samy Deluxe etwa in „I can’t breathe“. Und nach Hanau eben „Bist du wach?“ von Azzi Memo und Co.

Ayla Güler Saied zufolge sind solche Songs für die Angehörigen der Opfer ein wichtiger Support. Es zeige ihnen, dass Menschen hinter ihnen stehen. „Rap ist in diesem Kontext eine Facette von Empowerment und eine Facette vom Kampf um Anerkennung, von Positionierung und Anklage“, so die Soziologin.

Rap beeinflusst auch andere Genres

Zum Anschlag von Hanau äußert sich auch der Mainzer Singer-Songwriter Sinu auf Instagram: „Du glaubst, was in Hanau passiert, betrifft dich nicht? Du glaubst, Rassismus ist eine Meinung?“ Und schiebt hinterher: Wer sich mit solchen Aussagen identifizieren könne, solle ihm auf Instagram entfolgen.

Aus Sinus Feder stammt auch das politische Lied „Bin ich deutsch?“. Sinu, bürgerlich Sinan Köylü, singt darin über Rassismus-Erfahrungen in seiner Jugend: „Sein Teenager-Herz hasste die 50 Prozent vom Bosporus in ihm immer mehr“. Früher war es für den Musiker schwer, seine Herkunft zu akzeptieren: Er ist in der Türkei geboren, hat in Izmir die ersten Jahre seiner Kindheit verbracht. Sein Vater stammt von dort, seine Mutter ist Deutsche.

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Quelle: Youtube/ Sinu
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Gerade als Jugendlicher hätten ihn Mitschüler*innen oft auf seine türkischen Wurzeln reduziert, ihm rassistische Sprüche an den Kopf geworfen. Die Beleidigungen hat Sinu nie vergessen und sie sich aufgeschrieben, um sie später in einem Song zu verarbeiten. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hat sich seine Einstellung jedoch geändert: Er ist stolz auf seine türkischen Wurzeln und verteidigt sie. Das Lied „Bin ich deutsch?“ wird zu einer wütenden Antwort auf die diskriminierenden Erfahrungen von damals.

Rap als Innovationsmotor

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zum Video Der Mainzer Singer-Songwriter Sinu sieht im Rap einen "Innovationsmotor".

Mainzer Singer-Songwriter Sinu
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Seit er seine deutsch-türkische Identität „embraced“, wie er sagt, macht er auch Musik auf Türkisch.

Er sieht sich dabei innerhalb seines Genres als Pionier – im Hiphop sei es schon lange gang und gäbe türkische oder arabische Begriffe einzuflechten, aber als Singer-Songwriter und Popmusiker betrete er damit Neuland. Rap hingegen sieht Sinu als einen Innovationsmotor in der deutschsprachigen Musik. „Ganz viele Dinge passieren zuerst im Rap“, sagt er. Gerade politische Musik finde in Deutschland hauptsächlich im Rap statt.

Von grün bis braun: Rap ist ein Spektrum

Aber politische Inhalte müssen sich in der Musik nicht immer primär um Rassismus drehen. Das zeigt die Klimabewegung Fridays for Future (FFF), die auf ihren Kundgebungen regelmäßig Livemusik aus riesigen Boxen dröhnen lässt. Mit dabei sind nicht nur große Bands wie Deichkind und Seeed, sondern auch Künstler*innen mit grünem Content: beispielsweise die Indie-Band Hanne Kah aus Mainz oder der Rapper Finnomen aus Bonn. Auch in der Klimabewegung ist also Rap als Distributor für politische Botschaften angekommen.

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Quelle: Youtube/ FinnomenMusic
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In der rechten Szene spielt Musik seit jeher eine große Rolle. Vor allem Rock galt lange als das Genre, in dem sich rechte Musik abspielt. Tatsächlich ist die Musik der extremen Rechten aber viel breiter aufgestellt: Das Spektrum reicht von Punkrock über Mainstream-Pop bis hin zu Liedermachern und Nazi-Black-Metal, sagt Musikwissenschaftler und Rechtsrock-Experte Thorsten Hindrichs. Man müsse verstehen, dass Musik immer eine große Rolle im Alltag spielt: „Das ist bei Nazis und Neonazis überhaupt nicht anders.“ Die extreme Rechte müsse für ihre Akteur*innen eine alltägliche Lebenswelt bereitstellen, um sie in der Szene zu halten.

