Helena Marschall

Das Verhältnis zwischen jungen Menschen und der Politik ist kompliziert. Schüler*innen engagieren sich, dürfen aber noch nicht wählen. Wenn es endlich so weit ist, gibt ein Drittel der Erstwähler*innen keine Stimme ab. Irgendwo auf der Strecke zwischen Straßendemonstration und Plenargebäude ist der Gesprächsfaden zwischen Politiker *innen und Jugendlichen abgerissen. Wie können sich junge Menschen und Politiker*innen wieder aufeinander zubewegen?

Helena Marschall hat ihren Schal tief ins Gesicht gezogen an diesem nassgrauem Februartag in Hamburg. Die 17-jährige Schülerin lächelt einem Pulk von Fotograf*innen entgegen. Hinter ihr stehen 20.000 Menschen, vielleicht sind es auch 50.000. So genau hat am Ende niemand mehr durchzählen können. Die Tagesschau wird am Abend ein Meer aus Fahnen und Transparenten zeigen. Im Rücken von Marschall hält jemand ein Plakat hoch: „Apfelsaft statt Kohlekraft“. Schräg vor ihr steht auf einem Protestschild: „Skolstrejk för klimatet“. Greta Thunberg reckt es in die Höhe.

Ein weißes Pappschild, drei Worte und eine schwedische Schülerin, die mit ihrem Streik eine globale Klimabewegung auslöst. Die Fridays for Future-Demo in der 79. Streikwoche ist die letzte große Kundgebung bevor die Pandemie Massenveranstaltungen unmöglich macht. Auch wenn in den Wochen danach mehr über Infektionsschutz als über Klimaschutz diskutiert wird, hat die Protestbewegung die Debatte grundlegend verändert und gezeigt: Die Jugend ist engagiert, junge Menschen wollen gestalten.

Helena Marschall: Von Beginn an bei Fridays for Future

Helena Marschall zählt von Beginn an zu den Unterstützer*innen von Fridays for Future. Die Abiturientin organisierte den Sommerkongress im vergangenen Jahr und attackierte Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser auf der Aktionärsversammlung des Milliardenkonzerns. Zusammen mit Greta Thunberg und Luisa Neubauer ist sie zum Gesicht einer jungen, politisch engagierten Generation geworden. Parteipolitiker*innen spüren das. Sie werden dazu aufgefordert, ihre Arbeit zu rechtfertigen. Mal attackieren sie die Protestgruppe, mal suchen sie die Nähe zu ihr.

„Wir sind vor allem auf der Straße, weil Berufspolitiker ihren Job nicht machen und laufend ihre Versprechen brechen“, sagt Marschall. Aus dem Unmut über die etablierten Parteien erwächst der Protest – so geht es zumindest der jungen Frankfurterin und ihren Mitstreiter*innen. Bei vielen anderen Altersgenoss *innen schlägt Politikfrust vor allem in Desinteresse um. Das legen die Wahlstatistiken der letzten Jahre nahe. Bei der Bundestagswahl 2017 blieben 31,5 Prozent der unter 30-Jährigen zu Hause, das sind fast drei Millionen junge Menschen. Sie sind eine stumme Gruppe, aber zahlenmäßig groß. Seit jeher zählen die jüngsten Wahlberechtigten auch zu den wahlfaulsten.

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Partei oder Bewegung: Politikverdrossenheit bei Jugendlichen

Auch in Parteien engagieren sich immer weniger Jugendliche und junge Erwachsene. Die Junge Union (JU) bezeichnet sich selbst als größter politischer Jugendverband in Europa. Doch seit Jahren geht die Anzahl der Mitglieder zurück. Heute hat die Organisation 110.000 Mitglieder, 15.000 weniger als noch vor zehn Jahren. In Städten und Gemeinden haben Parteien immer größere Schwierigkeiten, Posten zu besetzen und Nachwuchs zu rekrutieren. Auch deshalb werden diejenigen, die Politik machen, immer älter. Der Altersdurchschnitt des Bundeskabinetts liegt mit 51 Jahren rund sieben Jahre über dem Altersdurchschnitt der deutschen Bevölkerung. Ein Parteiengagement kommt auch für Klimaaktivistin Marschall vorerst nicht in Frage: „In meinen Augen kann ich mit Fridays for Future mehr erreichen. Parteien denken mir da noch zu starr und festgelegt.“

Jugendverdrossenheit der Politik oder Politikverdrossenheit der Jugend? Beide Seiten sehen die Verantwortung vor allem beim jeweils anderen. Dabei wird offensichtlich: Zwischen Straßenprotest und Plenarsaal gibt es nur selten eine gemeinsame Gesprächsgrundlage.

