Person sieht sich auf Youtube Video von Alexander Kleine an

Rechte Influencer*innen richten sich im Netz an junge Menschen, die lange als unerreichbar galten. Mit Vollbart und Mate werben sie für eine Welt von gestern. Wie gehen sie vor?

Im Frühjahr spaltet sich das Volk - wenn der Imker nicht aufpasst. Alexander Kleine ist sich dieser Gefahr bewusst. Mit sanfter Stimme erzählt er seinen Zuschauer*innen bei Youtube vom Bienenjahr. Davon, wie die Bienen im Frühjahr turteln und sich im Winter gegenseitig wärmen; wie sie Generationen überdauern und wie sehr sie dem Menschen ähneln. In Schnittbildern sieht man Bienen über die Waben krabbeln, im Hintergrund läuft eine Klaviersonate. Das Video ist hochwertig produziert. Kleine steht im Imkeranzug vor der Kamera, trägt Vollbart, und mit seiner kumpelhaften Art wirkt er wie ein Freund von nebenan.

Das passiert auf seinem Youtube-Kanal “Malenki”. Zwei Klicks entfernt, auf seinem anderen Kanal, ist die Stimmung eine andere. Unter dem Label “Laut gedacht” kommentieren Kleine und dessen Co-Moderator dort tagespolitische Themen, und zwar von rechtsaußen. In dem Format, das Kleine selbst als Satire bezeichnet, machen sie Stimmung gegen Flüchtlinge oder verspotten die gleichgeschlechtliche Ehe. Zehntausende schauen ihre Videos.

Statt Hautcremes verkaufen politische Influencer Ideologie

Mit seinen Inhalten steht der rechte Youtuber Alexander Kleine für die sogenannte Neue Rechte, die Rassismus einen modernen Anstrich verleiht. Statt mit Springerstiefeln und Hakenkreuz trägt sie ihre Ideen mit Influencer*Innen in die Öffentlichkeit. Als Influencer*innen werden eigentlich Personen bezeichnet, die mithilfe ihres Social-Media-Auftritts für Produkte wie zum Beispiel Hautcremes werben. Influencer*innen der Neuen Rechten verkaufen zwar kein Produkt, dafür aber eine Ideologie. Sie gibt sich dabei betont angepasst: Inhalte werden hip und ansprechend verpackt. Und das in einer Sprache, die um plump-rassistische Parolen einen Bogen macht.

Welche Strategien stecken dahinter? Bei genauerem Hinsehen ergibt sich das Bild einer Szene, die alten Wein in neuen Schläuchen serviert. Und die beim Ausschank erstaunlich geschickt vorgeht.

Wie rechte Influencer*innen tarnen auch Bienen sich durch ihr Aussehen. Die gelb-schwarze Färbung teilen sie sich mit anderen Tieren, wie zum Beispiel Wespen oder Hornissen. Indem sie sich für andere Tiere ausgeben, wollen sich die Bienen Vorteile verschaffen. Mimikry nennt es der Biologe, und bei der Neuen Rechten ist die Idee dieselbe: Je ziviler die Sprache, desto schwerer fällt es, sie vom Diskurs auszuschließen. Die Neue Rechte habe gut verstanden, alte Ideen zivil zu verpacken, sagt Carina Book. Sie forscht und publiziert zur Sprache und Ideologie der Neuen Rechten. Als Beispiel für Mimikry nennt sie einen Sticker der sogenannten “Identitären Bewegung”, einer rechtsextremen Jugendorganisation, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. “Da steht nicht drauf ‘Abschiebung jetzt’ oder ‘Deportation jetzt’, sondern ‘Remigration und Hilfe vor Ort’”, sagt Book. “Das ist natürlich nicht auf den ersten Blick als etwas extrem Rechtes zu identifizieren und muss erstmal entschlüsselt werden.“

Wenn Kleine stehen bleibt, gehen die Zuschauer weiter

Ein weiterer rhetorischer Kniff, den Rechte online in Videos und Posts verwenden, ist laut Book die Anspielung. „Was haltet ihr eigentlich von Flüchtlingen in Zügen? Schreibt das einfach in die Kommentare,“ wird in „Laut gedacht“ das Publikum aufgefordert. Ein indirekter Verweis auf Deportationen von Jüdinnen und Juden im Holocaust. Das Besondere: Alexander Kleine bleibe an der Grenze des Erlaubten stehen, die Zuschauer*innen aber bewegten sich gedanklich weiter, meint Book. Dass sie den Sinn hinter der Aussage trotzdem erfassen, beweist ein Blick in die Kommentarspalte. “Flüchtlinge in Zügen, na da haben wir ja Tradition drin”, kommentiert dort ein User.

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Spricht man Kleine auf die Reaktionen von Zuschauer*Innen an, wiegelt er ab. Der Umgangston im Internet sei nun mal rau. „Wir spielen bei Laut Gedacht mit Umschreibungen und Übertreibungen“, erklärt er im Video-Interview. „Wir haben nicht den Anspruch, echte Nachrichten zu machen, wir machen halt Quatsch.“

Durch seine Webcam erkennt man in Kleines Zimmer Vintage-Möbel aus dunklem Holz. An der Wand hängt eine alte Europakarte, darüber ein Rehbockschädel. Seine Einrichtung erinnert an ein Café in Berlin-Friedrichshain. Kleine könnte mit seinem Vollbart und seinen zurückgebundenen Haaren der Barista sein. Noch lebt er in Leipzig, aber er überlegt wieder ins Umland zu ziehen. Dorthin, wo er aufgewachsen ist.

