Besuch beim Kinderarzt
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Kinderärzte sollen Misshandlungen erkennen und manchmal auch melden. Doch das ist keine leichte Aufgabe. Ein Besuch bei Kinderärztin Barbara Mühlfeld in Bad Homburg.

Der Alltag

Weißer Kittel, weiße Hose, gelbes Stethoskop um den Hals. Lächelnd begrüßt die Kinderärztin den jungen Vater und seinen fünf Monate alten Sohn. Eine Vorsorge-Untersuchung steht an. Der Vater zieht das Baby aus, nackt liegt es unter der Wärmelampe. Der Vater erzählt, dass das Baby häufig Schluckauf habe. Barbara Mühlfeld weiß, dass das kein Grund zur Sorge ist. Schluckauf komme bei Babys häufig vor, sagt sie. Behutsam und sehr konzentriert schaut sie sich das Baby an. Die Füße, die Ohren und den Kopf. Ihr Blick wandert immer wieder zum Vater. Ist er entspannt, wie fasst er das Baby an? Wirkt er überfordert?

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„Es gibt bestimmte Stellen am Körper, wo normalerweise bei einem Kind keine blauen Flecken hinkommen“ Zitat von Barbara Mühlfeld
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"In dem Alter ist es hauptsächlich die Frage, wie die Eltern mit dem Kind umgehen. Wie die Beziehung zu den Eltern ist, wie gut es ihnen gelingt, die Kinder zu beruhigen. Was für einen Eindruck man hat, welchen Stressfaktor es bei den Eltern durch das Kind gibt. Ob irgendwelche sozialen Faktoren eine Rolle spielen, also ob irgendwie die Situation zu Hause schwierig ist", sagt die Kinderärztin. Barbara Mühlfeld nimmt sich Zeit für diese Untersuchung.

Egal wie voll das Wartezimmer ist: Die Fachärztin will abklären, wie beweglich das Baby ist, wie es seinen Körper beherrscht. Aber auch, ob es Entwicklungsverzögerungen oder Risiken gibt. "Es gibt bestimmte Stellen am Körper, wo normalerweise bei einem Kind keine blauen Flecken hinkommen. Es hängt sehr vom Alter des Kindes ab und von dessen Bewegungsradius", sagt die Ärztin.

Das Problem

In ihrer Gemeinschaftspraxis hat sie jährlich zehn bis 15 Misshandlungsfälle. Die zu erkennen sei schwer, auch mit jahrzehntelanger Berufserfahrung. Denn nicht immer sind Spuren sichtbar. "Also wenn Kinder kommen, die geschlagen oder misshandelt werden, aber wo die körperlichen Spuren schon abgeheilt sind, dann sehen wir das natürlich nicht", sagt Mühlfeld.

Deswegen sei es sehr wichtig, genau hinzuhören was die Eltern erzählen: Gibt es Widersprüche? Rippenbrüche können bei einem Baby zum Beispiel nie durch einen Sturz passieren. Eltern wollen unbedingt Misshandlung verbergen und selbst einer erfahrenen Kinderärztin fällt es manchmal schwer, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen.

"Also das eine ist, dass das Thema emotional massiv belastet ist und dass kein Kinder- und Jugendarzt denken möchte, dass seine Patienten davon betroffen sind. Es gibt ein sehr starkes psychologisches Moment, davor die Augen zu verschließen. Gerade bei uns Kinder- und Jugendärzten", sagt sie.

Hat Mühlfeld einen Verdacht auf Kindesmisshandlung, nimmt sie Kontakt mit dem Jugendamt auf und darf den Fall anonym besprechen und sich beraten, wie sie weiter verfahren soll. Auch ohne Erlaubnis der Eltern.

Die Forderung

Sind also die Eltern der Schlüssel? Muss man sich besser um sie kümmern, damit sie nicht in die Überforderung kommen? Denn aus Überforderung kann Gewalt entstehen. "Wir würden uns wünschen, dass es mehr Information, mehr Hilfe zur Erziehung geben würde.

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Das Thema sollte eigentlich auch in den Schulen eine Rolle spielen", sagt Mühlfeld. Denn viele Eltern seien mit der Erziehung und mit der Frage, wie sie es richtig machen sollen, sehr überfordert.

Sendung: hr-iNFO, 16.5., 6:10 Uhr

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