Politikerreden auf Parteitagen, in Talkshows, im Bierzelt. Allein bei dem Gedanken daran verzieht Jana Kühnl ihr Gesicht. Sie hat in ihrem Leben Politiker*innen oft zugehört. „Zu oft“, wie sie selbst sagt: „Das ist dann meistens einfach nur ein Phrasenbingo und geht an der Lebensrealität junger Menschen komplett vorbei.“ Die 33-Jährige ist politisch interessiert, aber in keiner Partei aktiv. Sie stört sich daran, dass häufig über Jugendliche, aber nur selten mit ihnen geredet wird. Zusammen mit Freund*innen hat sie deshalb vor vier Jahren DEMO e.V. gegründet. Die Gruppe versteht sich als Lobbyist für die Demokratie und als Stimme der Jugend. Die zentrale Forderung der Initiative, die überparteilich und deutschlandweit aktiv ist: Das Wahlalter auf 16 senken. Und zwar bundesweit. Für die Initiative ist mitbestimmen der erste Schritt zum Mitgestalten. Wenn Jugendliche früher wählen dürften, steige auch ihr Interesse an Politik.

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„Spontan und unbefangen“: Professor Klaus Hurrelmann über Wählen ab 16

Dr. Klaus Hurrelmann beschäftigt sich schon seit Jahren mit Kinder- und Jugendforschung. Er spricht sich deutlich für die Beteiligung von Jugendlichen unter 18 aus.

Welche Fakten sprechen für ein aktives Wahlrecht für Jugendliche unter 18 Jahren?
Die meisten Menschen sind bereits mit 14 Jahren in der Lage aufzunehmen, um was es bei einer Wahl geht. Studien zeigen außerdem, dass die Pubertät in den letzten 50 Jahren immer früher beginnt. Die Jugendlichen kommen schneller in die persönliche, körperliche und geistige Entwicklung und haben damit eine intellektuelle Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit. Wenn man Früh- und Spätentwickler berücksichtigt, dann ist das Alter 16 die sichere Variante.

Wenn Jugendliche gefragt werden, ob sie selbst bereits wählen möchten, antworten knapp über die Hälfte mit Nein. Wie passt das zusammen?
Jugendliche scheuen ein Stück weit die Verantwortung. Wenn sie aber dann das Wahlrecht zugesprochen bekommen, interessieren sie sich stärker für politische Zusammenhänge. Sie haben das Gefühl, sich aktiv beteiligen zu können.

Welches Wahlverhalten zeigen Jugendliche?
Wenn junge Menschen wählen dürfen, wählen sie Parteien nicht unter strategischen Gesichtspunkten, sondern spontan und unbefangen. Sie achten stark darauf, was Kandidat*innen sagen. Das Spektrum von politischen Meinungen im Parteiensystem wird deutlich erweitert. Junge Leute sorgen dafür, dass neuartige Positionen eine Chance haben und Konkurrenz entsteht. Die Parteien müssen ihren Wahlkampf dann auch auf diese Zielgruppe ausrichten.

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Wahlalter je nach Bundesland unterschiedlich

Die Forderung, das Wahlalter zu senken, ist weder neu noch sonderlich innovativ. Erstmals wurde darüber Mitte der 1960er Jahre im Zuge der Studierendenproteste diskutiert. Viele hofften dadurch, den Protest der Jugendlichen in die parlamentarische Demokratie integrieren zu können. 1972 senkte der Bundestag das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre. Seitdem bleibt es ein Streitthema.

SPD, Grüne und Linken sind dafür, die CDU positioniert sich geschlossen dagegen. Zuletzt hatte Grünen-Chef Robert Habeck die Debatte wieder ins Rollen gebracht, und auch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sprach sich dafür aus, 16-Jährige bundesweit wählen zu lassen. In den letzten Jahren hat sich trotz allem wenig bewegt. Einzelne Bundesländer haben das Wahlalter zwar auf 16 Jahre gesenkt, auf Bundesebene ist Wählen allerdings weiterhin erst mit 18 Jahren erlaubt.