Musik in der rechten Szene ist längst nicht mehr nur Rock

Die Musik der rechten Szene wandle sich somit, wie in anderen Kreisen auch, im Laufe der Zeit nach Geschmäckern und Vorlieben ihrer Mitglieder. Kein Wunder also, dass auch hier Rap nach und nach Einzug hält. Laut Hindrichs hat die extreme Rechte schon vor etwa zehn Jahren angefangen, mit Rap zu experimentieren. „Obwohl sowohl die Medien als auch die Wissenschaft damals sehr alarmiert waren, ist das innerhalb der etablierten extrem rechten Szene überhaupt nicht gut angekommen“, so Hindrichs.

In der etablierten Rechtsrock-Szene habe Rechtsrap laut Hindrichs noch keine Bedeutung. Aber es gibt ihn. Das Ziel: Eine jüngere Zielgruppe ansprechen. Denn wer sich heute auf Rechtsrock-Konzerten umsieht, findet dort vor allem gealterte Neonazis. „Was auffällt ist, dass eigentlich keiner der Beteiligten von Haus aus Rapper oder Musiker ist, sondern dass das alles Aktivisten oder Neonazis sind, die jetzt Rap verwenden, um in irgendeiner Weise Anschluss an Jugendliche zu finden“, sagt der Musikwissenschaftler. Rap ist also auch hier ein Werkzeug des politischen Aktivismus.

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Einer dieser Aktivist*innen, die Rap für ihre politischen Botschaften nutzen, ist Chris Ares. Der 28-jährige Allgäuer wird seit 2016 vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz als Rechtsextremist eingestuft; Spotify und Amazon haben sein aktuelles Album aus ihrem Angebot gestrichen. In seinen Songs und Videos macht er seine Nähe zur Identitären Bewegung deutlich. „Aufrecht stehen, absolut, gerade geh'n, deutsches Blut. Patrioten, die sich wehr'n, wir ham' von dem Scheiß genug. BRD hart gestört, BND abgehört. Doch wir zwei weichen nicht bis uns das Land gehört“ – mit Texten wie diesem aus dem Song „Neuer Deutscher Standard“ erreicht Chris Ares zusammen mit Rapper Prototyp eine halbe Million Menschen auf YouTube. Seine rechte Gesinnung verschleiert er in seinen Songs nicht. Zu einem Interview war Ares allerdings nicht bereit.

Die Grenzen des Sagbaren im Rap haben sich ausgedehnt

Nicht nur Rechtsrapper fallen wegen ihrer politischen Gesinnung auf. In Folge der „Echo“-Preisverleihung 2018 kam es zu einem Eklat, nachdem die Rapper Kollegah und Farid Bang aufgetreten waren und den Preis für das „Album des Jahres“ bekommen hatten. Ihnen wurde vorgeworfen, in ihren Texten gewaltverherrlichende und auch antisemitische Aussagen zu tätigen. Laut Soziologin Ayla Güler Saied haben sich auch im Rap die Grenzen des Sagbaren erweitert – trotz der Überspitzungen, die im Rap ohnehin schon als Stilmittel eingesetzt werden. So würden auch menschenverachtende Texte gesellschaftliche und politische Positionen widerspiegeln.

„Rap ist Partykultur und politisch gleichzeitig“, sagt Güler Saied. „Das ist Ernst und Spaß und Übertreibung und Menschenverachtung und Forderung von Respekt und Anerkennung – ein Wirrwarr von Forderungen und Phänomenen, die da gleichzeitig zum Ausdruck kommen.“

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Jung. Macht. Politik.

Die Autor*innen studieren am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Infos über das Projekt Jung. Macht. Politik. der Uni Mainz in Kooperation mit hr-iNFO gibt es hier. Fragen und Feedback? Gerne per Mail an jungmachtpolitik@hr.de!

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