Ein Tor zur urbanen Mittelschicht

Heimat und Identität sind für die Neue Rechte zentrale Werte. Sie verbreiten die Idee des “Ethnopluralismus”. Ein Weltbild, in dem alle Ethnien zwar ihre Daseinsberechtigung haben, allerdings nur in ihrer „puren“ Form überleben könnten. Eine Mischung der Kulturen würde unwiderruflich zu deren Untergang führen. Die Neue Rechte pocht deswegen darauf, dass jede Ethnie auch in ihrem Staat bleibt. “Das ist der alte Rassismus einfach neu verpackt,” erklärt Carina Book.

Trotz dieser klassisch rechten Ansichten richtet sich die Neue Rechte heute an ein breiteres Publikum. “Es ist ihnen gelungen, ein Tor zu öffnen zur urbanen, jungen Mittelschicht, auch zu Frauen”, meint der Journalist Patrick Stegemann. Seit Jahren beobachtet er die Szene der Neuen Rechten im Netz. Durch die Aneignung von YouTube-Formaten und Popkultur würden rassistische Inhalte unter der Hand vermittelt werden. So werde nicht nur rechtes Gedankengut verbreitet, sondern auch eine rechte Gegenkultur geschaffen, argumentiert Stegemann: „Diese Gegenkultur knabbert von der Qualität nur am unteren Rand der gesamten Popkultur. Da ist nichts mit kultureller Kraft dabei.“

Dennoch sei sie von Bedeutung, sagt Christian Fuchs, Journalist und Autor des Buches „Das Netzwerk der Neuen Rechten“. Er sieht im Kulturangebot einen wichtigen Teil der „patriotischen Parallelgesellschaft“ aus, die die Neue Rechte schaffen will. “Neben dem politischen Angebot gelingt es ihnen so, auch eine emotionale Ansprache zu schaffen”, sagt Fuchs. Etwa mit einer eigenen Frauenbewegung, einer eigenen Jugendbewegung, eigenen Künstler*innen sowie Bier- und Modemarken.

Alexander Kleine scheint bereits in einer solchen Parallelgesellschaft zu leben. Er erklärt, für ihn sei es kein Problem, nur noch mit Imkern zu sprechen, die sein Weltbild teilen. „Man hat ein breites Kulturangebot, auf das man zurückgreifen kann. Ein Netzwerk, in dem man sich wiederfindet“, schwärmt Kleine.

Youtube, Instagram und Facebook als Plattformen

Doch nur wenige Menschen scheinen sich für die Einblicke in seinen Alltag zu interessieren. Nicht einmal ein Viertel von Kleines Followern hat den Film aus dem Keller angeklickt. Das Video über sein Bienenvolk wurde noch seltener gesehen. Die Abonnent*Innenzahl von Kleines Kanal stagniere bei 20.800, beklagt der YouTuber.

Im Vergleich mit anderen rechten YouTuber*Innen erreicht Alexander Kleine wenige Menschen. Der junge Aktivist Niklas Lotz lockt seit einem Jahr unter seinem Pseudonym „Neverforgetniki“ 140.000 Abonnent*innen auf seine Videos. Auf YouTube starrt Niklas Lotz in die Kamera und attackiert die Öffentlich-Rechtlichen und Merkels Asylpolitik. Eine weitere Influencerin ist die 19-jährige Naomi Seibt. Sie wurde zu einer Art Shooting Star der Klimawandelleugner*innen, seitdem sie sich als eine “Anti-Greta” inszeniert. Seibts Youtube-Kanal zählt 90.000 Abonnent*Innen aus dem In- und Ausland. Ihre Videos produziert sie inzwischen auf Englisch, und auch ideologisch könnte man sie bei ultrakonservativen US-Republikaner*innen verorten: Seibt schmäht den Klima-Aktivismus, die Hilfeleistungen an Geflüchtete und die Black Lives Matter-Bewegung. Wie auch Niklas Lotz nutzt Seibt Instagram und Facebook, um ihre Ansichten zu verbreiten.

Das kann Alexander “Malenki” Kleine nicht mehr: Seine Kanäle auf Facebook und Instagram wurden gesperrt. Laut Journalist Patrick Stegemann sind die Sperrungen der Hauptgrund für den Stillstand von Kleines Kanal. Trotz ihrer vermeintlich wenigen Abonnenten, dürfe man auch YouTuber*Innen wie Kleine nicht unterschätzen, meint Stegemann. “Das sind knallharte Rechtsextreme, die einer Gesellschaft zugeneigt sind, in der niemand von uns aufwachen wollte”, mahnt er. “Angesichts dessen, wie gefährlich ihre Ideologie ist, sind sie verdammt erfolgreich.”

Weitere Informationen

Die Autor*innen studieren am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Infos über das Projekt Jung. Macht. Politik. der Uni Mainz in Kooperation mit hr-iNFO gibt es hier. Fragen und Feedback? Gerne per Mail an jungmachtpolitik@hr.de!

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