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Diskussion auf Augenhöhe statt Symbolpolitik

An der Goethe-Universität Frankfurt forscht die Erziehungswissenschaftlerin Yağmur Mengilli zu Jugendkulturen und politischer Teilhabe. Das Wahlalter zu senken, sieht sie als nette Geste, als ein Entgegenkommen der Politik an junge Menschen. Doch viel wichtiger ist Mengilli ein Dialog beider Seiten: „Wer Jugendliche ernst nehmen möchte, muss ihnen auch zuhören.“ Wer als junger Mensch ein Kreuz auf dem Stimmzettel setzen darf, fühlt sich damit noch lange nicht in politische Prozesse eingebunden, meint die Erziehungswissenschaftlerin. Eine junge, selbstbewusste Generation wünsche sich mehr Beteiligung und Interesse an ihren Themen. Politiker*innen müssten hier klar machen, was ihre Standpunkte sind und wie ihre Politik für kommende Generationen aussieht.

Die Klimaaktivistin Helena Marschall fühlt sich bei den politischen Debatten oftmals unverstanden und übergangen: „Politiker besuchen ein E-Sports-Event und denken, jetzt haben sie Politik für junge Leute gemacht. So klappt das aber nicht. Ich will einen Austausch auf Augenhöhe, keine Symbolpolitik.“

Politische Bierdeckel: politische Diskussionen im Alltag

Bei Demo e.V. hat man sich lange Gedanken gemacht, wie so ein Gespräch auf Augenhöhe aussehen kann. Am Ende haben sich die Initiator*innen für Barhocker entschieden und eine Location gewählt, in der alle zusammenkommen: die Kneipe. Während die Politiker auf den Barhockern Platz nehmen, dürfen die Gäste ihre Fragen an die Politikerrunde anonym auf Bierdeckel notieren. „Viele sind einfach zufällig am Tresen und bleiben aus Neugierde sitzen. So entstehen ganz andere Begegnungen als in Akademikerkreisen“, meint DEMO-Vorsitzende Kühnl. Viele ihrer Mitstreiter*innen waren früher selbst Nicht-Wähler*innen und schalteten bei jeder Politiktalkshow im Fernsehen ab. „Politik ist nicht unsexy. Sie wird aber oft schlecht vermarktet“, sagt Kühnl.

Bierdeckel demo EV

Bei der Bierdeckel-Fragerunde sind alle Fragen erlaubt und es wird auch alles gefragt: „Haben Sie schon einmal eine Flasche Korn geext?“, „Wie stehen Sie zu Studiengebühren?“ Für Kühnl ist es wichtig, dass beide Seiten aufrichtiges Interesse aneinander haben: „Es gibt keine Dummen im Saal, die sich die Welt von den Politikern erklären lassen müssen. Nervös sind eigentlich nur die Politiker, weil sie nicht wissen, welche Fragen auf sie zukommen.“ Statt mit Worthülsen sollen sie kurz und knapp antworten. Am besten so kurz, dass ihre Antwort auf einen Bierdeckel passt. Der Initiative ist es wichtig, den Bezug zur Lebensrealität junger Menschen herzustellen. Im Bundestag wird über die Anhebung des Mindestlohns diskutiert - was heißt das für mich als Auszubildenden? Wie soll ich davon profitieren?

"Ein ganz großer Moment für mich"

Klimaverteidigerin Marschall möchte am liebsten überall und mit jedem über Politik diskutieren. In Kneipen, auf Demonstrationen, in Klassenzimmern. Die Probleme unserer Zeit seien zu groß, um sie kommentarlos zur Kenntnis zu nehmen. Nach der Kundgebung in Hamburg hat sie viele Reaktionen erhalten. Von Freund*innen. „Cool, du warst im Fernsehen.“ Und von Journalist*innen: „Wie lange macht ihr das noch mit den Protesten?“ Noch lieber wären ihr inhaltliche Debatten, um Klimafragen, um die Zukunft. Auf der Demonstration in Hamburg hat ein Schüler ein Transparent gestaltet mit der Aufschrift: „Power to the people“. Marschall hat es nicht sehen können. Es war in ihrem Rücken, es waren sehr viele Plakate, die an diesem Tag dem Himmel der Hansestadt entgegengestreckt wurden. „Klar, reden ist schön und gut. Aber ich will verändern“, sagt Marschall. Mit 13 hat sie ihre erste politische Rede gehalten, mit 16 vor Fernsehkameras gestanden. Nächstes Jahr im September wird sie das erste Mal wählen dürfen: „Das ist grandios, ein ganz großer Moment für mich!“

Weitere Informationen

Jung. Macht. Politik.

Die Autor*innen studieren am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Infos über das Projekt Jung. Macht. Politik. der Uni Mainz in Kooperation mit hr-iNFO gibt es hier. Fragen und Feedback? Gerne per Mail an jungmachtpolitik@hr.de!

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